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Hütte, Kirche und Dichterklause - das Rifugio San Pietro Metaphysische Poesie überm Gardasee

Im April ist es oft noch recht ruhig am nördlichen Gardasee. Da lohnt dann nicht nur ein Besuch des Künstler-Bergdorfs Canale di Tenno, sondern auch eine Wanderung von Canale hoch zum Rifugio San Pietro.

Von: Andrea Zinnecker

Stand: 11.04.2020 | Archiv

Hütte, Kirche und Dichterklause - das Rifugio San Pietro | Bild: BR; Andrea Zinnecker

Die Berghütte mit Wallfahrtskirche unter der bewaldeten Kuppe des Monte Calino ist ein wahrer Logenplatz mit großartigem Blick hinab auf den Lago. Der Aufstieg beginnt direkt in Canale di Tenno. Eine ideale Oster-Wanderung – für nächstes Jahr, wenn die Corona-Pandemie hoffentlich vorbei ist.

Blick zur Bergkette des Ledro-Tals

Mit dem Osterfest beginnt traditionsgemäß die Saison, sagt Giancarla Tognoni, die Kultur-Assessorin von Canale di Tenno. Man begrüßt die neue Saison und lebt auf, und das gilt auch in Zeiten der Corona-Pandemie mit allen Ausgangssperren. Umso mehr hofft man jetzt auch hier auf neues Leben unter den Augen der beiden bäuerlichen Schutzheiligen von Canale di Tenno: Der eine ist Sant‘ Antonio Abate, der andere Johannes der Täufer. Antonius ist Schutzpatron des Viehs und Johannes auch Patron der Pflanzen und Gärten, also der Vegetation. Wer von Canale di Tenno auf Weg Nr. 406, einem schmalen Saumpfad, durch lichten Buchen- und Pinienwald und später durch lauschige Kastanienhaine zum Rifugio San Pietro aufsteigt, der kommt am Frühling nicht vorbei.

Alle Mountainbiker sind schon da

Der Aufstieg von rund 600 Höhenmetern ist steil, aber innerhalb von zwei Stunden zu bewältigen. Zuletzt führt sogar ein versicherter Mini-Klettersteig durch die Felsnase, auf der die Hütte thront. Über Wald- und Forstwege lässt sich das Rifugio San Pietro aber auch gut mit dem Mountainbike erreichen. An der Hütte ist auch eine Ladestation für E-Mountainbiker vorhanden. „Aufladen“ kann man hier oben aber auch die Seele und dabei die herrliche Aussicht genießen. An sonnigen Sonntagen pilgern allerdings die Einheimischen mit Kind und Kegel hier herauf und belagern die Wiese unterhalb der Hütte - „Rimini am Berg“ überm Gardasee. Nichts für Einsamkeitsfanatiker.

Stille in der Kirche

Wem der Trubel zu viel wird, der flüchtet sich am besten in die kühle Bergkirche San Pietro zur stillen Einkehr. Seit dem 17. Jahrhundert war hier oben ein Konvent, der aus einer Einsiedelei hervorgegangen ist. 1930 wurde die Kirche an den Trentiner Alpenverein übergeben, von dem daneben dann die Hütte errichtet wurde. Oberhalb der Kirche hat der Mundartdichter Giacomo Floriani gelebt, dessen kleines Steinhaus, die Dichterklause, heute noch steht. Im Eingangsbereich der Kirche hat sich Floriani mit einem Gedicht verewigt:

„Oh Herr, ich flehe dich an, tu mir einen Gefallen bevor ich sterbe: Schenk mir eine Hütte auf der Wiese, den Traum meiner Träume, meinen Lebenswunsch - eine Hütte, die ganz mein ist.“

Der Wunsch ging in Erfüllung. In seiner Dichterklause schrieb Floriani auch eine poetische Hymne auf den Wanderstock, in der es unter anderem heißt: „... der dir nützt, der dich stützt, der dich schützt...“

Nachmittagsdunst

In der Dichterklause kann man übrigens auch übernachten. Alessandro ist Stammgast auf dem Rifugio San Pietro und mindestens einmal die Woche hier oben, auch der guten Küche, vor allem der Gnocchi und der frischen Pasta wegen. Auf den Tisch kommen aber auch Hirsch, Kaninchen, Ossobuco und natürlich Stockfisch. Eine Spezialität ist übrigens auch die Polenta aus Mais und Buchweizen.

Abendstimmung am Gardasee

Fast noch mehr als die Einkehr schätzt Alessandro das fantastische Panorama, das sich von der knapp 1000 Meter hochgelegenen Hütte bietet. Man sieht von hier aus im Süden die ganze Monte-Baldo-Kette mit dem Monte Altissimo und Monte Telegrafo, im Westen die Cima d’Oro, das Ledro-Tal und den Monte Tofino. Im Norden thronen die Türme der Brenta, nach Osten hin blickt man über das Sarca-Tal hinweg bis zur Paganella und zum Monte Bondone, alle über 2000 Meter hoch. Kein Wunder also, dass das Rifugio San Pietro auch eine Station auf der „Corona media“ des Gardatreks ist. Ein Platz mit spiritueller Qualität zum Schauen, Träumen und Verweilen.

Karte: Das Rifugio San Pietro

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Karte: Das Rifugio San Pietro


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