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Eine Zeitwanderreise im unteren Altmühltal Feuerstein-Wanderung bei Kelheim

Vor 145 Millionen Jahren war das Altmühltal eine tropische Meereslandschaft mit Lagunen und Sandstränden, etwa wie heute die Bahamas. Damals, in der Kreidezeit, haben sich am Meeresboden Skelette von toten Fischen sowie Krebse, Schalentiere und vieles mehr abgelagert.

Von: Bernd-Uwe Gutknecht

Stand: 03.10.2019

Eine Zeitwanderreise im unteren Altmühltal | Bild: Andreas Hub

Über die Jahrmillionen wurde daraus Kalk, und in diesem Kalkschlamm wiederum sind Kieselschwämme, Kieselalgen und andere Lebewesen mit Kieselsäure gelandet. Aus dieser Kieselsäure wurde dann das, was wir heute Feuerstein oder in Bayern auch Hornstein nennen. Die Gegend um Kelheim ist eine der weltweit an Feuerstein reichsten Regionen, und auf den Spuren des Feuersteins kann man auch gut wandern.

Rund um Kelheim kreuzen sich einige Wanderwege

Ein unscheinbarer Waldweg bei Arnhofen in der Nähe von Kelheim führt durch dichten Kiefernwald. Zwischen den alten krummen Kiefern gedeihen junge, hellgrüne Kiefern. Sie wachsen dort, wo noch vor einigen Jahren kommerziell nach Kies und wissenschaftlich nach Feuerstein gegraben wurde. Bernd Sorcan war als Archäologe jahrelang an den Grabungen beteiligt. Heute ist er Direktor des Archäologischen Museums in Kelheim. Hier im unteren Altmühltal war zur Zeit der Neandertaler ein wahres Bergwerkszentrum für Feuerstein.

Blick auf die „Mittlere Klause“ bei Essing im Altmühltal.

Die Neandertaler schaufelten tiefe, schmale Schächte in den Boden und holten Feuersteinbrocken zu Tage. Allerdings, so Bernd Sorcan, muss man sich von der Vorstellung lösen, dass der Neandertaler primitiv gewesen wäre. Sie waren vielmehr hochintelligente Menschen und für ihre Zeit hochtechnisiert und hochspezialisiert. Sie wussten genau, wie man einen Stein bearbeitet, um ein Werkzeug so herzustellen, wie man es brauchte, beispielsweise um gemeinschaftlich ein Mammut zu erlegen. Aus dem scharfkantigen Feuerstein fertigten die Neandertaler Pfeil und Bogen, Speere, Klingen, Messer, Sensen - für die Jagd, um Tierhäute zu schneiden oder um Schilfrohr für den Bau einfacher Hütten zu gewinnen, später auch um Getreide zu schneiden. Viele Relikte dieser steinzeitlichen Bergwerksarbeiter sind heute im Kelheimer Museum zu besichtigen.

Die „Westliche Klause“ ist ein beliebtes Ziel von Wanderern, die sich mit dem Thema Feuerstein beschäftigen.

Im Kiefern-Wald bei Arnhofen sind noch einige Schächte zu erkennen, die von den steinzeitlichen Bergwerksarbeitern in den Boden gegraben wurden. es ist beeindruckend an den Arbeitsplätzen unserer Vorfahren zu stehen, die hier vor 110.000 bis 10.000 Jahren lebten. Schutz suchten die Neandertaler in den zahlreichen Kalkstein-Höhlen an den Hängen des Altmühltals, die heute größtenteils zugänglich sind, wie zum Beispiel die so genannten Klausenhöhlen bei Essing, die von Wanderern auch heute gerne besucht werden. Im Höhlenboden wurde ein rund 18.000 Jahre altes männliches Skelett in einem Grab mit verschiedenen Beigaben gefunden. Es ist bis heute der älteste Skelettfund eine „modernen“ Menschen in Bayern - salopp gesagt, der älteste Bayer!

Einer von Hunderten Schächten, die rund um Kelheim von Archäologen ausgegraben wurden.

Laut dem Kelheimer Archäologen Bernd Sorcan bot das Altmühltal damals beste Lebensbedingungen: kleine Wälder voll mit Beutetieren, die am Flussufer erlegt werden konnten oder an Engstellen des Tales zusammengetrieben wurden, darunter auch Waldelefanten. Außerdem gab es reichlich pflanzliche Nahrungsmittel wie Beeren, Pilze, Früchte und Nüsse - und eben den überlebenswichtigen Werkstoff Feuerstein. Die meisten Höhlen sind Teil des Archäologieparks Altmühltal. Ein Wanderweg führt auf 39 Kilometern Länge zwischen Dietfurt und Kelheim zu 18 archäologisch spannenden Stationen. Der Boden ist voll mit Geschichte, vom Neandertaler bis ins Mittelalter waren hier immer wieder Menschen unterwegs, in einer faszinierenden Landschaft mit Jurafelsen und Schattenwäldern, wo bestimmte Pflanzen wachsen wie seltene Distelarten oder der Diptam, der berühmte brennende Busch aus der Bibel.

Feuerstein-Experte Lothar Breinl bietet im Landkreis Kelheim Workshops an:

Neben geführten Wanderungen gibt es auch regelmäßig Info-Veranstaltungen, zum Beispiel mit dem Feuerstein-Experten Lothar Breinl, der speziell für Kinder demonstriert, wie die Neandertaler Feuerstein bearbeitet haben. Einige der Neandertaler-Höhlen wurden bis vor einigen Jahrzehnten von den lokalen Brauereien auch als Bierkeller benutzt. Heute können sich Weißbier-Fans nach der Höhlenwanderung im Kelheimer Brauerei-Keller erfrischen. Hans-Peter Drexler ist der Braumeister und experimentiert auch gerne mal. So lässt er Bier in Rum-Fässern aus Jamaika lagern und schaut, was dann für ein Aroma entsteht, ebenso in Fässern aus Kentucky, in denen mal Bourbon-Whiskey war. Ob auch die Neandertaler schon Bier gebraut und getrunken haben, ist übrigens nicht bekannt ...

Karte: Arnhofen

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Karte: Arnhofen


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