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DokThema Außer Kontrolle: Doping im Freizeitsport

Spitzensportler und Doping. Das kennt man. Doch was ist mit dem Freizeitsport? Es ist ein fataler Irrtum zu glauben, dass das Thema leistungssteigernde Mittel hier keine Rolle spielt. Mindestens 450.000 Deutsche sind dem Doping verfallen. Und die Politik? Wirkt erstaunt.

Von: Kathrin Denk, Philipp Grüll, Claudia Erl

Stand: 28.07.2016

Sie haben dicke Muskeln, sind braungebrannt, extrem sportlich – und körperlich topfit. Scheinbar. Viele Extremsportler - vor allem Bodybuilder - sind nämlich krank. Es sind Anabolika, die ihren Körpern zusetzen. Während sie äußerlich extrem vital wirken, leiden sie innerlich oft an zahlreichen Organschäden.

Infarkte, geschrumpfte Hoden

Ein seziertes Gehirn eines langjährigen Dopers

Bei Obduktionen von langjährigen Dopern findet man Organe, die aussehen wie von wesentlich älteren Menschen. Die Gehirnsubstanz ist zerlöchert von kleineren und größeren Infarkten, die von Kalkablagerungen in den Gefäßen ausgelöst wurden, erklärt Prof. Andreas Büttner, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin in Rostock. Auch Herzinfarkte sind keine Seltenheit. Außerdem stellt Büttner auf dem Seziertisch fest, dass die muskelbepackten Doper oft genau das eingebüßt haben, was sie nach außen verkörpern wollten: ihre Männlichkeit. Die Hoden sind geschrumpft. Die Folge: Potenzstörungen. Im Extremfall können Doper an Gynäkomastie erkranken. Dabei wandelt der Körper Testosteron in weibliche Hormone – dann wuchert das Brustgewebe. Ganz abgesehen von diesen Langzeitschäden gehen manche viele der gedopten Kraftsportler im Training über ihre Grenzen.

Die Nebenwirkungen des Dopings

Psychische Symptome

Aggression, Manie, Wahn, Depression

Muskuloseletale Nebenwirkungen

Frühzeitiger Wachstumsstopp bei Anwendung durch Jugendliche, Sehnen und Gelenkschäden

Hormonelle Nebenwirkungen

Glatzenbildung, Gynäkomastie, Hodenatrophie, Prostatatumore, Impotenz, Unfruchtbarkeit

Hautveränderungen

Schwere Akne und Zysten, Striae

Organveränderungen

Li-Ventrikelhypertophie, Hypertonie, plötzlicher Herztod, LDL-Erhöhung, HDL-Erniedrigung, Leberkrebs, Peliosis hapatis (Zystenleber), Hepatitis

"Du bist so unter Strom, so unter Adrenalin, dass Du weiterziehst. Du machst deinen Satz fertig, obwohl die Schulter nicht mehr da ist, wo sie hingehört. Und da ist natürlich mehr kaputt, da ist die Bizepssehne kaputt, Rotatorenmanschette zerfetzt, dann wird die ganze Schulter aufgeschnitten, die wird aufgeklappt, dann wird in fünf Stunden Operation halt nochmal versucht zu reparieren, was zu reparieren ist, und eigentlich bist du ein Krüppel."

  Markus Böhmer, ehemaliger Dopingmittel-Konsument

Vom Außenseiter zum Muskelmann – mit enormen Risiken

Die Risiken sind also enorm. Und trotzdem boomt das Geschäft mit den Muskeln und den Dopingmitteln. Die Gründe für den Konsum klingen oft ähnlich: Gerade junge Männer, die sich als Außenseiter fühlen, finden im Muskelaufbau ihr Selbstbewusstsein. Der derzeitige Körperkult im Zeitalter von Selfies und Sozialen Netzwerken tut sein Übriges. Und – natürlich soll das alles möglichst schnell gehen. Testosteron ist dabei das Mittel der Wahl. Und dann beginnt die Spirale: Schnell werden Muskeln aufgebaut, die Männer fühlen sich großartig, stark, beinahe unverletzbar – und konsumieren die Dopingmittel dann noch exzessiver. Dazu kommt: In viele Präparaten ist nicht das drin, was draufsteht – das ergaben die Analysen in Doping-Laboren. Die Folgen für die Konsumenten – unabsehbar. Doch die fühlen sich meist auf der sicheren Seite – und verdrängen die körperlichen und seelischen Folgen.

Zitate

Markus Böhmer, ehemaliger Untergrundlabor-Betreiber und Dopingmittel-Konsument

"Es ist eine beinharte Sucht aus dem leistungsbetonten Gefühl heraus, Dir gefällt dieses Gefühl, Dir gefällt dein Bild im Spiegel drin. Schau Dir diese Chrystal-Meth-Kandidaten an: Nimmst Du Meth, dann wird Dir gesagt, dein Körper verfault. Du siehst Bilder, wo alles kaputtgeht, Haut platzt auf, Zähne verlierst Du. Schau Dir einen Bodybuilder an. Ein Bodybuilder kann innen drin komplett kaputt sein, Leber kaputt, Niere kaputt, kann alles kaputt sein, das äußere Bild ist Hammer. Wir wollen ja leistungsfähig sein, wir sind ja in einer Leistungsgesellschaft. Und was schaut denn besser aus als leistungsfähig, wenn Du ein Athlet bist?“ "

Jörg Börjesson, ehemaliger Dopingmittel-Konsument

"Ich hätte wirklich gedacht, dass ich was weiß ich, so ne Pistolenkugel hätte abhalten können. Also man hat sich wirklich unverletzlich irgendwo gefühlt. Und das kann mir keiner mehr nehmen, und alles andere, wie es dazu gekommen ist, ist verdrängt worden. Ob es die Schmerzen waren, ob es die Dealertreffen waren, das wurde alles verdrängt."

Prof. Dr. Dr. Martin Hörning, Sozialmediziner 


"Die Legitimationsstrategie ist, dass die Leute sagen: Hey im Vergleich zum normalen bundesdeutschen Mann rauche ich sehr wenig, trinke nicht, achte auf meine Ernährung, treibe Sport. Alles zusammen genommen lebe ich viel gesünder als der Durchschnittsmann, der keinen Sport treibt, da kann ich es mir auch leistenKomma anabole Steroide zu nehmen und zwei, drei Kuren im Jahr zu machen. Das ist so die Legitimationsstrategie Komma von der viele auch glauben Komma das ist einfach „State of the Art“. Und alles andere, was nicht reinpasst, wird ausgeklammert und verdrängt.“

Wie kommen die Konsumenten an das Anabolikum?

Neben dem Internet gelten Fitnessstudios als Umschlagplätze. Einer Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums zu Folge geben fünf Prozent aller Fitnessstudiogänger an, schon einmal Anabolika genommen zu haben. Andere Studien kommen sogar auf über 20 Prozent. Besonders Studios, die sehr schwere Gewichte anbieten und mit besonders langen Öffnungszeiten ziehen eine Klientel an, die zum „Stoffen“, wie es in der Szene heißt, neigt. Das belegen Aussagen von Insidern.
Die Anabolika kommen zum einen aus dem Ausland – z.B. in Serbien wird Testosteron in vielen Apotheken frei verkauft, obwohl es auch hier rezeptpflichtig ist. Aber auch aus Asien kommen große Mengen illegal nach Deutschland. Diese Grundstoffe dienen dann oft als Basis für sogenannte Kuren, die in Untergrundlaboren in Deutschland zusammengestellt werden. Die Labore müssen nicht groß sein – es gibt welche, die passen in einen Kleiderschrank. Außer Frage, dass dies höchst illegal ist: Ein neues Anti-Doping-Gesetz aus dem Jahr 2015 verbietet nicht nur Dopingmittel herzustellen, sie in Verkehr zu bringen oder damit zu handeln, sondern auch sie in nicht geringer Menge zu besitzen. Aber die Händler gehen das Wagnis ein – es ist eben ein extrem lohnendes Geschäft: Die Gewinnspannen sind enorm – oft sogar höher als beim Drogenhandel.

Strafverfolgung

Der Handel mit illegalen Doping-Mitteln nimmt immer größere Ausmaße an. Deshalb wurde in München 2009 eine eigene Schwerpunktstaatsanwaltschaft gegründet, die sich hauptsächlich mit Dopingdelikten befasst. Und dennoch: Die meisten Delikte bleiben unentdeckt. Die Strafverfolgung ist das eine, Prävention wäre mindestens genauso wichtig. Doch in Sachen Aufklärungsarbeit gibt es noch viel zu wenig Angebote.

"Die Struktur von Prävention, das ist alles nur auf die klassischen Drogen gesetzt, was mit Alkohol, Haschisch und Marihuana zu tun hat. Aber die Droge „leistungssteigernde Mittel“, das scheint die Droge des 21Punkt Jahrhunderts zu sein."

 Jörg Börjesson, ehemaliger Dopingmittel-Konsument

Situation in Europa

In anderen Ländern hat man mittlerweile erkannt, was für ein ernsthaftes gesellschaftliches Problem der Dopingmissbrauch ist. Schließlich gibt es neben den tragischen Einzelschicksalen auch Langzeitfolgen, die hohe Kosten für das Gesundheitssystem bringen. Im kleinen Nachbarland Dänemark zum Beispiel hat man ein System entwickelt, das Fitness-Centern Anreize gibt, eine Null-Toleranz-Strategie gegen Doping zu fahren. Jedes Center wird mit einem Smiley an der Tür deutlich sichtbar gekennzeichnet. Ein lachendes Smiley bedeutet, dass man Doping-Kontrollen zulässt. Ein weinendes Smiley kassiert jedes Fitness-Center, das sich nicht am Kontrollsystem beteiligt. Die Mitarbeiter der staatliche Antidoping-Agentur kontrollieren regelmäßig die Studios mit dem lachenden Smiley. Dazu nehmen sie Urinproben von Mitgliedern, die durch besonders starke Gewichte oder durch ihre Muskelpakete auffallen. Wer sich weigert oder positiv getestet wird, wird von allen teilnehmenden Studios und den öffentlichen Sportvereinen ausgeschlossen.

Politischer Nachholbedarf

Joachim Herrmann räumt ein, dass das Augenmerk beim Doping auf dem Spitzensport liegt.

Und was tut die Politik in Deutschland? Das war zunächst gar nicht so leicht herauszufinden. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, fühlt sich bei dem Thema nicht zuständig und verweist auf das Bundesinnenministerium. Aus dem Haus von Thomas de Maizière wiederum heißt es, man fördere den Spitzensport. Für Breitensport sei man der falsche Ansprechpartner. Möglicherweise könnten die Sportminister der Länder dazu Auskunft geben. So landet man in Bayern bei Innenminister Joachim Herrmann, der auch für Sport zuständig ist. Doch der räumt ein, dass das Augenmerk beim Thema Doping bislang auf dem Spitzensport lag. Beim Breitensport hätte die Politik vermutlich Nachholbedarf.

Alarmsignale übersehen?

Dabei müsste der Politik längst bekannt sein, dass das Problem erheblich ist. Hunderte Urteile, tausende Verfahren und knapp eine halbe Million Doper in Fitnessstudios, wie eine von der Bundesregierung finanzierte Studie hochrechnet. Die Alarmsignale müssten eigentlich reichen, um Präventionsangebote oder Suchtberatungen auch für den Bereich Doping im Breitensport voranzutreiben.

"Ich halte es für eine Wahrnehmungsstörung. Man weigert sich, zur Kenntnis zu nehmen, welche Folgen das hat und deshalb glaubt man, es noch aussitzen zu können. Aber das ist natürlich das Problem der Langzeitwirkungen. Die werden natürlich nicht nur biologisch und biochemisch, sondern auch politisch und auch finanziell auf lange Frist umso verheerender."

Dr. Detlef Thieme,Institut für Dopinganalytik und Sportbiochemie Kreischa

"Für mich persönlich ist der Medikamentenmissbrauch im Freizeitsport ein deutlich größeres gesellschaftliches Problem als das klassische Feld des Dopings. Auch wenn massenmedial die Dopingfälle immer im Vordergrund stehen: Von der Häufigkeit her und von der Bedeutung her ist der Medikamentenmissbrauch von Freizeitsportlern bedeutend wichtiger."

Prof. Dr. Dr. Martin Hörning, Sozialmediziner 


Zahlen und Fakten

5% aller Fitnessstudiogänger haben schon Anabolika genommen. Bei 9 Millionen Mitgliedern in deutschen Studios sind das vorsichtig geschätzt etwa 450.000 Konsumenten. Der Großteil davon sind Männer. (Quelle: Studie „No roids inside“, Verfasser Prof. Dr. Dr. Hörning, im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit)

Die Zollermittlungsverfahren im Arzneimittelbereich haben drastisch zugenommen: Von weniger als 500 im Jahr 2006 auf rund 2.500 im Jahr 2014.

Seit 2009 gibt es in München eine eigene Schwerpunktstaatsanwaltschaft, die sich hauptsächlich mit Dopingdelikten befasst. Mehr als 700 Urteile gab es seit Gründung der Einheit, fast immer geht es um den Breitensport.

-         Mit Testosteron-Grundstoff für 200 Euro und Zubehör für 300 Euro lassen sich nach Angaben des Zolls Frankfurt 500 Ampullen Dopingmittel herstellen. Bei einem Verkaufspreis von je 40 Euro macht das 20.000 Euro Umsatz. Nach Abzug der Kosten von 500 Euro bleiben 19.500 Euro Gewinn. Eine Spanne, die höher ist als beim Drogenhandel.


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