BR Fernsehen - Dahoam is Dahoam


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Interview mit Pfarrer Rainer Maria Schießler "Das Drehbuch begeistert mich, denn es ist sehr mutig."

Im persönlichen Gespräch spricht Pfarrer Schießler über den Zölibat und nimmt Bezug zu den Annährungen zwischen Pfarrer Brandl und der Lansinger Polizistin Josy Drechsler bei "Dahoam is Dahoam".

Stand: 18.07.2019

Dahoam is Dahoam: Pfarrer Schießler mit DiD-Lebkuchenherz. | Bild: BR/Marco Orlando Pichler

Rainer Maria Schießler ist römisch-katholischer Pfarrer und seit 1993 für die Pfarrkirche St. Maximilian in München verantwortlich, sowie seit 2011 auch für die Hl. Geist Kirche am Viktualienmarkt. Er gilt durch seine unkonventionelle Seelsorge und seine medienwirksamen Aktionen als einer der bekanntesten Kirchenmänner in Bayern. Seine Bücher wie z.B. "Himmel-Herrgott-Sakrament" oder "Jessas, Maria und Josef" sind nicht nur gläubig, sondern glaubhaft.

Im persönlichen Gespräch spricht Pfarrer Schießler über den Zölibat und nimmt Bezug zu den Annährungen zwischen Pfarrer Brandl und der Polizistin Josy Drechsler in der Serie.

Pfarrer Schießler, wie stehen Sie grundsätzlich zum Zölibat?

Die Lebensform der Enthaltsamkeit über alle Geistliche ist eine ganz besondere Form der Einladung! Nicht die Verpflichtung, die Prüfung, der Ehe zu widerstehen, steht im Vordergrund, sondern die freie Entscheidung, die ein solches prophetisches Zeichen in dieser Welt setzen möchte.

Der Zölibat bedeutet nicht die Ablehnung der Liebe zu einem Menschen. In einer stark sexualisierten Gesellschaft fehlt sehr leicht das Vorstellungsvermögen für andere, außergewöhnliche Lebensformen. Sexualität heißt zunächst, sich einander nahe zu sein. Einen Menschen ganz bewusst in den Arm zu nehmen ist ganz etwas Besonderes.

Der Zölibat ist so auch für mich immer ein Abenteuer mit großer Strahlkraft für ein glückliches und erfülltes Leben.

Wie bewerten Sie das Verhältnis zwischen Pfarrer Brandl und der Polizistin Josy bei "Dahoam is Dahoam"?

So wie es aussieht, hat sich Pfarrer Brandl in Josy verliebt. Pfarrer Brandl ist verunsichert, dass das ihm als Pfarrer passiert, er kann es kaum glauben. Zuerst einmal muss er sich über seine Gefühle klar werden; dafür ist eine Auszeit sicher sinnvoll.

Der Rat des Generalvikars innerhalb der Geschichte ist richtig. Pfarrer Brandl muss mit Josy reden und über seine Gefühle sprechen. Diese Empfindung zu unterdrücken wäre falsch. Es ist wie im wirklichen Leben, denn oft ist es schwer, sich dem Partner zu offenbaren und über Gefühle, Wünsche und Träume zu sprechen und ihn möglichweise auch zu enttäuschen.

Welchen Stellenwert nimmt "Dahoam is Dahoam“  für Sie im Umgang mit diesem Thema ein?

Das Drehbuch begeistert mich, denn es ist sehr mutig, sich dieser Frage so offenherzig zu widmen, ob ein Pfarrer wirklich auch lieben darf. Die beiden Schauspieler Ferdinand Schmidt-Modrow und Mira Mazumdar zeigen ganz hohe Filmkunst. Es ist eine offene Sache und nicht sofort klar, wie es ausgeht. Das finde ich richtig, schließlich kann man ‚Liebe’ nicht einfach abstellen. Vorschriften verhindern Liebe nicht, es bleibt also offen, wie die Gefühle und die vorliegenden Lebensumstände zusammenkommen können.

Die Menschen in Lansing werden darauf reagieren müssen. Auf die Dorfgemeinschaft kommt daher eine sehr wichtige Rolle zu, denn gerade jetzt ist Zusammenhalt gefragt. Ein echtes WIR-Gefühl zu entwickeln, könnte die Gemeinschaft bereichern. Keine abschätzigen Blicke, keine Moralapostel, sondern nur ehrliche Offenheit und vertrauensvolle Achtsamkeit.

Wie bewerten Sie die Liebe generell?

Die Liebe ist stark und sehr wichtig für ein glückliches Leben. Die Liebe macht gütig, legt Härte ab. Die Liebe schafft viel Energie und gibt Kraft für das Leben. Ein Liebender zu sein, ist ein großes Glück, ein Gefühl, das Berge versetzt. Die Liebe kann man nicht niederringen, weder kirchliche Vorschriften noch priesterliche Begleiter können bestimmen, wie dieses Gefühl gelebt wird.

Wie gehen Sie persönlich mit dem Thema Liebe um? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Mit den Jahren ändern sich die Herausforderungen dieses Abenteuers Zölibat. Ich erinnere mich an meine frühe Zeit. Natürlich begegnet man auf den zahlreichen Veranstaltungen vielen attraktiven Frauen. Es ist auch nicht immer leicht zu sehen, wie sich andere ganz offen einem Partner hingeben können, man selber aber einen anderen Lebensentwurf gewählt hat. Auch an den Festtagen, besonders Weihnachten, ist es ohne Partner doch auch sehr einsam.

Seit über 20 Jahren darf ich eine ganz besondere Beziehung mit einer Frau leben, die mir sehr nahesteht. Wer uns begegnet, würde uns sofort als ein "altes Ehepaar" einschätzen, so eingespielt ist ein solches Zusammensein. Und dennoch: Dank der Bereitschaft von uns beiden, unsere jeweilige Geschichte und Lebenssituation zu respektieren - sie ihre eheliche Beziehung und ich meinen Zölibat - mussten wir niemals uns und anderen etwas vormachen oder gar vorspielen. Wir sind Seelenverwandte, stehen füreinander ein, sind füreinander da und das nicht einfach nur, weil wir uns brauchen. Gerade weil wir wissen, dass wir aufgrund unserer Lebensentscheidungen nicht alles voneinander haben können, spüren wir sehr oft, wieviel mehr wir eigentlich füreinander haben.

Natürlich will der Mensch grundsätzlich stark sein, aber Stärke bedeutet nicht fanatische Härte, so wie Weisheit nicht einfach Intelligenz darstellt. Ein liebender Mensch aber ist stark. Ebenso macht Freiheit stark, denn nur wer wirklich frei ist, kann die Wahrheit bezeugen. Eine gesunde Gesellschaft – das gilt für die Kirche wie für die Dorfgemeinschaft in Lansing – ist überlebenswichtig. Man darf nicht einfach nur Fassaden errichten, sondern soll sich wirklich für die anderen verantwortlich fühlen, am Leben der anderen teilhaben und sie ganz offenherzig und verständnisvoll begleiten.

Die Treue, von der wir so oft sprechen, ist viel mehr als nur nicht fremd zu gehen. Wahre Treue bedeutet, den anderen an seinem Leben, seinen Empfindungen und Entwicklungen ohne Spielereien und Tricks teilhaben zu lassen. Wenn das den Menschen in Lansing gelingen würde, wären sie eine echte Modellgesellschaft für uns alle.


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