BR Fernsehen - Bayerischer Kabarettpreis


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Bayerischer Kabarettpreis 2021 Musikpreis: Suchtpotenzial

Stand: 08.03.2021 | Archiv

Im ersten Moment könnte man meinen, statt bei einem Auftritt sei man als Zaungast bei einem Frauenabend gelandet. Es wird viel gelacht, kräftig gebechert, geraucht und ab und an auch mal eine Zote gerissen. Dabei hat das Duo Suchtpotenzial – wie der Name schon sagt – ein viel höheres Potenzial für einen unvergesslichen Abend als Ersteres. Denn das, was die beiden gestandenen Frauen da tun, ist schreiend komisch, oft überraschend und vor allem musikalisch mitreißend. Kurzum: Ihre Auftritte bergen nicht nur Suchtpotenzial, sondern fast schon Suchtgarantie.

Pianistin Ariane Müller (40), gebürtige Ulmerin, und Julia Gámez Martín (34), aus Berlin stammend, lernten sich 2011 am Theater Ulm kennen und machen seit 2013 die Bühnen der Republik unsicher. Stimmgewaltig fegt Julia Gámez Martín durch die Programme, von ihrer Partnerin Ariane Müller immer souverän und pointiert am Klavier begleitet. Gerne spielen die beiden einerseits mit allen musikalischen Genres von Country über Folk bis Chanson, andererseits gegen Klischees und Erwartungen an – gerade solche, die man Frauen im Allgemeinen und hübschen Frauen im Besonderen entgegenbringt. Trotz ihrer prächtigen Haarmähnen ist nichts an ihnen mädchenhaft, nichts lieblich. Ihr Bekenntnis zu Alkohol, Zigaretten, Sex und Rock'n'Roll ist echt und authentisch. Zwar nennen sie sich gerne mal ein singendes "Alko-Pop-Duo", dennoch setzen sie ihr Können nicht für simple Spaßmacherei ein, sondern verschicken klare, politische Botschaften: gegen Sexismus, Diskriminierung, Rassismus und all die anderen Gefahren, die eine Demokratie schnell zersetzen können. Wer sich Suchtpotenzial aussetzt, gerät in die Gefahr der Abhängigkeit. Aber mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ist man von nichts lieber abhängig als von ihren klugen Texten, der schwungvollen Musik und den erstaunlichen Erkenntnissen über den Nonsens des Lebens, den sie lustvoll offenlegen.


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