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Dem Glück auf der Spur in Bhutan Von der Wiege des Buddhismus zum Wandern ins Paro-Tal

Bhutan ist ein kleines, feines und – auf den ersten Blick – auch sehr teures und nicht ganz einfach erreichbares Königreich im Himalaya. Bei uns weiß man noch immer wenig über die Wiege des Buddhismus und das Land des Donnerdrachens. Bhutan ist anders: Der Reis ist rot, Zigaretten sind verboten, das Königreich liegt versteckt im Himalaya und pflegt uralte, eigene Traditionen.

Von: Christoph Thoma

Stand: 04.01.2020

Von der Wiege des Buddhismus zum Wandern ins Paro-Tal | Bild: BR; Christoph Thoma

Um Bhutan auch künftig vor Massentourismus zu schützen, müssen Touristen Eintritt bezahlen und Rundum-Pakete mit Quartier, Verpflegung und Transport buchen, sonst gibt es kein Visum. Jeder Tag in Bhutan kostet für allein reisende westliche Touristen 250 US-Dollar. Für Gruppen gibt es Ermäßigungen. Außerdem wird diese Gebühr auf anfallende Kosten wie Unterkunft, Verpflegung und Reiseleitung angerechnet. Das kleine Land im östlichen Himalaya ist erst seit Mitte der Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts für Touristen erreichbar. Die höchsten Berge sind für Alpinisten tabu. Weil auf den Gipfeln die Götter wohnen, gibt es grundsätzlich keine Permits für Expeditionen in Regionen über 6000 Metern Höhe.

Der Aufbruch im Haa-Tal

Bhutan kann als Vorbild gelten, weil es den Respekt vor der Natur, die Kultur und den Menschen höherstellt, als die bloße Gier nach Geld, Erfolg und Macht. Bhutan versteht sich als Staat, der seinen traditionellen Reichtum und die Ressourcen des Landes mit hinein nimmt ins 21. Jahrhundert. Auch wenn sich da und dort bei jungen Leuten auch schon Jeans ins Straßenbild mischen, die meisten Bürgerinnen und Bürger Bhutans tragen mit Stolz noch ihre Landestracht. Das Leben geht langsam, bedächtig vor sich. Es gibt keine Hetze.

In der Verfassung des Staates ist das Bruttoglücksprodukt verankert. Bhutans König setzt sich persönlich dafür ein, dass seine Untertanen glücklicher sind als die Bürger der Nachbarstaaten Nepal, Indien und Tibet bzw. China. Weitere wichtige Staatsziele sind auch der Umwelt- und Landschaftsschutz. Massentourismus soll vermieden werden. Mehr Glück statt Gewinn? Sind die Menschen in Bhutan wirklich glücklicher?

Schneeberge als Kulisse

Der Flug entlang der Achttausender-Kette des Himalaya ist ein unvergessliches Erlebnis, die Landung im S-förmig geschwungenen Paro-Tal ein Kunststück, das nur speziell ausgebildeten Piloten gelingt. Was sofort auffällt ist die äußerst freundliche Begrüßung, und sogar die Beamten am Einreiseschalter tragen bhutanesische Tracht. Gaby aus Bad Reichenhall war in den vergangenen Jahren oft im Himalaya unterwegs. Sie hat Kathmandu mit seinem Smog-Problem erlebt, dass laute Delhi und Lhasa mit seinen neuen Hochhäusern, die in den tiefblauen Himmel wachsen. Längst ist die Märchenstadt des Dalai Lama eine moderne chinesische Großstadt geworden. Hier in Bhutan sind die Häuser dagegen nur wenige Stockwerke hoch und meist mit Schnitzereien verziert.

Wo das Wasser betet

Das Wasser betet in Bhutan, weil von den Bächen die Gebetsmühlen angetrieben werden. Auch der Wind betet, indem er Mantren von den Gebetsfahnen liest und zu den Göttern trägt, die auf den Bergen wohnen. Man betreibt in Bhutan nachhaltigen Naturschutz, es gibt keine Schwerindustrie und vor allem in den entlegeneren Landesteilen ist die traditionelle Landwirtschaft – Ackerbau mit dem Hakenpflug - die einzige Einnahmequelle.

Johannes aus dem Ostallgäu, der in Freiburg Medizin studiert, macht sich so seine Gedanken über das Glück in Bhutan: „Manche Leute sehen auch traurig aus“, meint er vorsichtig. „Vielleicht ist es ein Problem, dass sie wenige Möglichkeiten haben, beruflich vorwärts zu kommen.“ Franziska lebt in Braunschweig und hat „Geographie des globalen Wandels“ studiert. Ihr fällt auf, dass die Befragung nach dem Glücksgefühl, die regelmäßig vom Staat gestellt wird, im Widerspruch zur Statistik der WHO steht, die Bhutan nach Kriterien bzw. harten Fakten wie beispielweise Bildungsstand, Lebenserwartung und Volksgesundheit im Weltvergleich ziemlich weit hinten sieht. Die Menschen in Bhutan leiden keinen Hunger, Bildung ist gratis, den Arzt zahlt der Staat. Aber das Leben der Handwerker, Kaufleute und Bauern ist einfach, die Arbeit der Baumfäller im königlichen Forst extrem hart und gefährlich. Trotzdem entsteht der Eindruck, dass die Menschen in Bhutan entspannter und stressfreier leben als die Menschen in Europa, die viel höheren psychischen Belastungen ausgesetzt sind.  

Die Pause am Sagala-Pass

Zurück in Paro treffen wir in der „Lechuna Heritage Lodge“, einem liebevoll umgebauten Bauernhaus nahe dem weltberühmten Tigernestkloster, auf Phintso Ongdi, dessen Vater Penjor mit Günter Sturm und dem DAV Summit Club vor genau 50 Jahren das Trekkinggeschäft in Nepal aufgebaut hat. Der Agenturchef kann gut vergleichen: „Als ich Kind war gab es in Kathmandu mehr Tempel als Menschen. Das hat sich massiv geändert.“ Nepal habe heute ein Umwelt-Problem. Phintso ist in Kathmandu geboren und in Nepal aufgewachsen, aber seine Ferien hat er immer in Bhutan verbracht. Die Frage an ihn, ob denn die Menschen in Bhutan glücklicher seien als in Nepal, beantwortet er nach langem Nachdenken ganz behutsam so: „Junge Menschen brauchen Arbeit. Sie wollen sicher leben und ihre Familien ernähren. Aber Geld ist nicht alles. In einer Zeit, in der Stille und Naturnähe wieder große Bedeutung haben, kann man vielleicht schon sagen, dass die Menschen in Bhutan etwas glücklicher sind als in Nepal, zumindest glücklicher als die Menschen in der lärmenden Großstadt Kathmandu.“

Frauen und Kinder in Paro

Die Landschaft zwischen den hohen Bergen Bhutans strahlt Erhabenheit aus. Selbst in der Hauptstadt Thimphu fahren nur wenige Autos. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele junge Leute, die ihr persönliches Glück im Ausland suchen. Zu den Reichtümern des Himalaya-Staats Bhutans mit seinen natürlichen, komplett unverbauten Gebirgsflüssen und den mächtigen Dzongs, den jahrhundertealten Klosterburgen, gehören die noch immer lebendige Kultur und der auch bei den jungen Menschen verinnerlichte Buddhismus.

Bhutan hat immer Saison. Weil das Königreich auf demselben Breitengrad wie Florida und die Kanarischen Inseln liegt, herrscht hier das ganze Jahr über ein angenehmes Klima mit Durchschnittstemperaturen zwischen 15 und 20 Grad. Hochsaison für Bergsteiger und Trekker sind die Monate September und Oktober sowie März bis Mai.

Bhutan wurde vom Verlag „Lonely Planet“ zum Reiseziel des Jahres 2020 gekürt. „Wer in das zwischen China und Indien versteckte Bhutan reist, erlebt ein Land voller Schönheiten, Traditionen und glücklicher Untertanen, die der Globalisierung trotzen“, so heißt es in der Begründung.

Reis- und Getreidefelder im Haa-Tal

Das wohl spektakulärste Berg-Abenteuer in Bhutan, dem Königreich über den Wolken, ist der berühmte „Snowman-Trek“ mit zwölf Pässen zwischen 4500 und 5100 Metern Höhe. Bergwanderer fühlen sich eher unterhalb der Schneegrenze wohl. Eine der schönsten Touren führt vom fruchtbaren Haa-Tal mit seinen Reisfeldern und Yak-Weiden über den 3700 Meter hohen Sagala-Pass zum Drugyel Dzong in der Nähe von Paro. Durch die geöffneten Fenster des Paro Dzong fällt das erste Sonnenlicht auf fast 200 betende Mönche. Pilger füllen Butter in Opferlampen, Weihrauch steigt in Rauchschwaden gen Himmel. Bunte Gebetsfahnen an knorrigen Kiefern lassen Wünsche und Hoffnungen folgen. 1646 wurde das mächtige Kloster gegründet, aber der Beginn des Tages im Paro-Tal hat sich bis heute kaum verändert.

Ganz allmählicher Aufstieg

Local-Guide Kunsang erzählt, dass der buddhistische Tempel von Dalung, unser Startpunkt, am Ende der Reispflanzer-Route über den Sagala-Pass liegt, die von alters her die Bauern aus dem Paro-Tal benutzen, um zu den Reisfeldern im nur 2500 Meter hoch gelegenen und so besonders fruchtbaren Haa-Tal zu gelangen. Das Haa-Tal ist vor den eisigen Winden aus Tibet geschützt, so dass hier Reis, Weizen, Chili und Gemüse gut gedeihen. Was wir heute als durchaus fordernde Tageswanderung planen, ist für die Bauern bis heute der alltägliche Weg zur Arbeit.

Yakherden auf Almwiesen

Der Pass ist 3700 Meter hoch. Wir müssen keine schweren Reisbündel tragen, aber immerhin unsere Rucksäcke. Ganz allmählich gewinnen wir Höhe. Vorbei an Herden mit halbwilden Yaks, durch Berberitzen-Gestrüpp und über weite Wiesen mit lila Blumenteppichen. Über uns kreisen zwei Adler, die Wolken hängen niedrig wie Luftschiffe an einem tiefblauen Himmel. Was Bhutanesen noch „tief“ erscheint, ist für uns - nur unzureichend akklimatisierte - Europäer schon eine Herausforderung. Nach einer längeren Verschnaufpause auf etwa 3200 Metern Höhe, wird der Weg steiler. Der Hang bäumt sich auf, in Serpentinen kämpfen wir uns in gut eineinhalb Stunden ganz hinauf zum Pass. Jetzt kommt es ganz entscheidend darauf an, seinen Tritt zu finden, nicht außer Atem zu kommen. Der Weg ist das Ziel. Jeder geht sein Tempo. 

Ein Mönch im kleinen Koster

Erstaunlich ist, dass bis in die Höhe von 3700 Metern der Wald reicht. Orchideen nisten in Astgabeln. Local-Guide Kunsang meint, hier oben könne man „mit etwas Glück“ einem der zahlreichen in Bhutan lebenden Tiger begegnen. Ob das wirklich ein Glück wäre, wissen wir nicht so genau. Ein Takin, die buthanesische Rindergämse, oder Blauschafe wären uns lieber. Auf alle Fälle sind alle glücklich nach gut fünfeinhalb Stunden den mit Gebetsfahnen markierten Pass erreicht zu haben. Die Schlüsselblumen sind hier blau. Der Abstieg führt durch Nebelwald-Dschungel auf glitschigem Pfad über 800 Höhenmeter hinunter zur Ruine der Festung Drugyel Dzong am Rande des Paro-Tals. Hier wurden einst die Karawanen von und nach Tibet kontrolliert. Im Königlichen Forst schlagen Arbeiter mit einfachem Werkzeug meterdicke Bäume. Bauholz, das mit schwankenden Lastwägen risikoreich aus dem Dschungel geschaukelt wird.

Überall präsent - der Tiger

Nach einer Gehzeit von acht Stunden erreichen wir die frisch geschotterte Straße nach Paro. In Paro landen die Flugzeuge aus Nepal oder Indien. Weil das enge Tal s-förmig geschwungen ist, sind nur Sichtflüge möglich, in der Regel am Vormittag. Quartier ist die Nemjo Heritage Lodge, ein liebevoll umgebautes Bauernhaus etwas außerhalb der Stadt mit bunt bemalten Wänden. Die Motive zeigen Blauen Mohn, die Nationalblume Bhutans, viele weiße, springende Schneeleoparden und Drachen in verschiedenen Farben - und natürlich den Tiger, dem wir nicht begegnet sind. Jetzt schmeckt uns allen ein frisches Bhutan-Bier.

In Bhutan herrscht das ganze Jahr über angenehmes Klima mit Temperaturen zwischen 15 und 20 Grad Celsius. Für Hochtouren sind die Monate September bis Oktober und März bis Mai zu empfehlen. Die hier beschriebene Wanderung ist ganzjährig möglich, auch im Rahmen einer Rundreise. Erfahrene Bhutan-Bergreiseveranstalter sind u.a. Berghorizonte, DAV Summit Club, Diamir oder Hauser-Exkursionen.

Karte: Das Paro-Tal

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Karte: Das Paro-Tal


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