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Tödliches Wasser Was tun gegen Sturzfluten und Schlammlawinen?

Die Häuser sind bis zur ersten Etage mit Wasser vollgelaufen. Das Hab und Gut der Menschen hat die Flut mitgerissen. Autos wurden durch die Straßen gespült. Und sieben Menschen haben den Weg aus den in Sekunden überfluteten Wohnungen nicht mehr geschafft. Die Hochwasser-Katastrophe hat den Landkreis Rottal-Inn schwer getroffen. Doch während alle noch in den Aufräumarbeiten stecken, wird bereits diskutiert: Was sind die Ursachen für diese Sturzflut?

Von: Carolin Bergmann, Sebastian Kemnitzer, Susanne Fiedler, Claudia Erl

Stand: 07.06.2016

Der Klimawandel ist schuld. Diese Aussage hört man in den vergangenen Tagen häufig. Eines ist klar: Das Tief "Elvira" brachte die Wassermassen vom Mittelmeerraum über die Alpen nach Süddeutschland, die sich dann in heftigen Unwettern mit Niederschlägen von 60 Litern und mehr pro Quadratmeter abregneten. Ein Extremereignis, das sich laut Prognose der Experten in Zukunft häufen wird.

Doch damit wäre das Anschwellen und Übertreten der Flüsse, das eigentliche Hochwasser erklärt. Das Fatale an der Katastrophe in Niederbayern war jedoch die Sturzflut. Denn die ließ den Menschen keine Zeit mehr zu reagieren. Und warum die Sturzflut in dieser Gegend entstehen konnte, darüber gibt es Theorien.

Was ist eine Sturzflut?

Die Sturzflut in Simbach

Die Hauptursache einer Sturzflut, also einer plötzlichen Überschwemmung, sind zum einen selbstverständlich heftige Regenfälle und Unwetter. Im Gegensatz zum klassischen Hochwasser entsteht die Sturzflut dann, wenn beispielsweise Dämme brechen oder natürliche Blockaden im Flusslauf bersten.

Aber auch, wenn der Boden kein Wasser aufnehmen kann, was zum einen bei blanken und dadurch gesättigten Feldern oder in sehr trockenen Gebieten der Fall ist, stürzen Wassermassen vermischt mit den abgetragenen Erdschichten in niedergelegenere Gebiete. Es sind die Geschwindigkeit und die Plötzlichkeit, die die Sturzflut so gefährlich macht.

Industrialisierte Landwirtschaft

In der Gegend rund um Simbach am Inn und Triftern findet man auf den Feldern vor allem eines: Mais. Etwa ein Drittel der gesamten Agrarfläche hier dient als Maisacker. Beim Maisanbau liegen die Felder lange im Jahr brach und sind dadurch – im Gegensatz zu Wiesen und Auen – den starken Niederschlägen ausgeliefert. Außerdem ist dieser Boden dadurch so gesättigt, dass er nicht mehr so viel Wasser aufnehmen kann.

Bei starkem Regen versickert das Wasser nicht oder bleibt auf der Fläche stehen, in der Folge werden die Erdschichten mit den Wassermassen weggeschwemmt.

Schlamm - was von der Flut übrig blieb

Heißt das nun, dass der intensive Maisanbau das Problem der Hochwassergefahr erhöht? Einige Experten bejahen das. Aber natürlich begünstigt auch die steile Hügellandschaft der Gegend die Erosion, die auch ohne Wetterkatastrophen hier ständig den fruchtbaren Boden von den Äckern schwemmt. Und dieser Schlamm landet das ganze Jahr über in den Bach- und Flussläufen, die auch dadurch immer weniger Wasser aufnehmen können. Zum anderen verstopft die abgetragenen Erde die Kanalrohre und Abflüsse, die bei Starkregen dann nicht mehr zu 100 Prozent funktionieren. Ein Teufelskreis.

Zahlen und Fakten zur Hochwasserkatastrophe in Rottal-Inn

Am 1. Juni 2016 traf die Hochwasserkatastrophe den niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn. Vor allem traf es die Orte Simbach an Inn, Triftern und Tann.

Mehr als 5.000 Haushalte sind betroffen.

500 Häuser sind schwer beschädigt.

200 Brücken sind zerstört.

Hunderte Fahrzeuge haben Totalschaden erlitten.

Viele Wirtschaftsbetriebe und Landwirte sind in ihrer Existenz bedroht.

Laut Schätzungen des Landrats hat die Flutwelle im Kreis Rottal-Inn einen Schaden von mehr als einer Milliarde Euro verursacht.

Der Freistaat Bayern hat ein Sofortgeld von 1,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt zur Finanzierung des täglichen Bedarfs. Jeder bekommt 1.500 Euro.

Das bayerische Kabinett hat beschlossen, dass die Hochwasserkatastrophe in Simbach am Inn als "Jahrtausend-Hochwasser" eingestuft wird. Deswegen will die Staatsregeriung besonders hart getroffenen Bürgern bis zu 100 Prozent des Schadens ersetzen, ohne Bedürftigkeit oder Versicherbarkeit zu prüfen.

Wer hilft finanziell?

Schnelle unbürokratische Hilfe – die benötigen die Betroffenen des Hochwassers in Niederbayern. Wahr gemacht haben das mittlerweile die vielen freiwilligen Helfer, die angereist sind, um mit anzupacken. Neben den Feuerwehren und anderen Rettungsdiensten ist nun auch die Bundeswehr angerückt. Doch viele Bürger stehen vor dem Nichts. Sie haben nicht mehr viel, was sie retten könnten. Oft sind sogar die Häuser so stark beschädigt, dass sie nicht gerettet werden können. Eine Soforthilfe durch den Freistaat Bayern wurde von Finanzminister Markus Söder umgehend zugesagt, kurzfristig sollen von der Staatsregierung Hilfsgelder für Hausrat und Ölschäden gewährt werden. Und es soll Härtefallregelungen für die geben, die in ihrer Existenz bedroht sind.

Die vier Milliarden Euro, die sich noch in den Fluthilfefonds von 2013 befinden, würden nicht in die aktuellen Hochwassergebiete geleitet. Diese würden lediglich bei großen nationalen Katastrophen eingebracht -  für das derzeitige Hochwasser ist das Land Bayern zuständig.

Und was ist mit den Versicherungen? Die zahlen – aber längst nicht in allen Fällen. Denn die eigentlich zuständige Versicherung wäre eine gegen Elementarschäden. Doch die haben im Landkreis Rottal-Inn laut Bayerischer Versicherungskammer gerade einmal 26 bis 27 Prozent.


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