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Friedensdialog in den Chiemgauer Alpen Bergabenteuer für junge kriegstraumatisierte Menschen mit der Bergwacht Ruhpolding

Frieden schaffen in den Bergen - das war die Vision von 25 jungen Leuten beim gemeinsamen Bergausflug in die Chiemgauer Alpen in den vergangenen zwei Wochen. Aus Bosnien, der kurdischen Autonomieregion im Irak, aus Israel und Palästina kamen die Teilnehmer zusammen - Christen, Juden und Muslime. Ihr Ziel ist, Konflikte in ihren vom Krieg traumatisierten Heimatländern verarbeiten, Vorurteile abbauen und neue Freunde jenseits politischer Gräben finden. Wo geht das besser als auf einer Berghütte?

Von: Sebastian Nachbar

Stand: 06.09.2018

Gruppenfoto auf der Hörndlwand | Bild: BR/Sebastian Nachbar

Das dachten sich auch die Veranstalter von der kirchennahen Stiftung „Wings of Hope“. Sie ermöglicht den Ausflug seit vielen Jahren. Gastgeber und Begleiter bei der Tour ist die Bergwacht Ruhpolding. Sie bringt die ganze Gruppe zum schönsten Platz in ihrem Einsatzgebiet: auf die 130 Jahre alte Bergwachthütte am Fuß der senkrecht abfallenden Hörndlwand.

Gruppenfoto vor der Hörndlhütte

Was für einheimische Wanderer ein Spaziergang ist, stellt die Gäste vor eine große Herausforderung. Zu Fuß wollen sie auf die 1684 Meter hohe Hörndlwand, dem wichtigsten Kletterberg im Chiemgau. Das sind 900 Höhenmeter Aufstieg. Die geliehenen Bergschuhe drücken beim Gehen. Statt Funktionskleidung tragen die meisten Jeans und Sweatshirt. Im schweren Rucksack liegen Essen und Gepäck für einen Hüttenabend. Dort, wo diese jungen Menschen herkommen, macht man so etwas nicht.

Die Tour auf die Hörndlwand ist Teil eines zweiwöchigen Seminars. Das Ziel heißt Gruppenbildung durch eine gemeinsame Herausforderung, denn wer gemeinsam mit anderen etwas erlebt, kann später offener diskutieren und so auch besser eigenen Ängsten und Vorurteilen begegnen. Nach ein paar Stunden Aufstieg, einigen Pausen und vielen guten Worten erreicht die Gruppe den Gipfel der Hörndlwand. Zwei große Raben durchsuchen Felsspalten nach Essensresten, die Sonne scheint, der blaue Himmel strahlt. Bis zum Horizont erstrecken sich graue und weiße Berge. Wie die alle heißen, ist für die jungen Leute unwichtig, allein die Kulisse zählt.

Exotischer Eintrag im Gipfelbuch

Ido aus Israel ist zum ersten Mal auf so einem hohen Berg. Die Aussicht überwältigt ihn: „Es ist atemberaubend. Ich wünschte ich wäre eine Bergziege“, sagt er. Der junge Mann mit den kurzen Locken ist erstmals beim Sommerseminar von Wings of Hope dabei. „Neue Erfahrungen machen. Neue Leute treffen, die wir sonst nie kennenlernen würden. Frieden schaffen. Wo könnte man das besser tun als auf einem Gipfel?“ Es ist ein lauter, lebhafter Moment am höchsten Punkt der Hörndlwand. Ein junger Mann hat seine teure Spiegelreflexkamera dabei und macht Gruppenfotos. Eine Kurdin zieht ihren pinken Selfiestick hervor. Einige Teilnehmer klettern vom westlichen Gipfel über loses Geröll, durch Latschendickicht und über einen tiefen Felsspalt hinüber zum Mittelgipfel der Hörndlwand. Jetzt, wo sie endlich am Ziel sind, wollen sie so lange wie möglich bleiben.

In der Hütte stellen die Teilnehmer ihr Heimatland vor.

Am Abend, zweihundert Höhenmeter weiter unten auf der Hörndlhütte heißt es dann: umziehen, Kartenspielen, Lager beziehen. Wo sonst die Klettersachen der Bergretter liegen, türmen sich Rucksäcke. Jonas aus München studiert Politikwissenschaft, ist Teil des Leitungsteams und zum dritten Mal dabei. Wissen vermitteln, aber auch viel mitnehmen von den anderen Teilnehmern - darin besteht für ihn der Reiz des Seminars: „Während der Sommerakademie stellt jede teilnehmende Gruppe ihr Land vor. Ich finde es spannend, was die Gruppe aus Bosnien-Herzegowina macht“, sagt er, „weil sie eine Präsentation vorstellen, aber die Themen sind eben von Bosniern, Serben und Kroaten ausgewählt. Was sie erzählen und wie sie es erzählen, finde ich sehr spannend.“

In Bosnien-Herzegowina liegt der Ursprung des gesamten Projekts. 1994, zur Zeit des Bosnienkrieges, wollte das Kuratorium der evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau ein Zeichen der Versöhnung setzen. Der damalige Diakon der Kirche organisierte daraufhin Hilfe für die Kriegskinder Sarajevos. 2003 wurde aus dem Projekt eine Organisation, eine Stiftung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Die Stiftung baute ihr internationales Netzwerk aus und entwickelte für weitere Länder spezifische Trauma-Programme. Seit 2010 betreibt sie als Tagungs- und Traumahilfe-Zentrum den Labenbachhof in Ruhpolding und kooperiert für die Tour zur Hörndlwand jedes Jahr mit der Bergwacht Ruhpolding.

Die Arbeit auf der Hütte wird gruppenübergreifend aufgeteilt. Je ein Palästinenser, ein Israeli, ein Kurde, ein Bosnier und ein Deutscher kochen, spülen oder putzen zusammen. Auch Salam aus Kurdistan ist zum ersten Mal in Europa. Am meisten beeindruckt ihn als Wüstenbewohner die grüne Natur. Er ist froh über diese einmalige Chance: „Die Konflikte in unseren Ländern sind ständig spürbar. Aber heute sind wir weit weg. Wir können alles zurücklassen, können die Religion hinter uns lassen und uns gegenseitig respektieren. So wie wir sind, als Menschen.“ Zu Hause will er seine Erfahrungen als Jugendleiter und Friedensstifter weitergeben und so die Spaltung in seiner Gesellschaft ein Stück weit überwinden.

Hörndlwand im Chiemgau


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