BR Fernsehen - DokThema


1

Wer verliert? Elektroautos gegen Arbeitsplätze

Die Entwicklung hin zur E-Mobilität stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Jeder siebte Arbeitsplatz hängt zurzeit an der Autoindustrie. Aber wie lange noch? Werden die Beschäftigten die Verlierer des Strukturwandels sein?

Stand: 03.07.2017

18.000 Mitarbeiter zählt Europas größtes BMW-Werk in Dingolfing. Nach wie vor werden hier vor allem Autos mit Verbrennungsmotoren gebaut – aber auch immer mehr Hybrid-Modelle, die zusätzlich mit einem Elektromotor ausgestattet sind. Ein großer Umbruch steht bevor. Und er hat bereits begonnen.

Was passiert mit den Arbeitern?

Die Automobilbranche ist die wichtigste Schlüsselindustrie Deutschlands. Hunderttausende Existenzen hängen hier dran. Was passiert aber mit diesen Menschen, wenn der große Umschwung zum Elektroauto kommt?

"Für die Mitarbeiter im Presswerk, im Rohbau wird sich nicht viel ändern. Ändern wird es sich dramatisch im Motorenbau. Das heißt, der heutige Motorenbau wird wegfallen, die heutige Motorenentwicklung wird wegfallen und damit deren Arbeitsplatz. Wir werden nicht alle Mitarbeiter mitnehmen können, ein Teil wird in den Ruhestand gehen, ein Teil muss andere Aufgaben übernehmen, das heißt, das ist schon eine Herausforderung, das sind bei BMW mehrere tausend Mitarbeiter [...]"

Manfred Schoch, Gesamtbetriebsrat bei BMW

Große Umstrukturierungen

Umschulungen, Weiterbildungsmaßnahmen – all das muss mit dem Übergang zur Elektromobilität einhergehen. Und es müssen große Umstrukturierungen in den Werken umgesetzt werden – wie etwa in BMW Dingolfing: Hier soll das Kompetenzzentrum für Elektrokomponenten entstehen. Bislang verlassen hier 1.600 Autos das Werk, die allermeisten mit Verbrennungsmotor. Elektroautos sind aber anders gebaut: Sie benötigen weder komplexe Motoren noch aufwändige Getriebe.  Zudem wollen und werden viele Automobilfirmen ihre Elektromotoren nicht in Deutschland produzieren – sondern im Ausland. Das ist lukrativer.

Keine Lust auf E-Auto?

Das Interesse an E-Autos in Deutschland ist verhalten. Gekauft werden die Autos vor allem als Zweitwagen und nur für kurze Strecken. Warum ist das so? Die Autoindustrie hat ihre Theorien. Zum einen fehle es an der Infrastruktur: Die Stromtankstellen seien noch zu rar gesät. Auch die Reichweite wird in der Bevölkerung thematisiert. Und dann sind da noch die Emotionen, der Fahrspaß, das Design: Das Elektroauto spricht die Käufer rational an – aber es muss auch emotional ansprechend sein. Wieland Bruch, Sprecher der BMW Group, bringt es auf den Punkt: „Wenn Elektroautos nur eine rollende Verzichtserklärung sind, dann wird die Elektromobilität nicht funktionieren.“

Größter Druck bei den Zuliefererfirmen

Am meisten spüren den Druck die Zuliefererfirmen, die in die Autoproduktion miteingebunden sind. Dabei stehen die Mitarbeiter dieser Firmen jetzt schon häufig unter enormem Druck bei der Produktion – denn sie müssen ohne Zwischenlagerung „just in time“ anliefern. Unterbezahlung und Werksverträge sind hier außerdem keine Ausnahmefälle. Dabei gelten die Zulieferer als die heimlichen Autohersteller – produzieren sie doch gut 70 Prozent der Autokomponenten. Eines scheint klar: Nur wenige der Arbeiter in diesen Firmen werden bei einer Umstrukturierung in Richtung E-Mobilität umgeschult werden können. Ein riesiger Einschnitt für viele Zulieferer und ihre Arbeiter. Und eine große Ungewissheit. Und für die Jugend? Möglicherweise eine Chance.

"Wir werden Berufe haben, die wir nicht mehr nachbesetzen – die auslaufen. Wir werden die Leute unterbringen, beschäftigen, versorgen, bis es das nicht mehr braucht – das ist unsere Verpflichtung, das tun wir so. Aber es wäre falsch, diese Disziplin neu zu besetzen. Das heißt, wir ändern unser Ausbildungsprogramm. Wir verändern uns von Mechanik zu Mechatronik zu Elektronik.  Wir haben mehr duale Studenten jetzt als früher […] und ich empfehle den jungen Leuten, sich mit den Themen zu beschäftigen, weil manche Jobs wird es in Zukunft nicht mehr geben."

Hans-Jürgen Schneider, Standortleiter Schweinfurt der ZF Friedrichshafen AG

Zukunftsmarkt Akkubatterien?

Eine Branche, die profitiert, sind die Fabrikanten von Akkubatterien. Sie verzeichnen hohe Umsätze. Wobei auch hier eine große Abhängigkeit vom asiatischen Markt besteht. Und hier wird die Versorgung bereits eng. Die Batteriezellenproduktion ist in Deutschland kaum vorhanden. Auch hier muss ganz dringend nachgearbeitet werden – um eine Versorgung sicherzustellen und das Know-how für den Wettbewerb zu bekommen. Denn die Batterie wird das Kernstück der neuen Autos sein – und das größte und entscheidende Leistungsmerkmal.

Hohe Schadstoffwerte in der Luft

Jüngste Messungen in München zeigen: Die Schadstoffkonzentration in der Atemluft ist viel zu hoch. Werte weit über der EU-Grenze misst man auch in anderen deutschen Städten. Im Februar hat die EU ein Vertrags-Verletzungs-Verfahren wegen hoher Stickoxidwerte gegen Deutschland eingeleitet. Der Druck auf die Politik wächst. Das Bundesumweltministerium würde am liebsten eine blaue Umweltplakette einsetzen, mit der nur neuere Dieselfahrzeuge in der Stadt fahren können. Pauschale Fahrverbote für Diesel lehnt Verkehrsminister Alexander Dobrindt allerdings ab. Er setzt auf Umrüstung der Busse und Taxis. Damit stellt er sich gegen die mehrheitliche Meinung, agiert aber im Sinne der Autolobby.

Zahlen und Fakten

800.000 Menschen arbeiten zurzeit in Deutschland in der Automobilindustrie. Das ist jeder siebte Arbeitsplatz.

Etwa 34.000 Elektroautos sind derzeit in Deutschland zugelassen. Das sind 0,074 % der gesamten Autos.

Die meisten Elektroautos werden derzeit in China verkauft: im letzten Jahr waren es über 500.000 – darunter außer Tesla kaum ein Modell ausländischer Hersteller.

Seit 2007 investiert BMW in das Projekt i, also in Elektroautos. 2025 soll jeder fünfte BMW einen Elektroantrieb haben.

Etwa 6.500 Ladepunkte gibt es derzeit in knapp 1.000 deutschen Städten und Gemeinden. In Frankreich und Großbritannien stehen doppelt so viele Stromtankstellen, in den kleinen Niederlanden sind es sogar viermal so viele.

Die IG-Metall schätzt, dass bayernweit 160.000 Beschäftigte in Zuliefererfirmen der Automobilindustrie arbeiten.

Ein Achtzylindermotor besteht aus 1.200 Teilen, ein Elektromotor nur aus etwa 25 Teilen.

Jährlich sterben 7.000 Menschen in Deutschland an Verkehrsemissionen.

Hat Deutschland den Anschluss verpasst?

Eines ist klar: In der Welt der Elektroautos macht die eigentliche Auto-Nation Deutschland derzeit nicht das Rennen: Ganz vorne mit dabei ist der Amerikaner Tesla, aber auch chinesische Modelle finden große Beachtung. Keine Frage: Die Welt bestaunt auch die Elektroautomodelle deutscher Autohersteller. Doch droht Deutschland das Wettrennen um die Elektromobilität zu verpassen? Oder wird in Deutschland gar Innovation politisch verhindert? Manch einer spricht da Klartext.

"Der Verbandschef der deutschen Autobauer ist der Parteifreund von der Kanzlerin. Er war früher Verkehrsminister, Herr Wissmann, - und Wissmann hat es immer schon verstanden, die Interessen der Automobilindustrie bei der Kanzlerin zu platzieren. Hinzu kommt die IG-Metall, die auch Angst hat vor Arbeitsplätzen. Dazu kommt der ADAC, der auch Angst hat, dass seine Mitglieder schlechter gestellt werden könnten. Also es gibt in Deutschland so etwas wie eine Allianz gegen den Fortschritt, gegen das Elektroauto, aber auch gegen das automatisierte Fahren. Weil man glaubt, man kann an der Vergangenheit festhalten."

Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Uni Duisburg

Blockaden in der E-Mobilität?

Dabei gilt Angela Merkel als „Autokanzlerin“ und auch Verkehrsminister Alexander Dobrindt spricht von Sonderfahrspuren oder kostenfreien Parkplätzen und Ladesäulen, damit die Elektromobilität noch attraktiver wird. 10 Jahre hätte man politisch verloren, kritisiert Prof. Ferdinand Dudenhöffer. Auch europaweit – denn es sei Aufgabe der EU, ein flächendeckendes Schnellladenetz zu erzeugen. Und dann sind da noch die Autobauer selbst, die laut Dudenhöffer den Fortschritt aufhalten.

"Die deutschen Ingenieure erzählen ihnen immer, sie müssen 100 Jahre Autobauer gewesen sein, um Autos überhaupt zu verstehen. Es ist ein Witz! Auto bauen ist eben nicht wie zum Mond zu fliegen. Es ist ein industrielles Produkt."

Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Uni Duisburg

Alles zu spät?

Viele Länder treiben seit Jahren den Wandel hin zur Elektromobilität voran, in Deutschland gibt es erst seit März dieses Jahres ein Förderprogramm zum Ausbau der Ladeinfrastruktur und seit letztem Jahr unter anderem eine Kaufprämie für E-Autos. Kommt das alles zu spät?

Ein Fazit

Eines ist klar: Niederbayern, der Bayerische Wald - ganze Regionen sind von der Automobilindustrie abhängig – und somit auch davon, dass der Wandel hin zur Elektromobilität gelingt. Und dazu müssen auch politisch die richtigen Weichen gestellt werden, damit die Mitarbeiter weiterhin eine Zukunft haben bei den traditionellen Autobauern in Deutschland.


1