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Overtourism in den Alpen Eine Analyse der Touristischen Runde München

Overtourism – oder zu Deutsch: zu viel an Tourismus – gibt es den in den Alpen? Oder sind es nur ein paar Plätze, die wegen spektakulärer Fotos in den sozialen Medien tatsächlich überrannt werden? Um das zu diskutieren, hat sich in München diese Woche die „Touristische Runde“ getroffen, ein Verbund von Tourismusvertretern, dieses Mal aus dem Allgäu, sowie Vertreter des Deutschen Alpenvereins und der internationalen Alpenschutzkommission Cipra.

Von: Elisabeth Tyroller

Stand: 05.09.2019

E5-Route von Madua zur Memminger Hütte | Bild: BR/Andrea Zinnecker

Den Begriff Overtourism hat man in diesem Sommer oft gehört, vor allem im Zusammenhang mit den Städten Venedig oder Barcelona, deren Einwohner zunehmend unter dem Ansturm der Touristen leiden. Uwe Roth von der internationalen Alpenschutzkommission erklärt, dass es auch in den bayerischen Alpen einige Hotspots gibt, die in diese Richtung gehen: der Königsee, Schloss Neuschwanstein und die Zugspitze. Aber der Overtourism breitet sich auch langsam in die Fläche aus und betrifft zum Beispiel den Walchensee oder das südliche Oberallgäu. Auch auf dem Fernwanderweg E5 von Oberstdorf nach Meran gibt es durchaus Overtourism, sagt Hanspeter Mair vom Deutschen Alpenverein, zuständig für die alpine Raumordnung.

Die Kemptener Hütte bietet wenig Komfort. So will man Touristenströme leiten.

Der Geograph Uwe Roth geht mit seinem Team der Frage nach, wie viel Tourismus ein Raum verträgt. Neben der sozialen Tragfähigkeit, also wie viel Tourismus die Menschen in der Region ertragen, gibt es in den Alpen noch die ökologische Tragfähigkeit, vor allem in den ländlichen Gebieten, wo die soziale Tragfähigkeit vielleicht nicht so eine große Rolle spielt, weil diese Räume nicht so dicht besiedelt sind, aber hier die Natur einen Rückzugsort hat, der ihr nun von den Massen an Menschen streitig gemacht wird. Um in den Alpen-Tourismus einzugreifen, gibt es verschiedene Stellschrauben: zum einen das Geld, indem man Gebühren für bestimmte Dinge verlangt oder Parkplatzgebühren erhöht, zum anderen den Komfort, den man verringern kann. Auf Letzteres setzt auch der Deutsche Alpenverein. Das fängt mit der Möglichkeit des Rucksacktransports an, und hört bei den Duschmöglichkeiten auf Berghütten auf. So verzichtet die AV-Sektion Kempten bei der Generalsanierung der Kemptener Hütte künftig auf Duschen für die Gäste. Laut Hanspeter Mair hat das eine tolle Vorbildfunktion, zumal nach drei Tagen alle Bergsteiger gleich riechen ... Außerdem baue der Alpenverein keine neuen Hütten mehr und schaffe somit auch keine weiteren Schlafplätze in den Alpen.

Hängebrücke bei Holzgau im Lechtal

Ein weiteres Thema der Touristischen Runde war der Ausbau des Grünten im Allgäu für den Sommerbetrieb. Die Position der Tourismusvertreter ist klar - sie wollen den Ausbau zur Berg-Erlebniswelt. Auch Bergführer Bernd Zehetleitner von der Bergschule Oberallgäu steht hinter dem Ausbau. Sorge, dass gerade so ein Ausbau zu einem Overtourism führen kann, hat er nicht.  Denn, so sagt er, der Grünten war schon seit den 1960er-Jahren ein frequentiertes Skigebiet und verträgt vermutlich auch eine Neuerschließung. Skeptisch und kritisch dagegen sehen der Deutsche Alpenverein und auch die Alpenschutzkommission Cipra den geplanten Ausbau am Grünten. Wenn die Kapazitäten erhöht werden, zieht das viel mehr Menschen an. Je mehr Menschen sich auf einem Berg tummeln, desto stärker müssen sie gelenkt werden. Zudem befindet sich in nur 15 Kilometer Entfernung vom Grünten bereits eine alpine Erlebnis-Welt: die Alpsee-Bergwelt bei Immenstadt, die bereits einige sommertouristische Installationen hat. Daher stellt sich die Frage, ob man in der Nähe eine zweite Erlebniswelt braucht, ob das Sinn ergibt und ob man dafür die ökologischen Auswirkungen in Kauf nimmt.


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