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Ausgebrannt Lehrer am Limit

Ein hoher Migrationsanteil, immer mehr verhaltensauffällige Schüler, überkritische oder desinteressierte Eltern, Inklusion, Integration, Digitalisierung, Ganztagesschulen: Jeder dritte Lehrer in Bayern fühlt sich ausgebrannt. Wie kann man all diese neuen Herausforderungen meistern?

Stand: 21.06.2018

Unterrichtssituation, Lehrerin an der Tafel | Bild: BR

Die Zeiten, in denen es die vorrangige Aufgabe der Lehrer war, Wissen zu vermitteln, scheinen vorbei:  Lehrer müssen heute zunehmend Psychologen, Erzieher, Coaches sein – auch, weil Eltern die Erziehungsaufgaben mehr und mehr den Schulen überlassen. Sei es, weil sie berufstätig oder selbst überfordert sind. Trotzdem schwindet der Respekt vor den Pädagogen. Und auch daran haben Eltern ihren Anteil.

"Was ich in den 25 Jahren erlebt habe, war eine ständige Entwertung des Berufsstandes Lehrer. Auf der einen Seite wird gesagt: Das sind Halbtagskräfte mit ganz viel Urlaub. Auf der anderen Seite sagt man: Den Job möchte ich nicht machen. Wenn die Schüler zuhause das am Mittagstisch hören, können die auch nicht mehr mit Respekt in die Schule gehen. [...] Und dann wird es sehr schwierig."

Claudia Krämer, Realschullehrerin in Rheinland-Pfalz

Diese Respektlosigkeit führt auch zu einer zunehmenden Verrohung an Schulen: Aggressive Sprache, Mobbing und Gewalt. Diffamierung, Beleidigung und Bedrohung machen auch vor den Lehrkräften nicht halt. Krisengespräche im Kollegium, Benachrichtigung des Jugendamtes – von einem Lehrer alleine lassen sich die Probleme in seiner Klasse oft nicht mehr bewältigen. Jugendsozialarbeiter werden als Bindeglied zwischen Familien und Schule hinzugezogen. Häufig haben die allerdings nur wenige Stunden, dabei würden sie an vielen Schulen täglich gebraucht – für Gespräche mit belasteten Schülern, für die Zusammenarbeit mit Jugendämtern, Eltern, Lehrern und Therapeuten.

"Wir sind Profis für Unterricht und Erzieher. Aber wir sind keine ausgebildeten Sonderpädagogen, die auf Anhieb wissen, wie gehe ich mit verhaltensauffälligen Schülern um. [...] Wir haben Kinder da, die [...] teilweise so verwahrlost sind dass die keine geregelten Zeiten haben, dass nachts bis tief in die Nacht Fernsehen geschaut wird, am Computer gespielt wird. Die in der Früh dann nicht in die Schule kommen, weil sie nicht ausgeschlafen sind. Die ohne Frühstück in die Schule kommen. Die keine Arbeitsmaterialien haben. Wo dann das Jugendamt einschreiten muss. Und da brauch ich das Bindeglied hier an der Schule in Form von Jugendsozialarbeit um mit dem Jugendamt kooperieren zu können."

Tomislav Neckov, Schulleiter Albert-Schweitzer-Mittelschule Schweinfurt

Herausforderung Inklusion

Die Anforderungen an Lehrer haben sich also verändert. Von Elternseite aus, aber auch von Seiten der Politik. Denn nicht nur Kinder und Jugendliche aus schwieriger häuslicher Umgebung fordern die Pädagogen - auch ein durchaus positiver Gedanke bringt die Lehrer an ihre Grenzen: Im Jahr 2011 verabschiedete der bayerische Landtag das Gesetz zur Inklusion an Regelschulen. Das bedeutet, dass Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam unterrichtet werden. Stundenweise unterstützen Sonderpädagogen die Lehrer der Inklusionsklassen. Dabei ist die Palette der Einschränkungen der Kinder groß: Manche haben sozial-emotionale Auffälligkeiten, andere haben kognitive Einschränkungen, andere sehen oder hören schlecht.

Keine Vorbereitung im Studium

Auch wenn die meisten Lehrer das Konzept der Inklusion befürworten, so fühlen sie sich auf weiten Strecken aufgrund mangelnder personeller Unterstützung alleine gelassen. Vorbereitet wurden die Lehrer in ihrem Studium auf diese neuen Aufgaben ebenfalls kaum. Bis heute gibt es keine Pflichtseminare für Sonderpädagogik.

"Ich habe im Studium vielleicht einmal einen Fachartikel zum Thema Inklusion gelesen und man hat im Seminar darüber diskutiert, wie das umsetzbar ist. Und, dass der Gedanke erstrebenswert für uns alle ist. Aber ich hatte kein Modul, in dem ich darauf vorbereitet wurde."

Melina Irlbacher, Grundschullehrerin

Diagnose Burnout

Wie geht es den Lehrern mit all diesen Veränderungen? Öffentlich gibt kaum ein Pädagoge zu, dass er überfordert ist. Es ist die Angst vor Prestigeverlust und die Angst, den Ruf der Schule zu beschädigen, die die Lehrkräfte verstummen lassen. Doch dieser Druck ist für manche zu groß: Irgendwann brechen sie zusammen. Diagnose Burnout. Fast jede dritte bayerische Lehrkraft gab bei einer Umfrage an, sich ausgebrannt zu fühlen. Wie viele Lehrer tatsächlich erkranken und ausfallen, kann nicht ermittelt werden, weil Burnout keine formale Diagnose ist und nicht in Statistiken auftaucht.

"Bei älteren Kollegen ist es diese totale Veränderung der Schullandschaft und diese ständige Anpassung, die die Lehrer damit vollziehen müssen, ohne damit personell entlastet zu sein. Für die Jüngeren ist es oft die Frage, waren die wirklich für den Lehrerberuf geeignet? Es gibt ja hier keinerlei Auswahlkriterien, wie z. B. in Finnland. Ob jemand wirklich für den Beruf geeignet ist. Viele junge Leute, Frauen, gehen nach dem Abitur ins Lehramtsstudium, weil sie denken, Beruf und Familie lässt sich auf diese Weise wunderbar zueinander bringen. Was ja auf gewisse Weise stimmt. Aber auf der anderen Seite ist die Überraschung groß, wenn die im Referendariat sehen: Hm, das ist ja gar nicht meins."

Gisela Betz-Klöpfer, Oberärztin in Bad Kissingen, behandelt Lehrer mit Burnout

Ein Eignungsverfahren für Lehrer

Fällt ein Lehrer wegen Burnout aus, so fehlt er häufig zwischen 8 und 12 Monate. Unterrichtsausfälle sind die Folge. Und es ist auch eine Kostenfrage. So wird die Forderung nach einer Art Eignungstest für den Studiengang Lehramt lauter. Zum Schutz der Menschen – und der Staatskasse. An der Uni Passau wird so ein Eignungsverfahren bereits angeboten. Hierbei prüft ein Fachkomitee zu Semesterbeginn, ob die Kandidaten über die richtigen Grundkompetenzen verfügen. Das Ziel: Nur wirklich für den Beruf geeignete Studenten sollen Lehrer werden.

"Die Burnout-Quote ist ja im Lehrerberuf sehr hoch und auch sehr teuer. Ein „Burnout-Lehrer“ kostet im Durchschnitt 375.000 Euro - also nur ein Lehrer. Dann kann man aus mehreren Gründen sagen, dass so ein Eignungsverfahren sehr wichtig ist, aus mehrerlei Gründen. Einmal für die Gesellschaft. Wenn der bayerische Staat im Jahr 250 Millionen Euro nur für Burnout bezahlt, dann ist das ja eigentlich kurativ, also krankheitsbedingt. Das Geld wäre ja viel besser vorne eingesetzt. Zum Beispiel in ausführliche Beratungsgespräche, Coaching während des Studiums zum Beispiel. Da wäre das Geld gut angelegt, nur da passiert ja leider nichts bei uns."

Norbert Seibert, Professor für Schulpädagogik an der Universität Passau

Wie sieht also ein Lösungsansatz aus? Es sollen nur die Studenten Lehrer werden, die für den Beruf geeignet sind? Das ist sicher lobenswert – doch mit Sicherheit nicht der Weisheit letzter Schluss. Mit den neuen Anforderungen muss auch am Schulsystem gearbeitet werden. Vor allem an der Personaldecke. Die Meinung darüber, wie viel das bayerische Kultusministerium schon dafür getan hat, fällt äußerst unterschiedlich aus.

Zitate

"Bayern investiert hier eine Menge, wir haben jedes Jahr 100 zusätzliche Stellen für die Inklusion, insbesondere an den Regelschulen. Und wir unterstützen die Regelschulen mit mobilen sonderpädagogischen Diensten. Aber ich wiederhole es gerne, verständlicherweise auch aus der Sicht der Lehrkräfte, dass man mehr haben möchte, ist nachvollziehbar [...]. Ich glaube allerdings, dass Bayern hier eine ganze Menge angeschoben hat, und das Programm ist ja nicht beendet." Dr. Ludwig Unger, Pressesprecher des bayerischen Kultusministeriums

"Wir müssen uns da ganz im Klaren drüber sein: Inklusion haut nur hin im bayerischen Schulsystem, wenn es nicht zum Nulltarif on top geleistet werden soll. Bestehendes Personal rettet alles, die Kinder von geflüchteten Familien im wahrsten Sinne des Wortes, und rettet auch die zu inkludierenden Kinder. Es wird nicht funktionieren, wir fahren die Kiste an die Wand, wenn wir nicht erkennen, dass deutlich mehr finanzielle Ressourcen ins Schulsystem müssen, damit die Inklusion gelingt. Inklusion zum Nulltarif, zum Spartarif gibt es nicht. Das ist das, was wir jetzt machen, und das führt zu Widerständen." Simone Fleischmann, Präsidentin bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband

"Veränderungen stehen momentan vom Kultusministerium, glaube ich, nicht an, es läuft so weiter. Ein Beispiel: Wir haben die Inklusion seit 2009 als Gesetz und seit 2009 ist bei uns gar nichts passiert. Wir haben keine Sonderpädagogen, an der Universität keinen Sonderpädagogiklehrstuhl. Man macht vielleicht Fortbildungen, aber wenn ich Inklusion wirklich ernst meine und nicht mit Integration verwechsle, dann braucht der Lehrer unbedingt eine sonderpädagogische Ausbildung. Damit man eben diesen Kindern auch gerecht wird, damit man sie nicht nur erkennt, sondern auch fördern kann." Norbert Seibert, Professor für Schulpädagogik an der Universität Passau

Ein neues Konzept

Zwei Lehrer in einer Klasse: Teamteaching

In Berlin ist man in Sachen Schulsystemveränderung schon ein Stück weiter: Mitten in Kreuzberg, in der Albrecht-von-Graefe-Schule, wird ein neues Konzept ausprobiert - Teamteaching. In den Kernfächern halten immer zwei Lehrer gleichzeitig Unterricht. So werden die Schwachen mitgenommen und die Besseren gefördert, es entsteht keine Langeweile, keine Überforderung. Allerdings erfordert Teamteaching Umdenken. Lehrer als Einzelkämpfer im Klassenzimmer- von diesem Rollenbild müssen sich Pädagogen verabschieden. Jetzt werden Lehrer zum Teamplayer. Der Erfolg gibt absolut Recht: Früher gab es massive Probleme – heute entfällt kaum Unterricht, der Krankenstand ist so gering wie nie zuvor.

Die Aufgaben von Lehrern haben sich drastisch geändert. Und damit ist auch das Berufsbild des Lehrers im Umbruch. Neben mehr Experten aus anderen Fachrichtungen an der Schule braucht es auch ein neues Selbstverständnis.

"Die Schule kann nicht stehen bleiben in Strukturen und in Vorgehensweisen, in pädagogischen Ideen oder in Irrglaubenssätzen würde ich gerne jetzt mal sagen, aus dem vorigen Jahrhundert."

Simone Fleischmann, Präsidentin bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband

Zahlen und Fakten

Die Zahl der Kinder mit „emotional sozialen Entwicklungsstörungen“ hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt. Im Jahr 2005 waren es 46.000 Schülerinnen und Schüler, 2015 bereits 85.000. Mehr als die Hälfte dieser Kinder besucht die Regelschule. (Quelle: VBE-Gutachten, April 2017)

2011 (zwei Jahre nach Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention) hat der bayerische Landtag das Gesetz zur Inklusion an Regelschulen verabschiedet.

Mittlerweile gibt es in Bayern 298 Schulen mit dem Profil Inklusion. Dort werden Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam unterrichtet. Förderzentren bleiben aber weiterhin bestehen. Eltern sollen frei wählen können. Das Problem ist, dass in Förderzentren weiterhin viele Sonderpädagogen arbeiten, die an den Regelschulen dringend gebraucht werden.

Der Anteil der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an allgemeinen Schulen steigt: In Bayern waren es 2001 11,3 Prozent der Schüler und 2015 bereits 26,8 Prozent. (Quelle: Bertelsmann-Stiftung, 2016)

55 Prozent von über 1.000 befragten Lehrkräfte gaben an, dass es in den letzten fünf Jahren Fälle von psychischer Gewalt in Form von Diffamierung, Beleidigung und Bedrohung gegen Lehrkräfte an ihrer Schule gab. (Quelle: Verband Bildung und Erziehung und BLLV, November 2016)

Rund 30 Prozent der Lehrkräfte in Bayern „fühlt sich ausgebrannt“ (Quelle: Online-Befragung im Auftrag des bayerischen Beamtenbundes). Exakte Zahlen über den Krankenstand gibt es nicht. Die Schulbehörden erfassen sie nicht.

Seit 2009 hat das Team an der Universität Passau 1.500 Studenten auf ihre Eignung für das Lehramt getestet und dabei einem beachtlichen Anteil abgeraten, Lehrer zu werden: 10-15 Prozent.

Nur an zwei bayerischen Universitäten, München und Würzburg, können Studenten derzeit Sonderpädagogik im Lehramt belegen. Ab 2018 soll es mehr Lehrstühle geben - acht Jahre nach dem Bekenntnis zur Inklusion an Schulen.


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