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Gülle Gold der Bauern oder Umweltdesaster?

Früher war der Misthaufen der Stolz des Bauern, sein Gold. Denn die "Hinterlassenschaften" seiner Tiere waren der Dünger für seine Felder. Ein ökologischer Kreislauf. Heute ist aus dem Mist Gülle geworden. Viel Gülle. Das stinkt nicht nur manchem Bürger, sondern die Gülle bedroht auch unser Trinkwasser.

Stand: 02.06.2017

Ein intakter Boden - der hat Nährstoffe, ist mit Feinwurzeln durchzogen und in ihm leben jede Menge Regenwürmer. Hier gedeihen Getreide, Kartoffeln und Co. am besten.

Um das zu erreichen, schwören viele Bauern auf die natürliche Düngung – mit dem, was bei der Tierhaltung produziert wird: Gülle. Ein komplexes Kreislaufsystem aus Ackerbau und Tierhaltung - das auch kippen kann. Im Allgemeinen ist es so: Wird überdüngt, dann nehmen die Pflanzen die Nährstoffe aus der Gülle nicht mehr auf. Die sickern dann durch den Boden bis ins Grundwasser – in Form von Nitrat. Und das ist für den Menschen alles andere als unbedenklich: Im Körper wird Nitrat zu Nitrit. Krebserregend.

Gülle vs. Mineraldünger

Gülle besteht vor allem aus Wasser, beinhaltet aber auch Stickstoff (N), Ammonium Stickstoff (NH4-N), Phosphor (P205) und Kalium (K2O)

Diese Nährstoffe sind unterschiedlich stark enthalten, sodass jedes Fass analysiert werden muss – zum einen, um den finanziellen Wert zu bestimmen. Zum anderen, damit die Bauern wissen, wie viel sie davon auf ihre Felder ausbringen dürfen.

Beim Lagern und Ausbringen von Gülle entweicht Ammoniak, ein stechend riechendes, giftiges Gas.

In der Luft bildet es Feinstaub und beeinträchtigt damit die Gesundheit von Menschen.

Seit den 60er-Jahren haben die Bauern auch noch den Mineraldünger zur Verfügung.

Mit Mineraldünger konnten schnell und billig Nahrungsmittel erzeugt werden.

Beim Mineraldünger ist die Dosierung viel einfacher, denn der Gehalt an Nährstoffen ist gleichbleibend und auf dem Sack angegeben.

Durch die Einführung des Mineraldüngers stieg die Gesamtmenge an Dünger – und damit auch die Belastung auf den Feldern.

Noch heute werden beide Dünger verwendet.

Viele Tiere, wenig Land – eine Lücke im Kreislauf

Dieses Szenario ist mittlerweile längst eingetreten: Es gibt Gegenden in Deutschland, in denen die Nitratwerte im Grundwasser sehr hoch sind. Dies kann ein Zeichen dafür sein, dass die Böden eine geringe Haltefähigkeit haben und der Stickstoff fast ungehindert "durchrauscht". Es kann aber auch ein Zeichen sein für zu undifferenzierte Düngung und für die generelle Überdüngung der umliegenden Felder. Gerade dort wo Tierhaltung in großem Stil auf engem Raum betrieben wird, stellt man hohe Nitratwerte fest. Hier hat der Kreislauf eine Lücke: Die Landwirte besitzen zwar viele Tiere, aber nur wenig Ackerfläche. Zum einen können sie so das Futter für die Tiere nicht komplett selbst anbauen, sondern importieren es. Und die Gülle? Die ist zu viel, als dass sie auf die eigenen Ackerflächen ausgebracht werden könnte. Sie wird verkauft. Und manchmal legt sie dabei sogar richtig lange Wege zurück. Wie etwa in Norddeutschland.

Gülletransporte

Der Gülle-Handel ist mittlerweile ein beachtlicher Markt. Die Wegstrecken der Gülle-Transporte variieren von einigen wenigen bis zu guten 150 Kilometern. Häufig bekommt der Landwirt mit den Ackerflächen die Gülle umsonst – bezahlt wird der Transport von dem Landwirt, der den an sich wertvollen Dünger abgibt.  Für den Tierzüchter ist er häufig nur ein Abfallprodukt. Und so sind bei ihm Flächen zum Ausbringen der Gülle gefragt. Kann dieser Handel die Zukunft sein? Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes in Berlin, sagt ja. "Da ist die Spezialisierung der Bauern zum einen auf Viehhaltung und zum anderen auf Ackerbau. Und dazwischen der Transport." Doch dann gibt es zusätzlich noch Gülle-Importe aus dem Ausland: Besonders in Holland ist die Viehdichte in einigen Regionen viel höher als in Deutschland – sodass jährlich über eine Milliarde Liter Gülle aus Holland nach Deutschland transportiert wird.

"Die Niederlande haben früher die Gülle sehr smart beseitigt: Sie haben sie verklappt in die Nordsee. Das wurde ihnen verboten und dann haben sie das Zuviel aufs Land gebracht. Dann haben die neue Gesetze geschaffen. Die neuen Gesetze in den Niederlanden sagen aus, dass es Obergrenzen gibt. Und was machen die? Sie verklappen nach Deutschland rüber, weil wir die schwächeren Verklappungs-Gesetze haben – und das ist ein politischer Skandal."

Sebastian Schönauer, BUND Naturschutz

Und was tut die Politik?

Deutschland – unter den Schlusslichtern?

Lange Jahre war Deutschland in Sachen Einhaltung der Nitrat-Richtlinien in den allerletzten Plätzen in Europa eingeordnet. Besser gesagt: Wir lagen auf dem vorletzten Platz vor Malta. Doch mittlerweile ist klar, dass dies ein Statistikfehler war, denn in Deutschland verfolgte man ein anderes Messsystem. Korrigiert bedeutet das nun, dass Deutschland im Mittelfeld der Nitratsünder liegt. Entscheidend ist jedoch: Die Nitratwerte im Grundwasser haben sich seit 2008 weniger schnell verbessert als erwartet.

Im Herbst 2016 hat die EU-Kommission die Bundesregierung verklagt, weil sie in ihren Augen zu wenig für den Gewässerschutz getan hat: Die Nitrat-Richtlinie wurde laut EU verletzt. So kam eine verschärfte Düngeverordnung in Deutschland zustande. Zusätzlich will die deutsche Politik in Zukunft zum einen auch noch auf Freiwilligkeit und zum anderen auf finanzielle Anreize in der Landwirtschaft setzen. So forciert der Bayerische Landwirtschaftsminister in einem „Wasserpakt“ eine freiwillige Kooperation von Bauern und Wasserversorgern. Doch der Bayerische Gemeindetag, Auftraggeber der Wasserversorger, verweigert die Teilnahme am „Wasserpakt“. Denn es gibt auch schon viele andere Wasserkooperationsmodelle von Wasserversorgern mit Bauern, zum Beispiel in Unterfranken und Mittelfranken. Die Landwirte sollen dabei einen finanziellen Ausgleich bekommen, wenn sie weniger Schaden durch Überdüngung anrichten. Manche sehen darin einen klaren Verstoß gegen das Verursacherprinzip. Andere sehen es als gerechtfertigt und selbstverständlich an, dass man bei Einschränkung des Eigentumsrechts der Landwirte Ausgleich bezahlt.

Die neue Düngeverordnung

Gärreste aus Biogasanlagen müssen künftig miteingerechnet werden 

Die Düngezeiten werden weiter eingegrenzt.
Ackerland: nach der Ernte der Hauptfrucht bis 31.01.; Grünland: 01.11.-31.01., Einführung einer Sperrzeit für die Aufbringung von Festmist und Kompost: 15.12.-15.01.; die zuständigen Behörden können Beginn/Ende jeweils um bis zu vier Wochen verschieben.

Die erlaubten Stickstoffüberschüsse werden gesenkt

Ab 2.000 Schweinemastplätzen soll eine neue Nährstoffbilanzierung eingeführt werden.

Die Ausbringung mit Schleppschlauch oder Schleppschuhverteiler wird ab Februar 2020 im Ackerland verpflichtend sein. Im Grünland gilt diese Regelung ab 2025.

Die Länder werden verpflichtet, in Gebieten mit hoher Nitratbelastung sowie in Gebieten, in denen stehende oder langsam fließende oberirdische Gewässer durch Phosphat, was nachweislich aus der Landwirtschaft stammt, eutrophiert sind, mindestens drei zusätzliche Maßnahmen aus einem vorgegebenen Katalog zu erlassen.

Mit hohem Aufwand zum reinen Trinkwasser

Klar ist eines: Um eine nachhaltige Verbesserung des Grundwassers zu erreichen, braucht man eine stärkere Düngerdosierung. Eventuell auch einen Bewusstseinswandel bei den Bauern. In Bayern steht man diesbezüglich offensichtlich bereits ganz gut da – und trotzdem gibt es auch hier rote Nitrat-Zonen, in denen teilweise sogar ganze Brunnen geschlossen und neue gebaut werden mussten – für Millionen von Euro. Noch teurer wären Filter für Nitrat, bei deren Einsatz zusätzlich hochbelastetes Restwasser als Abfall zurückbleibt und das Trinkwasser am Ende keine Mineralstoffe mehr enthält.  Der Aufwand, reines Trinkwasser zur Verfügung zu stellen, wird auf jeden Fall immer größer.

Eine Stimmung des Misstrauens

Es herrscht Misstrauen zwischen den Landwirten, den Wasserversorgern, den Naturschützern und Teilen der Landbevölkerung. Die Landwirte fühlen sich missverstanden und zu Unrecht an den Pranger gestellt. Es sei eine Zerreißprobe für die Landwirte: Die Produkte sollen billig sein und umweltschonend. Doch dass ein Umdenken stattfinden sollte, das sehen auch viele Landwirte.

"Wenn ich an meine Ausbildung denke: das Thema Nitrat war da kein großes Thema. Das waren Ertragssteigerung und betriebswirtschaftliche Optimierung. Und jetzt erst in letzter Zeit ist die Nitratproblematik dazugekommen. Ich muss sagen, dass alle Landwirte das so sehen, dass der Grundwasserschutz in Zukunft genauso ein Faktor ist, wie alle anderen Punkte auch.  Da müssen wir dran arbeiten."

Georg Siegl, Schweinezüchter aus Hohenthann

Daten und Fakten

Im Jahr fallen etwa 310 Milliarden Liter Gülle an – Tendenz steigend.

Eine Lkw-Ladung Schweinegülle ist durchschnittlich etwa 400 Euro wert. Der Preis schwankt allerdings aufgrund des Nährstoffanteils.

Im Jahr 2016 wurden offiziell 1,4 Milliarden Liter Gülle von Holland nach Deutschland exportiert.

Der EU-Schwellenwert für Nitrat im Grundwasser liegt bei 50 mg pro Liter.

In Deutschland werden in 28 % aller Grundwassermessstellen unter landwirtschaftlicher Nutzung ein Wert über 50 mg/l Nitrat gemessen. (Quellen: Landesamt für Umwelt/Nitratbericht der Bundesregierung).

In Bayern wird in 9 % aller Grundwasserstellen unter landwirtschaftlicher Nutzung der EU-Schwellenwert für Nitrat überschritten. (Quellen: Landesamt für Umwelt/Nitratbericht der Bundesregierung)

23 % des Grundwassers in Bayern ist in einem schlechten chemischen Zustand, d. h. es übersteigt den Schwellenwert von 50 mg Nitrat pro Liter.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e. V. in Berlin hat eine eigene Nitratdatenbank aufgelegt und die Wasserwerte der Brunnen-Einzugsgebiete dokumentiert: 25 % überschreiten den Kontrollwert - und manche Überschreitungen weisen geradezu explodierende Nitratwerte auf – von bis zu 400 mg Nitrat pro Liter (Quelle: Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e. V.)

Pro Hektar darf ein Landwirt 170 Kilo Stickstoff pro Jahr ausbringen.

Ausgebrachte Gülle muss innerhalb von vier Stunden in den Boden eingearbeitet werden, künftig aber soll die Einarbeitungszeit auf eine Stunde verkürzt werden.

89 % der Flüsse und Bäche und 57 % der Seen in Deutschland sind überdüngt.

Fehlende Kontrolle

Gesetzliche Vorgaben gibt es also. Landwirte, die umdenken wollen, auch. Aber es gibt auch die schwarzen Schafe, die sich über die Vorgaben hinwegsetzen und ihr „Abfallprodukt“ Gülle auf die Felder schleudern. Eingearbeitet wird die Gülle dann häufig auch nicht mehr richtig. Warum? Weil es finanzielle Vorteile bringt, viel Aufwand und Zeit spart. Und weil es geht. Denn Überwachungen gibt es kaum.

"Uns brächte weiter, wenn die Gesellschaft ganz allgemein - adressiert auch an die politisch Verantwortlichen - begreifen würden, dass man den Wert des Grundwassers nicht hoch genug einschätzen kann. Und so kann's eigentlich nicht weitergehen. Das ist eigentlich unsere Hauptforderung: Endlich die Dinge, die man rechtlich anbietet, auch umzusetzen, indem man sie kontrolliert.  Und bei Fehlverhalten auch sanktioniert."

Hans Weinzierl, Wasserversorgung Rottenburger Gruppe

Leidtragende: Mensch und Natur

Leidtragende sind im ersten Moment vor allem die Anwohner der Felder: Zunächst ist es der extreme Gestank, der oft tagelang in der Luft hängt und gesundheitliche Probleme bereitet: Es wird geklagt über Reizungen in den Atemwegen und Augen. Ausgelöst vom Ammoniak. Es bilden sich seit Jahren Bürgerinitiativen. Die schlimmsten Naturkatastrophen bezüglich Gülle ereignen bei Unfällen der Transporte oder bei der Lagerung. Hier können sich auch mal hunderttausende Liter in Gewässer ergießen, sodass sämtliches Leben darin verendet und auch das Trinkwasser für die Menschen nicht mehr zu nutzen ist. Durch "Gülle-Havarien" flossen im Jahr 2015 9,6 Millionen Liter Jauche, Gülle und Silagesickersaft unkontrolliert in die Umwelt. Laut Statistischem Bundesamt enspricht dies einer Zunahme um rund 2,8 Millionen LIter oder 41 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Laut BUND Naturschutz kommt es in Deutschland alle drei bis vier Tage zu einem Unglück im Umgang mit Gülle.

Wie geht es politisch weiter?

Die neue Düngeverordnung aus dem Jahr 2016 ist verabschiedet –  nun muss sie umgesetzt werden. Doch dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft geht die Verordnung nicht weit genug.

"Wir müssen zurück zur ökologisch verträglichen Bodenbewirtschaftung! Da hilft uns niemand dabei. Das ist nicht gottgewollt, was da passiert, sondern von uns gesteuert."

Hans Weinzierl, Wasserversorgung Rottenburger Gruppe

Kollektiv Umdenken

Um dieses Ziel zu erreichen, ist aber ein Miteinander notwendig. Verhärtete Feindbilder müssen aufweichen. Und ein kollektives Umdenken muss angestoßen werden – auch beim Verbraucher, der Lebensmittel besonders günstig konsumieren will. Unterstützt muss das alles von den passenden Gesetzen sein, die die umweltschonenden Maßnahmen fördern. Und natürlich mit Hilfe neuer Technologien - wie etwa einem GPS-gestützen Stickstoff-Sensor am Traktor. Der misst den Stickstoffgehalt der Pflanzen – und dosiert dann die Düngung dementsprechend. Ein Prototyp ist bereits im Einsatz.


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