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Ausbildung zum Bergwanderführer Warum deutsche Tourguides nach Kärnten ausweichen

Bergwandern boomt. Es gibt kaum ein Hotel in den Alpen, das seine Gäste nicht mit einem mehr oder weniger ausgebildeten Wanderführer auf Tour schickt. Mehr oder weniger ausgebildet - das ist der Punkt und zugleich das Problem, und zwar ein europäisches Problem. Denn die Frage lautet: Wer darf mit welcher Qualifikation in welchen Ländern Wandergruppen führen.

Von: Christoph Thoma

Stand: 24.05.2019

Ein Politikum - warum deutsche Tourguides nach Kärnten ausweichen | Bild: BR; Christoph Thoma

Zwar bildet der Verband der Berg- und Skiführer (VDBS) in Deutschland seit 2009 Bergwanderführer zum UIMLA-International Mountain Leader aus, jedoch ist diese auch finanziell aufwändige Unterrichtung nicht gesetzlich verankert. Anders läuft das zum Beispiel im österreichischen Bundesland Kärnten, wo man sich zum staatlich geprüften und behördlich autorisierten Bergwanderführer schulen lassen kann. Diese weltweit gültige Berufsausbildung ist im Kärntner Berg- und Skiführer-Gesetz verankert.

Die OEAV-Hütte Sadnig-Haus

Das Sadnig-Haus ist eine komfortable OEAV-Hütte in der Goldberggruppe der Hohen Tauern. 19 meist junge Leute, die aus der Schweiz kommen, aus Österreich und aus Deutschland., haben sich zum Winterkurs angemeldet, dem zweiten und letzten Teil der Ausbildung zum Kärntner Bergwanderführer. Sie sind Saunameister, Yogalehrer oder Versicherungsangestellte, die in und mit der Natur arbeiten wollen und in den Bergen ihre berufliche Zukunft suchen. Dabei sind auch „alte Hasen“, die teilweise seit Jahrzehnten weltweit Trekkings führen, unter anderem für den DAV Summit Club, die Bergsteigerschule des Deutschen Alpenvereins, oder die Alpinschule Oberallgäu.

Übergangsfristen oder Stichtage gibt es nicht, und so brauchen auch altgediente Trekkingführer neuerdings für die juristisch komplizierte internationale Anerkennung eine gesetzlich verankerte Qualifikation. So gilt der teilweise vor Jahrzehnten erworbene Titel „Geprüfter Kultur- und Bergwanderführer“ nach den Kriterien des Verbandes der Deutschen Bergsteigerschulen (VDB) jetzt nicht mehr in Südtirol. 

Theorie und Praxis

In Kärnten werden die Aspiranten eine Woche lang in Theorie und Praxis intensiv geschult, ab Tag zwei aufgeteilt in vier kleine Lerngruppen. Einer der Ausbilder ist der Staatlich geprüfte Berg- und Skiführer Mario Lugger, dem es Freude macht, mit jungen Leuten zu arbeiten und seine Kompetenz weiterzugeben. Der respektvolle Umgang ist ihm wichtig, Bergführer-Arroganz gegenüber Wanderführern hält er für nicht angebracht. Nach dem Partner-Check mit dem Lawinenverschütteten-Suchgerät wird abwechselnd gespurt: am Bach entlang, die Brücke finden, das Gelände nutzen, auf gefährliche Steilhänge achten, auf verdächtige „Wumm-Geräusche“. Das Tempo wird so gewählt, dass ein rhythmisches, beständiges Gehen möglich ist. Am Gipfel belohnt Großglockner-Blick, am frühen Nachmittag erfolgt die Rückkehr zur Hütte.

Eine Skizze kann nicht schaden

Sechs Tage dauert der Winterlehrgang. Das Resultat ist ein Leitz-Ordner voller Theorie, die in den Kopf muss, am siebten Tag droht dann die sechsteilige Abschlussprüfung. Es geht um Schnee- und Lawinenkunde, um die Tourenplanung mit Kompass und Planzeiger, um Notfallmanagement und Erlebnisvermittlung. Astrid Rößler ist seit Jahrzehnten im Beruf und braucht auch eine neue, internationale Anerkennung: „Es hat sich rechtlich sehr viel verändert“, sagt sie, „und obwohl ich seit zwei Jahrzehnten mit Gruppen in Nepal und in den Alpenländern unterwegs bin, muss ich mich den Gegebenheiten stellen“.

Ein Schüttiglu kann Leben retten

Rudi Preimel ist Bergführer, Bergretter, Mitglied der Lawinenkommission in Kärnten und einer der sich mit Engagement und Führungsstärke gerne junger Leute annimmt. Die Kompetenzbereiche sind klar: Bergwanderführer dürfen keine Skitouren führen und auf Schneeschuhen nur Hänge begehen, die flacher sind als 25 Grad. Seil und Haken sind Bergführern vorbehalten. Toni Sauper, Obmann der Kärntner Bergführer, hält es für wichtig, dass sich Bergführer und Bergwanderführer die Arbeit teilen.  

Der Markt für Bergwanderführer ist da, und es dient einfach der alpinen Sicherheit, wenn auch unterhalb der Kletterrouten und Hochtouren-Areale Könner unterwegs sind. Könner, Fachleute am Berg, werden vom VDBS in Deutschland genauso gut ausgebildet wie von den Kärntner Bergwanderführern. Die Nachfrage ist überall groß. Welchen Weg man wählt, muss jeder für sich entscheiden.

Das Prüfungszeugnis des Landes Kärnten

Die Inhalte der Ausbildung zum Kärntner Bergwanderführer sind im Kärntner Berg- und Schiführergesetz (K-BSFG) geregelt. Die erfolgreich absolvierte Ausbildung stellt den behördlichen Nachweis der „fachlichen Befähigung“ gemäß § 29 K-BSFG dar. Die Ausbildung des Vereins der Kärntner Bergwanderführer besteht aus einem einwöchigen Sommermodul, einem einwöchigen Wintermodul mit kommissioneller Prüfung als Abschluss.

Der Verband Deutscher Berg- und Skiführer e.V. bildet seit 2009 Bergwanderführer aus, die für Bergschulen und Bergwanderschulen im Sommer und Winter führen. Die Ausbildung vermittelt das Führen von Personen auf Wanderungen, bei welchen grundsätzlich keine Ausrüstung zur Fortbewegung (Steigeisen, Pickel etc.) und keine Ausrüstung zum Sichern (Seil, Gurt etc.) eingesetzt werden. Zudem wird das Führen von Gruppen bei Winterwanderungen und Schneeschuhtouren gelehrt.    

Erste Hilfe gehört zur Ausbildung

Zurück zum Kurs in Kärnten: eine Woche lang jeden Tag eine Führungstour, jeden Tag dazu Theorie in der Hütte, und abends Vorträge der Teilnehmer zu Natur- und Kulturthemen. Da geht es um den Luchs im Bayerischen Wald oder um „Meditatives Wandern“. Kristin aus dem Hohen Norden Deutschlands berichtet von der Biologie des Watts. Sie ist von der Ostsee nach Kärnten zum Kurs gekommen.

Die ganze Gruppe hat Platz

Dann die letzte praktische Aufgabe: Die Rucksäcke werden zu einem Haufen gestapelt und mit Schnee überschüttet. Viel Schnee. Eine Riesen-Schaufelei in zwei Gruppen. Das Schütt-Iglu wächst in Windeseile. Im Notfall kann es lebensrettend sein. Der Obmann des Vereins der Kärntner Bergwanderführer, Christian Pinnegger, ist hoch zufrieden. Am Prüfungstag sind sechs Stationen zu absolvieren, draußen und drinnen: LVS-Suche, Erste Hilfe, Orientierung, Rechtskunde und Wetter. Die neuen Staatlich geprüften Kärntner Bergwanderführer dürfen ihren Traum-Beruf ausüben. Als Neulinge oder alte Hasen.

Wer nun selbst die Ausbildung zum Bergwanderführer anstrebt und sich beruflich in diese Richtung auf den Weg machen möchte, bekommt aktuelle umfassende Infos im Internet: www.vdbs.de sowie bergwanderfuehrer-kaernten.at

Karte: Das Sadnig-Haus

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Das Sadnig-Haus


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