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Blue Sky in paradise Wandern auf Humboldts Spuren

Sie liegen auf dem 28. Breitengrad, nur 300 Kilometer Luftlinie vom afrikanischen Kontinent entfernt und gelten als „Inseln des ewigen Frühlings“: die Kanaren. Sie sind nicht nur eine schöne Destination für einen Strandurlaub, sondern auch ein lohnendes Wanderziel, vor allem auch Teneriffa, die größte der sieben kanarischen Inseln. Hier befindet sich der höchste Berg Spaniens, der 3718 Meter hohe Teide. 1799, also vor 215 Jahren, hat ihn der Welt- und Forschungsreisende Alexander von Humboldt bestiegen.

Von: Andrea Zinnecker

Stand: 13.09.2019

Wandern auf Humboldts Spuren | Bild: BR; Andrea Zinnecker

Wandern auf den Spuren von Humboldt – die achttägige Inseldurchquerung führt quer über Teneriffa von der Hafenstadt Puerto de la Cruz im Nordwesten bis zum berühmten Felsen von El Medano im Südosten der Insel und ist ein durchaus anspruchsvolles Trekking, da es von Meereshöhe bis auf den Teide und wieder hinab zum Atlantik geht. Es ist zudem eine Zeitreise und ein großartiges Erlebnis von Natur und Kultur im Sinne Alexander von Humboldts, da die Route alle Vegetationszonen und Landschaftsformen von Teneriffa streift und man die Vulkaninsel aus einer wirklich anderen Perspektive kennenlernt.

Hier hat schon Humboldt logiert

Alexander von Humboldt hat sich insgesamt nur sechs Tage auf Teneriffa aufgehalten und es ist schon unglaublich, was er da alles gesehen und sich erwandert hat. Die eigentliche Wanderung auf Humboldts Spuren beginnt in der Barockstadt Orotava. Ein Muss ist auch der Besuch des Botanischen Gartens von Orotava mit der riesigen Würgefeige, mit Araukarien und vielen exotischen Tropen-Pflanzen aus aller Welt. Dieser Garten wurde ein paar Jahre vor Humboldts Besuch angelegt, um tropische Pflanzen aus den Kolonien zu akklimatisieren bevor sie dann aufs spanische Festland verbracht wurden. Somit liegt auf der Hand, dass sich Alexander von Humboldt diesen Garten nicht entgehen lassen wollte, zumal er hier auf Teneriffa auch den Begriff der Geobotanik eingeführt hat.

Humboldt-Blick hoch über Puerto de la Cruz

Von Puerto de la Cruz geht es zum so genannten Humboldt-Blick auf halber Höhe zwischen Puerto de la Cruz und Orotava. Von hier bietet sich ein wunderbarer Blick auf die terrassierte Kulturlandschaft des Orotava-Tals mit seinen Kartoffel-Feldern und Bananen-Plantagen, den vielfältigen Grüntönen der üppigen Vegetation, der rotbraunen Erde und dem Basaltgrau des Lavagesteins. Humboldt war begeistert und hat das Orotava-Tal als „Paradies“ und als „Himmel auf Erden“ bezeichnet!

In der Altstadt von Orotava

In Orotava beginnt dann der „Camino de Chasna“, der historische Mauleselpfad, den auch Humboldt hinauf bis in die Caldera des Teide genommen hat – vielleicht die schönste Etappe der ganzen Humboldt-Tour, führt sie doch von der Region der Reben in die Vegetationszone der Lavazeen mit ihren Lorbeer- und Ginstergewächsen, den Erdbeerbäumen und Kiefernwäldern und weiter in die strauchlose Mondlandschaft des Teide-Kraters.

Proviant für den Camino de Chasna

Proviant für diese Etappe kann man in Orotava einkaufen – köstlichen spanischen „jamon“, Schinken, und feinen Käse, da hat man wirklich die Qual der Auswahl – oder man kehrt zum Beispiel in der Berghütte „La Caldera“ ein, die auf halber Höhe zwischen Orotava und El Portillo, dem Eingang in den Teide-Nationalpark, liegt. Hüttenwirtin Elena serviert die traditionelle Spezialität „Gofio“, ein Gericht aus geröstetem Getreidemehl und Maismehl mit Kichererbsen. Das Ganze wird dann wie ein Brotlaib geformt und mit Zwiebel- und Apfelstückchen garniert. Dazu gibt es mojo verde, eine scharfe grüne Kräutertunke mit viel Knoblauch. Gofio, einst ein Gericht der armen Bevölkerung, schmeckt wunderbar, ist nahrhaft und gibt so richtig Power für den Aufstieg auf den Teide! Nicht zu verachten sind auch die berühmten „papas arrugadas“, die legendären kanarischen Kartoffeln mit der Salzkruste, die auch schon Alexander von Humboldt gekostet hat, dazu Ziegenbraten und Kaninchen in Gewürzkruste – also verhungern muss keiner, der auf Humboldts Spuren Teneriffa durchquert.

Märchenwald mit Bartflechten

Die Landschaft rund um die Berghütte La Caldera wirkt märchenhaft, denn man befindet sich mitten in den Passatwolken und in einem richtigen „gobelin forest“, einem Nebelwald, dessen Bäume lange Bartflechten tragen und richtig verwunschen aussehen. Schon Humboldt hat von drei Wetterzonen auf Teneriffa gesprochen: zum einen die Zone unter den Wolken bis etwa 600 Meter Meereshöhe, zum anderen die Zone über den Wolken ab circa 2000 Meter und dazwischen die Zone in den Wolken. Die Wolken rauschen von Westen über den Atlantik an, lange Zeit ist nichts und dann steht ihnen plötzlich der Teide, ein Fast-Viertausender im Weg. Kein Wunder also, dass sie sich schnell aufstauen. Genau in dieser Stauzone der Passatwolken gedeihen die archaischen Lorbeerwälder und die ausgedehnten Kiefernwälder, wobei die Kanaren-Kiefer ein ganz besonderer Baum ist. Mit ihren dichten und bis zu 30 Zentimeter langen Nadeln nimmt sie die Feuchtigkeit der Passatwolken auf und speichert sie, ihre bis zu 20 Meter tiefe Pfahlwurzel bietet einen sicheren Stand bei den häufigen Stürmen. Zudem besitzt die Kanaren-Kiefer auch noch eine extrem dicke Rinde, die den innersten Kern des Baumes vor Feuer schützt, denn auf einer Vulkaninsel wie Teneriffa gibt es oft Waldbrände, vor allem in den Trockenzonen auf der Südseite der Insel, die den Passatwolken abgewandt ist.

Skurrile Mondlandschaft

Oberhalb der Baumgrenze in etwa 2000 Meter Höhe am Kraterrand des Teide ändert sich das Landschaftsbild radikal und geht über in eine nahezu strauchlose Mondwüste. Trotz strahlend blauem Himmel fegt hier manchmal der Wind mit Orkanböen über die Lavawüste und zwingt die Seilbahn, die bis auf eine Höhe von 3500 Metern zum Teide hinaufführt, zum Stillstand. Man darf nicht vergessen, dass hier zu jeder Jahreszeit hochalpine Verhältnisse herrschen, schließlich ist der Teide höher als zum Beispiel die Weißkugel in den Ötztaler Alpen. Der Normalaufstieg ohne Seilbahn führt von El Portillo, dem Tor zum Nationalpark, gut 1700 Höhenmeter über Lavagestein zum Gipfel und fordert Kondition und auch Höhentraining. Bei der Wandertour auf Humboldts Spuren wird – gut für die Akklimatisierung! - auf 3200 Meter Höhe im Rifugio Alta Vista übernachtet. Die Hütte hat zwar einen Wirt, man muss seinen Proviant aber trotzdem selbst mitbringen, kann aber die Infrastruktur nutzen.

Teide und Pico Viejo

Der Teide-Nationalpark wurde 1954, also vor 65 Jahren gegründet. Inzwischen besuchen ihn jedes Jahr an die 3,5 Millionen Menschen, doch die letzten knapp 200 Höhenmeter zum Gipfel dürfen aus Naturschutzgründen pro Tag nur maximal 200 Besucher aufsteigen. Ohne Permit geht gar nichts! Zu Humboldts Zeiten dagegen ist kaum jemand auf den Teide gestiegen, zu groß war der Respekt vor dem Vulkan, der ursprünglich „Nivaria“ hieß – „der vom Schnee Bedeckte“, weil die weiße Gipfelspitze für die Seefahrer schon von weitem zu sehen war. Das Equipment, mit dem Humboldt auf den Teide gestiegen ist, erstaunt noch heute ob der Fülle. Unter anderem hat er am Teide verschiedene Luft-Proben in Flaschen abgefüllt und unter anderem auch ein Cyanometer auf den Gipfel geschleppt, um die Farbintensität des blauen Himmels zu bestimmen. Man könnte von Humboldt-Blau sprechen …

Bergführer Lothar Schmidt

Nach dem Teide, dem in vielerlei Hinsicht Höhepunkt der Wanderung auf Humboldts Spuren, geht es über den Nebengipfel, den Pico Viejo, hinab in die Canadas, in die Schwemmsandwüsten der Caldera mit ihrer einzigartigen endemischen Flora wie beispielswiese dem roten Natternkopf, dem „Stolz Teneriffas“, mit einem bis zu drei Meter hohen Blütenstand. Mitten in der skurrilen Mondlandschaft des Kraters, der einen Durchmesser von 17 Kilometern hat, liegt einsam ein Parador, in dem man auch übernachten kann.

Der Teide und seine Lavaströme

Der Teide gilt als schlafender Vulkan. Ein Jahr bevor Humboldt kam, ist er letztmals ausgebrochen. Dabei war die alte Spitze des Teide, der Pico Viejo, aktiv und hat 90 Tage lang Asche und Lava gespuckt. Seitdem herrscht wieder Ruhe. Der Route Humboldts folgend geht es dann aus den Canadas zuerst hoch auf den Guajara, den mit über 2700 Metern höchsten Berg des Kraterrandes und dann durch Kiefernwälder hinab nach Villaflor, in das höchstgelegene eigenständige Bergdorfs Spaniens. Die letzte Etappe leitet dann durch wüstenartige Trockenzonen hinab zur Küste und zum markanten Felsen von El Medano, einem Surferparadies.

Plaza in Villaflor

Bergführer Lothar Schmidt führt eine Wanderwoche auf Humboldts Spuren, die er konzipiert hat (www.teneriffa-kreaktiv.com). Als Lektüre zur Einstimmung empfiehlt sich das Buch „Alexander von Humboldt – Seine Woche auf Teneriffa 1799“ von Alfred Gebauer, erschienen im Zech Verlag.

Karte: Teneriffa

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Teneriffa


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