3

Mit steifer Brise unterwegs zwischen Sandbänken und Prielen Wattwandern auf Pellworm

Eine Wattwanderung auf der erholsamen Nordsee-Insel Pellworm ist eine Geschichte mit „Tiefgang“ und eher ungewöhnlich für das Rucksackradio, schon allein aufgrund eines Niveau von mehreren Metern unter null. Doch eine Stippvisite im artenreichen Wattenmeer zwischen Den Helder in den Niederlanden und dem dänischen Esbjerg, in der größten zusammenhängenden Wattlandschaft der Welt, anerkannt sogar als UNESCO-Weltnaturerbe, lohnt auch für Bergfexe und Höhenmetersammler.

Von: Christoph Thoma

Stand: 11.07.2020

Mit steifer Brise unterwegs zwischen Sandbänken und Prielen | Bild: BR; Christoph Thoma

Mitten im Nationalpark Wattenmeer liegt – etwas südlich von Sylt – bei Husum in Schleswig-Holstein die kleine Insel Pellworm. Man kann mit der Fähre übersetzen und eine mehrstündige Wattwanderung vom Pellwormer Deich zur Hallig Süderoog unternehmen – eine klassische Wattwanderung mit steifer Brise zwischen Muscheln, Prielwürmern und Quallen. 

Weithin sichtbar - der Leuchtturm

1000 Kilometer liegen zwischen Marktoberdorf im Ostallgäu und der Nordseeinsel Pellworm. Sarah Michna war bis 2018 Tourismuschefin in Marktoberdorf, bevor sie Kurdirektorin auf Pellworm wurde. Der Schritt von den Bergen ins Meer ist ihr nicht allzu schwer gefallen, erzählt die gebürtige Kemptenerin, weil die fast kreisrunde grüne Erholungsinsel so liebenswert, so überschaubar und so gesund ist – eine ökologische Nische mitten im Wattenmeer. 

Die klare Sicht reicht bis zum Horizont, eine steife Brise treibt die Windräder an, auf der Speisekarte steht Salzwiesen-Lamm. Das Hauptverkehrsmittel auf der Insel ist das Fahrrad. Auf eigene Faust die Küste zu erkunden und faszinierende Tiere und Pflanzen in ihrem Lebensraum zu entdecken, das ist ein besonderes Erlebnis. Wer weiter hinaus ins Watt will, sollte sich aber unbedingt einer Führung anschließen, denn für Unkundige ist die feuchte Wüste mit ihren Prielen und Schlicklöchern hochgradig gefährlich.

Beachies schützen die Füße

Wer bisher dachte, die „Bee Gees“ seien eine Pop-Gruppe aus den 70er-Jahren, der bekommt auf Pellworm Kontakt zu einer anderen Art von „Bee Gees“: Die „Beachies“, eine Art Gummistrümpfe für die Füße, die vor Schnittverletzungen durch Muschelsplitter schützen sollen, sind nahezu unverzichtbar beim Wattwandern. Mit Bergschuhen ist man auf Pellworm falsch. Notfalls gehen aber auch alte Tennissocken.

Bayerisch-Schwaben ist gut verankert auf Pellworm. Leuchtturmwärter Günter Behnke, ein Insel-Original, ist mit einer Allgäuerin verheiratet. Hochzeiten auf seinem Leuchtturm sind sehr beliebt. Vom höchsten Punkt Pellworms aus kann man am Horizont die Hallig Süderoog schon erkennen. Um zwölf Uhr ist die Leuchtturm-Führung abrupt beendet. Da muss der Mann mit der Mütze nämlich heim, es gibt Spätzle.

Der Treffpunkt am Deich

Vom Leuchtturm sind es nur zehn Minuten mit dem Rad zum Treffpunkt für die Wattwanderung nach Süderoog. Kurze Hosen braucht’s, eine Windjacke und – klar doch – die nagelneuen Beachies. Die Studentin Laura Wachter verbringt ein freiwilliges ökologisches Jahr in der Schutzstation Wattenmeer auf Pellworm. Braungebrannt ist sie, die blonden Haare vom Wind zerzaust. Mit dem typischen „moin-moin“ wird die Gruppe begrüßt und dann quasi ins Meer hinausgetrieben. Das ablaufende Wasser reicht noch gut über die Knie. Das Zeitfenster für unsere Wattwanderung ist weit geöffnet.

Das Wasser im Priel reicht über die Knie

Es ist ungewohnt für Bergsteiger und Wanderer, im dunklen Batz zu waten und Priele zu queren, in denen das Meerwasser über die Knie reicht. Der Schlick quillt pastös zwischen den Zehen hoch. Dem Blöken der Schafe folgt das Kreischen der Möwen. Im Wechsel von Ebbe und Flut fallen die Wattflächen zweimal am Tag trocken und bieten Einblicke in das geheimnisvolle Leben im Wattboden. Neben den Alpengipfeln ist das Wattenmeer die einzige Region in Mitteleuropa, die großflächig in ihrer natürlichen Schönheit und Dynamik erhalten werden konnte. Statt Steinböcke, Hirschen und Gämsen gibt es hier Garnelen, Krabben, Schnecken, Muscheln und die berühmten Wattwürmer. Laura erzählt, dass sie Regenwürmern ähneln, aber etwa fingerdick sind und eine bevorzugte Nahrung für Alpenstrandläufer und andere Vögel im Watt. Unsere Gruppe ist mittlerweile selber schon zum Wurm geworden, langgezogen. Wir passieren die unsichtbare Grenze zur Schutzzone 1. Ab hier darf man nicht mehr alleine unterwegs sein aus Naturschutz- und Sicherheitsgründen.

Zur Pause Suppe und Deichlimo

Süderoog rückt allmählich näher. Der weiße Sandgürtel ist deutlich auszumachen. Die Spaghetti-Haufen der Prielwürmer weisen den Weg zur Warp, dem höchsten Punkt der Hallig mit einem kleinen Bauernhof. Schon Theodor Storm wusste von der Besonderheit der Hallig Süderoog und von ihrer Schönheit. Als „schwimmende Träume“ hat er alle Halligen bezeichnet, doch seine Erzählung "Eine Halligfahrt" widmete er genau dieser kleinen Hallig. Süderoog ist eine von zehn Halligen im nordfriesischen Wattenmeer, hat eine Warft und ein Haus. Hier wohnen Nele Wree und Holger Spreer seit September 2013, seit November 2017 sind sie stolze Eltern einer Tochter. Damit gibt es nun drei ständige Bewohner des „Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer". Süderoog liegt in der Schutzzone 1 des Nationalparks und gehört zum UNESCO Weltnaturerbe. Die Familie ist für den Erhalt der Hallig verantwortlich, für den Schutz der Vögel. Die Hallig wirkt wie ein Wellenbrecher und schützt Pellworm und die Festlandküste. Nele und Holger züchten auf ihrem kleinen, weltabgeschiedenen Arche-Hof aber auch vom Aussterben bedrohte, zähe Haustierrassen wie das Ramelsloher Huhn und das Coburger Fuchsschaf.

Und dann kommt die Flut

Auf der Hallig gib es nicht nur Pflaster für die malträtierten Füße der Barfußläufer, sondern auch eine kräftige Kartoffelsuppe und eine Deichlimo. Die Pause ist kurz, der Rückweg lang. Nach sechs Stunden kommt die Flut. Doch da haben die Wattwanderer das rettende Ufer schon erreicht: Pellworm, das grüne Herz der blauen Nordsee.

Geführte Wattwanderungen auf Pellworm bietet von Ende April bis Anfang November die Kurverwaltung in enger Zusammenarbeit mit der Schutzstation Wattenmeer an. Genaue Informationen gibt es unter: www.pellworm.de  sowie www.schutzstation-wattenmeer.de

Karte: Pellworm

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Pellworm


3