2

Chaos und Verhau im Bayerischen Wald Wanderung auf den Spuren von Totholz und Biodiversität

Wandern nicht auf Wegen, sondern querfeldein durch den Bergwald – das sollte man insbesondere in sensiblen Gebieten aus Naturschutzgründen eher nicht machen, aber im Nationalpark Bayerischer Wald werden solche Touren sogar vom Nationalpark selbst angeboten. Die Tour soll neue Perspektiven auf den Wald eröffnen und nennt sich „Chaos und Verhau“ – es ist wie ein Blick hinter die Kulissen des Waldes.

Von: Georg Bayerle

Stand: 30.05.2019

Bayerischer Wald: Neues Leben aus dem Verhau | Bild: BR/Georg Bayerle

Bergstiefel sind schon mal Pflicht, denn das Wasser steht in Matschkuhlen, kleine Bäche rinnen durch den Bergwald am Lusen. Die Natur liebt solche vielfältigen Strukturen. Für uns geht es, wie man so schön sagt, über Stock und Stein. Chaos und Verhau fallen sofort ins Auge: Es ist ein radikal anderer Wald als ihn frühere Generationen wollten. Seit 1970 bleibt in diesem ersten Nationalpark Deutschlands die Natur, der Wald, sich selbst überlassen. Knapp 50 Jahre, das ist für einen Wald nicht viel Zeit, und man sieht ihm und vielen relativ jungen Gehölzen an, dass er davor bewirtschaftet wurde. Aber schon prägen umgestürzte und abgestorbene Bäume das Bild. Sie “dürfen“ verrotten, erklärt Nationalpark-Rangerin Christine Schopf.

Chaos und Verhau im Wald

Seit einigen Jahren forscht der Nationalpark ganz speziell über Totholz und Biodiversität. Die enorme Artenvielfalt zeigt sich zum Beispiel an 1500 Käferarten, die in den Totholzbereichen gefunden wurden. Dass Vergehen auch Werden bedeutet und dass im Chaos die natürliche Kreativität beginnt, das wird hier unmittelbar anschaulich.

So entwickelt sich der Bayerische Wald, der mit dem direkt angrenzenden tschechischen Nationalpark Sumava das größte zusammenhängende Waldgebiet Mitteleuropas bildet, zu einer ganz besonderen Naturinsel auf unserem Kontinent. Es ist eine besondere Erfahrung, wie vielfältig und stimmig hier alles jenseits von menschlicher Planung und Berechnung geschieht, auch wenn wir die besonders spektakulären Lebewesen – Luchs und Wolf -  gar nicht zu Gesicht bekommen, nicht einmal ihre Hinterlassenschaften. Christine Schopf kennt die beiden Wölfe, die hier inzwischen in freier Wildbahn leben.

Eine Waldohreule - scheinbar leicht verträumt ...

Dank „Chaos und Verhau“ entsteht wieder die Wildnislandschaft, die es hier bis ins Mittelalter gegeben hat. Nur für ein paar Jahrhunderte war sie komplett vom Menschen verändert worden, und es ist gut, sich genau das in Erinnerung zu rufen, wenn man im Freigelände im Nationalparkzentrum Lusen 45 heimische Tierarten beobachtet, die, wenn auch hinter Gittern in naturnahen Gehegen, so doch in ihrem angestammten Lebensraum gehalten werden. Links und rechts der bayerisch-tschechischen Grenze gibt es auch in freier Wildbahn noch Platz für im zersiedelten Rest des Landes schwierig tolerierbare Tiere. Fast 1000 Quadratkilometer umfasst der natürliche Lebensraum im Nationalpark Böhmerwald insgesamt - ein Stück Natur, das dem Menschen zeigt, wie vielfältig es sich entwickeln kann, wenn er die Finger davonlässt.

Karte: Nationalpark Bayerischer Wald

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Nationalpark Bayerischer Wald


2