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Die Plöckensteinrunde im Dreiländereck Unterwegs auf dem Grenzkamm zwischen Bayern, Böhmen und dem Mühlviertel

Am Dreisessel im Bayerischen Wald treffen Deutschland, Österreich und Tschechien aufeinander. Die aussichtsreiche Wanderung entlang des zerklüfteten Grenzkammes zwischen Niederbayern, Böhmen und dem Mühlviertel hat schon den Lehrer, Maler und Dichter Adalbert Stifter fasziniert, der 1868 in Oberplan auf der östlichen Seite des Waldgebirges geboren wurde und in Lackenhäuser auf der westlichen Seite oft zur Sommerfrische weilte. Der Plöckenstein war einer seiner liebsten Berge im „Woid“.

Von: Christoph Thoma

Stand: 17.06.2021

Dreisessel: Totholzstämme über dem Jungwald | Bild: BR/Christoph Thoma

Der Plöckenstein war für Adalbert Stifter einer seiner liebsten Berge im „Woid“. Der Plöckenstein-See ist der südlichste von acht eiszeitlichen Seen im Böhmerwald, der bis zu den Weltkriegen der gemeinsame Begriff für das gewaltige Waldgebirge im Osten Deutschlands war. Erst danach, als der unselige „Eiserne Vorhang“ gebaut wurde und die Menschen trennte, entstanden zur Unterscheidung und Abgrenzung so relativ junge Begriffe wie „Bayerischer Wald“ oder „Österreichischer Böhmerwald“.

Aufstieg zum Dreiländereck

Wir starten frühmorgens am Dreisessel-Haus. Ludwig Breitenfellner ist Goldsteig-Wegewart und Wanderführer und kennt hier jeden Steig und jede Routen-Variante. Seit die Grenzen wieder durchlässig sind, gleicht das Gespinst der Wanderwege hier einem Spinnennetz. Unser Ziel ist der 1364 Meter hohe bayerische Plöckenstein direkt an der Grenze zwischen Bayern und Böhmen. Mit einer Wegstunde mehr wäre aber auch der 1379 Meter hohe österreichische Plöckenstein gut zu erreichbar, der an der Grenze zwischen Tschechien und Österreich steht.   

Der Adalbert-Stifter-Steig ist ziemlich rau und verlangt Trittsicherheit und entsprechendes Schuhwerk. Borkenkäfer und Orkane haben dem vom Dichter einst so anschaulich beschriebenen Hochwald arg zugesetzt. Aber dafür haben die Wanderer jetzt eine großartige Aussicht bis zu den Alpen und nach Prag. Wo man früher nur den Wald vor lauter Bäumen sah, öffnen sich jetzt neue Horizonte – was hier wieder heranwächst, ist naturverjüngter Misch-Bergwald. 

"An der Mitternachtseite zum Ländchen Österreich zieht ein Wald an die dreißig Meilen lang seinen Dämmerstreifen westwärts, beginnend an den Quellen des Flusses Thaia, und fortstrebend bis zu jenem Grenzknoten, wo das böhmische Land mit Österreich und Bayern zusammenstößt. Dort, wie oft die Nadeln bei Kristallbildungen, schoss ein Gewimmel mächtiger Joche und Rücken gegen einander, und schob einen derben Gebirgsstock empor, der nun den drei Landen weithin sein Waldesblau zeigt, und ihnen allerseits wogiges Hügelland und strömende Bäche absendet."

Adalbert Stifter in „Hochwald“.

Ludwig Breitenfellner ist Wegepate

Geologisch interessant ist das Steinerne Meer im Naturpark Bayerischer Wald. Der Nationalpark Bayerischer Wald ist in greifbarer Nähe, am Grenzkamm stoßen wir im Laufe unserer Wanderung noch auf den böhmischen Nationalpark Šumava. Ludwig Breitenfellner deutet auf ein buntes Gebilde an einem toten Fichtenstamm. Es handelt sich um einen seltenen Baumpilz, der Totholz „frisst“ bzw. sich davon ernährt und so zur Düngung des Waldbodens beiträgt. Eine halbe Stunde später müssen wir über eine umgestürzte Fichte klettern. Auch dieses Hindernis hat Funktion im Ökosystem Böhmerwald. Ludwig Breitenfellner erzählt, dass in den „Baumscheiben“ umgestürzter Flachwurzler wie der Fichten winzige Steinchen zu finden sind, die in strengen Wintern von den vom Aussterben bedrohten Auerhühnern dringend benötigt werden. Sie picken diese „Mahlsteinchen“ auf, um mit ihrer Hilfe die schwer verdaulichen Tannennadeln, von denen sie sich ernähren, zu zerkleinern und zu verdauen.

Das Steinerne Meer ist das Werk der Natur über Jahrmillionen

Nach eineinhalb Stunden auf dem „Adalbert-Stifter-Steig“ überholt uns eine Gruppe von Wanderern mit großen Rucksäcken. Wir haben dasselbe Ziel: das „Steinerne Meer“. Etwas unterhalb des Gipfels des bayerischen Plöckenstein liegt das aus riesigen Granittrümmern aufgetürmte und unter Naturschutz stehende „Meer“ - so groß wie 30 Fußballfelder. Die riesigen, ineinander verkeilten Steinbrocken sind die Folge von natürlichen Frostsprengungen: In winzige Spalten sickert Wasser ein. Bei Temperaturen unter null werden aus gewaltigen Steinplatten viele Trümmer - ein Kraftakt der Natur, der sich über Millionen von Jahren fortgesetzt hat.

Ein Tisch wie ein Kunstwerk

Am Horizont taucht jetzt schon der österreichische Plöckenstein auf, einer von vielen „Tausendern“ im Bayerischen Wald. Wer noch Lust und Kondition hat, könnte absteigen zum Plöckenstein-See. Außer Atem kommen kann man aber schon beim Aufstieg ganz hinauf auf den Grenzkamm, denn am Wegrand gibt es schon jede Menge Heidelbeeren, nach denen man sich bücken muss. Gut einen Kilometer geht es bergauf, immer an den Grenzsteinen Bayern-Böhmen entlang, dann erreichen wir mit dem Felsmassiv des bayerischen Plöckenstein den höchsten Punkt unserer Tour - ein Treffpunkt für Wanderer aus Bayern, Oberösterreich und Böhmen. Der bayerische Plöckenstein erhebt sich westlich des Dreiländerecks Deutschland, Tschechien und Österreich im langgezogenen Bergkamm, der vom Dreisessel im Nordwesten über den Hochkamm zum Hochficht im Südosten reicht und über den im Nordwesten die deutsch-tschechische und im Südosten die tschechisch-österreichische Grenze verläuft.  Auf bayerischer Seite liegt der Naturpark Bayerischer Wald, mit dem Neureichenauer Ortsteil Pleckenstein, und auf tschechischer Seite im Šumava der Nationalpark Šumava, mit dem Gemeindegebiet von Nová Pec (Neuofen) am Lipno-Stausee. An der Dreiecksmark entspringt die Světlá (Lichtwasser), die zur Kalten Moldau fließt.

Nach knapp vier Stunden – zuletzt auf Holzplanken über glucksendes Hochmoor - sind wir zurück am Dreisessel. Steile Stufen führen zu drei naturgeformten Thronen. Hier sollen sich einst drei Könige getroffen und über die Ländergrenzen verhandelt haben. Was für ein Gipfeltreffen! Auf einer Tafel lesen wir zur Begrüßung ein Zitat von Adalbert Stifter, in dem es um das Werden und Vergehen in der Natur geht: „Es war ein gewaltiger Reiz für das Herz, das Unnennbare, was in den Dingen vor mir lag, zu ergreifen. Und je mehr ich nach dem Ergreifen strebte, desto schöner wurde auch dieses Unnennbare vor mir selbst!“

Informationen

Informationen zur Plöckensteinrunde im Dreiländereck gibt es unter www.bayerischer-wald.de oder www.dreisessel.com

Karte: Dreisessel

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Dreisessel


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