BR Fernsehen - DokThema


53

China kauft den Mittelstand Schluss mit „Made in Germany?“

Der „Drache aus dem Reich der Mitte“ ist hungrig: China kauft seit einigen Jahren deutsche Mittelstandsbetriebe im großen Stil. Was steckt dahinter? Und wie sollten deutsche und europäische Politiker auf die chinesische Kauflust reagieren?

Von: Gisela Baur, Ralph Gladitz, Claudia Erl

Stand: 31.01.2018

„Made in Germany“ - das steht weltweit für hervorragende Qualität, für besonders ausgefeilte Technik, für Know-how bis ins kleinste Detail. In Deutschland identifizieren sich hochspezialisierte Industriebetriebe mit ihrem Produkt und ihren Aufgaben. Sie sind innovativ, tüfteln bis zum Optimum - und sind genau deshalb für China so interessant.

"Inzwischen können wir mit Gewissheit sagen, dass die chinesische Seite vor allem an deutschen Unternehmen interessiert ist, die bei Industrietechnologien Nischen füllen, besondere Vorsprünge haben. Die sogenannten „Hidden Champions“, das ist das große Thema, also diese verborgenen Weltmarktführer, die hochspezialisiert sind, über Jahrzehnte Industrietechnologien im Kleinen entwickelt haben und deswegen konkurrenzlos sind."

Professor Sebastian Heilmann, Sinologe und Gründungsdirektor des Mercator-Institut für China-Studien

Staatschef Xi Jinping

Viel Geld - nicht selten über den Marktpreisen - wird geboten, um diese Firmen unter chinesische Federführung zu holen. Staatschef Xi Jinping und die chinesische Regierung haben ihre Industriestrategie längst verkündet: „Made in China 2025“ lautet der Masterplan - und beinhaltet, dass das Reich der Mitte bis 2025 in zehn Zukunftsbranchen marktführend sein will. Der schnellste Weg zum Ziel: keine eigenen Unternehmen gründen, sondern die besten Unternehmen und Technologien aufkaufen.

Zahlen und Fakten

Seit 2015 investiert China mehr in Deutschland als umgekehrt – und zwar viermal so viel. Zuvor floss das Geld in die andere Richtung.

2016 kauften chinesische Investoren mehr als 100 deutsche Unternehmen für mehr als elf Milliarden Euro.

China investierte 2016 alleine 4,4 Milliarden Euro für das Robotikunternehmen Kuka, 1,4 Milliarden Euro für die Umwelttechnik-Firma EEW und rund eine Milliarde für den Maschinenbauer Krauss Maffei

Doch woher haben die Chinesen so viel Geld?

Ein beachtlicher Teil davon kommt ausgerechnet aus Deutschland selbst. Denn jahrzehntelang steckten auch deutsche Unternehmen Milliarden D-Mark und Euro in den aufstrebenden chinesischen Markt. Sie brachten damit neue Industriezweige ins Reich der Mitte - zudem abertausende Arbeitsplätze und viel Know-how. Jetzt dreht sich die Situation: Die Chinesen investieren in Deutschland - im Jahr 2015 viermal so viel wie umgekehrt.

Wie wirkt sich das auf die deutschen Arbeitnehmer aus?

Oft ist der Einstieg der chinesischen Investoren hochwillkommen. Gerade, wenn die Firma in Schwierigkeiten steckt. Dann beruhigt das langfristige strategische Handeln der chinesischen Investoren ... und das Geld der großen Partner, der solventen Mutterunternehmen in Fernost.

Ein Warnstreik - nicht selbstverständlich in der chinesischen Arbeitswelt.

Doch manchmal gibt es auch Probleme: z. B. mit dem deutschen Arbeitsrecht, auch wenn es für die neuen Arbeitgeber genauso Gültigkeit hat. Betriebsräte, Gewerkschaften, Streik - keine Selbstverständlichkeit in der chinesischen Arbeitswelt. Viele gut ausgebildete deutsche Fachkräfte suchen sich deshalb neue Arbeitsgeber. Doch das sind Nebenkriegsschauplätze. Denn die Chinesen haben langfristige Pläne.

"Das Ziel nicht nur der Regierung, sondern auch dieser Mutterunternehmen in China ist natürlich, diese Technologie in China zu haben. Das heißt, was zurzeit aussieht wie ein Riesen-Wachstumsprogramm kann auf Dauer darauf hinauslaufen - das ist die Gefahr -, dass nach fünf bis zehn Jahren diese Technologien komplett in China auch kontrolliert werden und von dort nach hier exportiert werden sollen. Das wäre die Gefahr für diese Unternehmen auch aus Sicht der Belegschaft."

Professor Sebastian Heilmann, Sinologe und Gründungsdirektor des Mercator-Institut für China-Studien

Die großen Retter, das sind die chinesischen Investoren häufig im ersten Schritt. Doch auf lange Sicht droht ein Technologietransfer von Europa nach Asien.

Deutsche Firmen mit chinesischer Produktion

Es gibt aber auch deutsche Firmen, die lediglich ihre Produktion nach China ausgelagert haben. Sie haben einen Qualitätsvorsprung vor den chinesischen Konkurrenten. Doch wie lange noch? China holt technologisch auf. Und China stellt mit seiner Einparteienregierung völlig andere Regeln auf als die westlichen Marktwirtschaften. Mit ihr haben chinesische Konzerne einen mächtigen finanziellen Rückhalt.

Eine Antwort aus Europa

Die Belegschaft eines deutschen Betriebs - mit den chinesischen Produktionsmitarbeitern.

Wie ist also der Ausverkauf von „Made in Germany“ aufzuhalten? Europa braucht eine Antwort auf die Planwirtschaft der Chinesen, ohne die Grundwerte des eigenen Wirtschaftssystems aufzugeben. Eines scheint klar: Auch bei uns ist eine langfristige europäische Industriepolitik gefragt. Deutschland, Frankreich und Italien haben einen ersten Vorstoß für eine gemeinsame Strategie im Umgang mit China gemacht. Doch Europas Mühlen mahlen langsam. Und mit ein paar Verboten für künftige Übernahmen ist es nicht getan.

"Meine Sorge ist eher die: Wir erleben schon, dass gerade in Europa schon die eine oder andere Regierung sehr abhängig zu sein scheint von chinesischen Investitionen. Gerade wenn ich an den einen oder anderen zentraleuropäischen Staat denke. Und wir haben auf der anderen Seite die Frage: Wie kommen wir aus diesem Dilemma raus, dass wir ja grundsätzlich ausländische Investoren nicht abschrecken wollen in Europa zu investieren. Da gibt es große Sorgen bei einigen Mitgliedsländern. Deswegen: Wir wollen Druck machen, aber wir müssen auch eben schauen, dass wir an das Thema sehr sensibel rangehen. Wir wollen ja niemanden verschrecken. Aber wir wollen uns wehren können, gegen die, die unfair unterwegs sind."

Daniel Caspary, Europaparlamentarier

"Es wird nicht möglich sein, diese Innovation nur von unten anzuschieben, den Unternehmen, dem Markt, den Konsumenten zu überlassen. Das ist klar, dass große neue Infrastrukturen notwendig sein müssen. Auch neue Ausbildungsgänge werden notwendig sein müssen, für Themen wie E-Mobilität, für die gesamte Erreichbarkeit und Schnelligkeit der Netze. Das ist schon mal ein ganz einfaches Thema. Aber letztlich ist es auch ein Ausbildungsthema. Wir brauchen wirklich neue Bildungsangebote. Wir brauchen Weiterbildungsangebote in ganz breitem Feld. Und das können nur Regierung und Parlamente bereitstellen."

Professor Sebastian Heilmann, Sinologe und Gründungsdirektor des Mercator-Institut für China-Studien

China hat eine sehr langfristige Strategie. Europa mangelt es daran. Und so sind viele deutsche Unternehmen ein gefundenes Fressen für den hungrigen Drachen aus China.


53