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Instagram-Hype in Prags und Villnöß Ein See und eine Kirche als Social-Media-Stars

Vor genau zehn Jahren wurden die Dolomiten in das UNESCO-Weltnaturerbe aufgenommen. Diesen Titel trägt diese Landschaft vollkommen zu Recht. Aber das Weltnaturerbe verpflichtet auch zu einem besonders verantwortungsvollen und schonenden Umgang mit der Berglandschaft. Umstritten sind verschiedene Bauvorhaben wie ein Glasturm am Rosengarten, doch auch die Anziehungskraft der Bilder auf immer mehr Menschen bedroht die Naturlandschaft.

Von: Georg Bayerle

Stand: 05.09.2019

Pragser Wildsee | Bild: picture-alliance/dpa

Zu einem Social-Media-Brennpunkt ist der Pragser Wildsee im Pustertal geworden. Hier beginnt der Dolomiten-Höhenweg Nummer eins, aber die Wanderer sind dort in der Minderzahl. Morgens um halb sieben surrt schon die erste Drohne – trotz Verbots – über den See, danach dann reißt der Strom der Touristen nicht mehr ab. Tausende Menschen kommen an schönen Tagen und posieren für das berühmte Foto: die blaugrüne Seeoberfläche fjordartig zwischen lotrechten Felswänden.

Die Geislerspitzen mit der Kapelle von Ranui

Die meisten kommen mit dem Bus aus dem Pustertal zum Pragser Wildsee. Zwischen 10 und 15 Uhr ist die Zufahrt seit dieser Saison schon ganz vorne im Tal gesperrt, die Shuttlebusse sind dementsprechend überfüllt. Was tun, wenn ein Platz Opfer seiner eigenen Schönheit wird? Nach Neuschwanstein dürfte der Pragser Wildsee die am zweitmeisten besuchte Sehenswürdigkeit der Alpen sein. Und gleich dahinter kommt ein weiteres berühmtes Bild: die Geislerspitzen mit der Kapelle von Ranui, berichtet Klaus Messner, Tourismusdirektor im Villnößtal. Das Kirchlein inmitten der Bergwiese vor den Geislerspitzen liegt an vierter Stelle der Instagram Hotspots weltweit, so Messner. Die Besucher kommen aus der ganzen Welt, 70 verschiedene Nationen wurden gezählt.

Schon immer haben die wunderbaren Ansichten der Geislerspitzen oder des Pragser Wildsees die Bildbände und Tourismusprospekte geschmückt, durch die sozialen Medien aber haben die an sich alten Motive eine völlig neue Verbreitung und Attraktivität gewonnen. Andere Kulturen haben andere Sitten, kennen oft nicht den Respekt vor dem Privatbesitz und halten ihn eher für ein Museum – für die Einheimischen eine ganz neue Erfahrung. Sie versuchen jetzt auch den Zugang zu den verschiedenen Nationen finden und sich austauschen. Zunächst aber ging es darum, die Wiesen der Bauern mit Zäunen zu schützen. Ein regelrechter Parcours wurde ausgewiesen mit exakt bezeichneten Fotopunkten, wo dann auch wirklich jeder das immer gleiche Bild schießt – zielgruppengerecht. Trotzdem pilgern sie alle in einer durchgehenden Schlange den Motiven hinterher, hinauf zur Kirche Sankt Magdalena und mitten durch einen Bauernhof. Die Bergbäuerin will es nicht öffentlich kommentieren und zitiert nur eine hübsche italienische Redensart: „Wir wollten das Fahrrad, also müssen wir jetzt in die Pedale treten!“

Am Pragser Wildsee leben viele vom Tourismus - aber wann ist es zu viel?

Während das Villnößtal gerade eine Studie initiiert hat und schon traditionell auf den öffentlichen Nahverkehr setzt, wurde am Pragser Wildsee die rigorose Sperrung aus dem Boden gestampft. Das geht am Ziel vorbei, meint Caroline Heis, die Inhaberin des historischen Hotels am Ufer des Pragser Wildsee, denn alle leben hier vom Tourismus und irgendwie muss der Gast schon auch willkommen geheißen werden und sich hier wohlfühlen und nicht das Gefühl haben, dass er lästig ist. Genau dieses Gefühl aber hat die Wirtin bei Gästen bemerkt, die teilweise schon vorne im Tal wieder zurückgeschickt wurden, wenn die Straße einfach dichtgemacht wird. Keine Frage - es braucht natürlich eine Regelung, aber eben eine flexible Lösung oder eine Anzeige, wie in vielen Städten, aus der hervorgeht, wie viele Parkplätze noch frei sind. Das jetzige starre System wirkt auf jeden Fall unausgegoren, vor allem fehlen Anreize, die Besucher möglichst ganz auf öffentliche Verkehrsmittel umzulenken, denn die Verkehrsproblematik zieht sich auch durch das gesamte Pustertal.

Die Dolomiten sind UNESCO-Weltnaturerbe

Die eigentliche Aufgabe hat für die beliebten Orte erst richtig begonnen. Es gilt Wege zu finden, wie die natürliche Atmosphäre dieser Bilderbuchplätze erlebbar und insbesondere für die Einheimischen lebenswert bleiben kann. UNESCO-Weltnaturerbe Dolomiten – darauf dürfen die Südtiroler und die angrenzenden italienischen Provinzen zurecht stolz sein. Die UNESCO verleiht diesen Titel an Regionen, die wegen ihrer Einzigartigkeit, Authentizität und Integrität weltbedeutend sind. Diese für die kommenden Generationen zu erhalten, ist Verpflichtung und Verantwortung zugleich. Dazu trägt auch eine umweltschonende Anreise bei. Von München kann man zum Beispiel sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln ans Ziel gelangen, zum Beispiel mit dem Zug bis Brixen und von dort im Stundentakt ins Villnößtal. Gut ist auch die Verbindung ins Pustertal, denn ab Franzesfeste fährt die Lokalbahn über Bruneck bis Innichen.


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