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Gottes Gastarbeiter Ausländische Priester in Bayern

Die katholische Kirche hat ein Nachwuchsproblem: Weil es nicht mehr genügend Pfarrer gibt, werden Geistliche aus dem Ausland nach Bayern geholt – häufig aus Afrika, Indien oder Polen. Doch kann das so einfach gelingen?

Stand: 25.05.2018

Händeringend werden in Bayern Pfarrer gesucht. Viele Pfarreien müssen lange Zeit ohne eigenen Geistlichen auskommen. So wundert es vielleicht nicht, dass die Einstellung vieler bayerischer Katholiken mittlerweile eher pragmatisch scheint: Deutsch müsse er halt können, damit man ihn versteht– so lautet häufig der Kommentar der Gläubigen, wenn in ihrer Kirche ein ausländischer Pfarrer angekündigt wird. Hauptsache, man habe einen Pfarrer. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Denn mangelnde Sprachkenntnis ist nur eine der Hürden, mit denen die „Importpriester“ zu kämpfen haben.

"Es ist nicht einfach, die eigene Heimat zu verlieren und irgendwo hinzugehen, wo es total unbekannt ist."

Pater George aus Kerala/Indien, seit 9 Jahren Kaplan in Peißenberg

Zahlen und Fakten

1962 wurden in Deutschland noch 557 Männer zum Priester geweiht. 2017 gab es nur noch 75 Priesterweihen.

Fast jeder fünfte Priester in Bayern ist Ausländer.

16 % aller ausländischen Priester in Deutschland haben starke Erfahrungen mit Rassismus gemacht.

Die Afrikaner sind dabei am stärksten betroffen: Fast jeder dritte afrikanische Pfarrer in Deutschland macht deutliche Erfahrungen mit Rassismus im Alltag.

Bei 7 von 10 ausländischen Priestern wird die Gefahr des Scheiterns als „hoch“ eingeschätzt (Studie über die Situation ausländischer Priester in Deutschland 2011)

Von Alltagsrassismus bis Morddrohungen

Der nigerianische Pfarrer Paul Igbo ist seit zwei Jahren in der Pfarreiengemeinschaft Karlshuld-Weichering-Lichtenau

Reicht der gemeinsame Glaube an Gott, um die verschiedenen Kulturen, die unterschiedlichen Lebensweisen und Mentalitäten zu vereinen? Es ist keine leichte Aufgabe, als „Gastarbeiter Gottes“ unterwegs zu sein. Besonders in Zeiten, in denen das Misstrauen und der Unmut gegenüber fremden Kulturen im eigenen Land ganz offen kommuniziert werden. Vor allem die afrikanischen Pfarrer bekommen das zu spüren. Witze über die Hautfarbe oder den Akzent sind an der Tagesordnung.

Auszüge aus den anonymen Briefen an Olivier Ndjimbi-Tshiende, ehemaliger Pfarrer in Zorneding

"Mein Gott, Herr Pfarrer, was sind Sie doch für eine Mimose. Falls Ihnen die bayerische, bäuerliche Atmosphäre nicht gefällt, würde ich vorschlagen, dass Sie wieder in den Kongo gehen, denn dort erwarten Sie wichtigere Aufgaben."

"Wir schicken dich, du Arschloch, nach Ausschwitz. Hau ab zu deinen schwarzen Teufeln, du stinkender Nigger."

Manchmal gehen die Bemerkungen aber auch noch einen Schritt weiter. Wie im Herbst 2015 in Zorneding nahe München: Alltagsrassismus kannte der kongolesische Pfarrer schon immer. Doch nachdem er einen Artikel im lokalen CSU-Parteiblatt kritisiert hat, bekam er übelste Beschimpfungen und sogar Morddrohungen. Er quittierte schließlich seinen Dienst. Ein krasser Einzelfall? Oder doch ein größeres gesellschaftliches Problem?

"Den stärksten Rassismus habe ich innerhalb der Pfarrgemeinde erlebt. Da hat zunächst einmal ein Mitarbeiter gesagt: Unter einem Neger arbeite ich nicht. Eine junge Familie wollte ihr Kind nicht bei mir taufen lassen, weil ich schwarz bin. Das ist schon brutal."

Olivier Ndjimbi-Tshiende, ehemaliger Pfarrer in Zorneding

Studie mit erschreckendem Ergebnis

Karl Gabriel, emeritierter Professor der Universität Münster, hat sich im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz 2011 intensiv mit der Situation ausländischer Priester in einer Studie auseinandergesetzt. Sein Ergebnis zum Thema Rassismus ist erschreckend, denn jeder sechste hat bereits starke Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit gemacht – besonders die Afrikaner sind betroffen. Aufgrund dieser Ergebnisse sollte die Studie laut Bischofskonferenz nicht erscheinen. Erst als Karl Gabriel einige besonders heikle Zitate von Personalbeauftragten gestrichen hatte, wurde sie öffentlich gemacht.

"Es gab zunächst eine Entscheidung, sie sollte in der Schublade bleiben, es sei doch so heiß. Man wisse nicht, wie die ausländischen Priester darauf reagieren, wie die andere Seite darauf reagiert, man solle sie in der Schublade lassen, damit waren wir natürlich gar nicht einverstanden."

Karl Gabriel, Professor für Theologie

Nicht ganz freiwillig hier

Dabei kommen viele der ausländischen Pfarrer nur deswegen nach Deutschland, weil sie geschickt werden. Die Orden zum Beispiel entsenden sie auf Anfrage der deutschen Diözesen. Dafür bekommt der Orden Geld und Deutschland Personal. Eine Art Tauschgeschäft, bei dem die Priester nicht ohne Weiteres Nein sagen können. Und gerade die Laien in der Kirchengemeinde sehen den Einsatz ausländischer Geistlicher oft kritisch. Eine „Kirche von unten“, das sähen sie lieber – mit mehr Mitwirkung der ehrenamtlichen und hauptamtlichen Laien. Aber für solche Reformen ist die katholische Kirche nicht bereit.

"Es würde in manchen Fällen einfach die Leute mehr ansprechen als wenn jemand käme, der einfach als Pfarrer zwar da ist, aber den die Leute nicht verstehen. Oder mit dem sie nicht zurechtkommen, mit dem sie nicht warm werden."

Gemeindereferent in Peißenberg

Schwierige Situation für ausländische Pfarrer

Die Situation in Deutschland ist also schwierig für die ausländischen Pfarrer. Viele sind nicht freiwillig hier und wurden zudem nicht genug vorbereitet. In ihren Heimatländern waren sie meist hochangesehene Menschen, Autoritäten. Hier spüren sie Anfeindungen - selbst aus der eigenen Kirchengemeinde oder der Politik. Sie nehmen Nachhilfeunterricht in Deutsch, lernen Sitten und Gebräuche. Und viele kommen trotz intensiver Bemühungen nicht in der Gemeinschaft an.

"Die Kirche ist universal, die Welt ist globalisiert. Aber das Herz sollte auch globalisiert, universal sein. Gegenseitige Toleranz, Akzeptanz - dann können wir vielleicht diese schwierige Situation meistern."

Pater George aus Kerala in Indien, Kaplan in Peißenberg-Forst in Oberbayern


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