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Naturschutz-Pfad rundum eine geologische Störung Wanderung „am Pfahl“ bei Viechtach

Dieser Pfahl steckt nicht senkrecht in der Erde und die Wanderung entlang der außergewöhnlichen Felsenlandschaft macht ihn auch nicht zum Marter-Pfahl. Die Rede ist von einer 275 Millionen Jahre alten geologischen Bruchlinie, einem Quarzgang, der sich über 150 Kilometer durch den nordöstlichen Bayerischen Wald an Regen vorbei bis ins Mühlviertel hineinzieht.

Von: Christoph Thoma

Stand: 28.09.2019

Naturschutz-Pfad rundum eine geologische Störung | Bild: BR; Christoph Thoma

Bei Viechtach im Landkreis Regen sind die weiß schimmernden Quarzfelsen am besten zu sehen. Wie spitze Milchzähne ragen sie aus Wiesen und Wald. Es ist Bayerns bedeutendstes Geotop. Auf dem abwechslungsreichen „Pfahlrundweg“, in dessen meist schattigen Verlauf man das Naturdenkmal von allen Seiten betrachten kann, taucht man in knapp vier Stunden tief in die typische Bayerwald-Landschaft ein.

Kathrin zeigt den Weg

Ein paar Stufen führen vom Wanderparkplatz an der B 85 hinauf zum Wall. Der Lärm bleibt zurück. Wir stehen staunend vor weiß schimmernden Felsen und einer tiefen Schlucht. Es ist eine überraschend andere Welt, in die uns Franz Obermeier führt. Er deutet auf die große Info-Tafel und erklärt Grundsätzliches über den Pfahl: „Der Pfahl besteht aus Quarz. Weil Quarz härter ist als das umgebende Gestein, wurde es im Laufe der Jahrmillionen mauerartig herauspräpariert!“

An der Abbruchkante

Der Pfahl beginnt in der Oberpfalz, passiert unterirdisch das Stadtgebiet von Cham und führt über Viechtach, Regen, Grafenau und Freyung durch Niederbayern bis ins österreichische Mühlviertel. Bei Regen hat die Burg Weißenstein einen Namen, der sich auf den Pfahl bezieht, der über weite Strecken unter der Erdoberfläche kreuzt. Nur an wenigen Stellen tritt der Pfahl an die Oberfläche. Meistens ist er im Gelände nur als Höhenrücken auszumachen. Eidechsen gibt es hier, Ringelnattern, Waldameisen und seltene Vögel. Der Abenteuerpfad bereitet auch Familien und besonders Kindern Freude. Nach einer guten halben Stunde erreichen wir eine Absturzkante – mit Tiefblick. Hier könnte man einen „Western“ drehen, wurde hier doch gut 100 Jahre lang Pfahl-Gestein gebrochen, vor allem Schotter für den Straßenbau, härter als Granit. Heute steht der Pfahl bei Viechtach komplett unter Naturschutz.

Klettern ist jetzt verboten

Seiner enormen Festigkeit wegen, fand der Pfahlquarz Verwendung im Straßenbau. Die Glasindustrie konnte das Im Tagebau geförderte Material aber kaum nutzen, weil die Verunreinigungen zu groß sind. Gefragt ist oder wäre aber auch noch das im Quarz erhaltene Silizium, das zur Herstellung von Mikrochips und Solarzellen benötigt wird. Früher war das bizarre Quarzriff, der Drachenkamm des Ungeheuers aus der „Pfahlsage“, ein beliebtes Dorado für Kletterer. Das ist vorbei, seitdem der Pfahl unter Naturschutz steht. Aber Heidelbeer-Pflücken ist erlaubt - und das lohnt sich. Soweit das Auge reicht, wabern vor den weißen Zacken der Pfahl-Felsen die grünen kniehohen Pflanzen mit den prallen Beeren, die Finger und Zähne blau färben.

Ein typisches Wegmarterl

Bei der Pfahl-Sage geht es um einen Ritter namens Bertold, der von einer Fee im weißen Kleid träumte, die ihm ihren Kristall-Palast zeigte. Sie wollte ihm alle ihre Schätze schenken, wenn er bei ihr blieb. Ihre Verführungskünste wirkten. Der Ritter sprach, ihr schon verfallen, die magische Formel: "Königin vom kristallenen Reich, komm und mach mich deines gleich, löse mich von Fleisch und Bein, lass mich immer bei Dir sein!“ Doch als die Braut des Ritters, die ihm heimlich gefolgt war, sah, wie er sich verzaubern ließ, rief sie: "In Gottes Namen halt ein!". Als das Wort "Gott" den Zauber brach, gab es ein grässliches Unwetter. Donner grollten. Blitze zuckten und der Feenpalast verschwand in der Tiefe. Aus einer Eidechse wurde ein riesiger, feuriger Drache, der über Berg und Tal dahin kroch. Der weiße Drachengrat – genannt der „Pfahl“ - leuchtet noch heute aus dem Dunkel der Wälder.

Seilbahn für den Pfahl-Abbau - historisch

Wir lassen nun den engen Gürtel um den Pfahl – die kleine Besucher-Runde – hinter uns und folgen Weg Nummer 9 hinein ins Hinterland. Birken, Buchen, Buckel an Buckel – es ist die typische Bayerwald-Landschaft. In der Ferne sonnt sich an einem Südabhang die Ortschaft Prackenbach. Nun verlassen wir für eine gute halbe Stunde den Wald und erreichen auf Schotterwegen einen Pferdehof im Western-Stil. Am Sonntagmittag wird im „Saloon“ aufgekocht. Dann geht es ein Stück auf der Kreisstraße am Prackenbach, es folgt ein Aufstieg von etwa 100 Höhenmetern und dann wandern wir krachend über Hunderte von dürren Fichtenzapfen zurück zum Pfahl und blicken erneut auf weiße Felsen – auf ein besonderes Industriedenkmal: die alte Seilbahn, mit der früher gebrochenes Gesteinsmaterial zur Verarbeitung hinunter nach Viechtach transportiert wurde. Heute ist der Platz, an dem es früher bestimmt sehr laut und unromantisch zugegangen ist, ein ganz ruhiger Aussichtspunkt. Dann münden wir auf Wurzelwegen in die touristische Runde ein und erreichen nach insgesamt knapp vier Stunden den Ausgangspunkt.

Die Wanderung „am Pfahl“ ist auch im Buch „Arberland - Bayerischer Wald - Šumava“ beschrieben. Es ist zum Preis von € 5,90 unter www.arberland-bayerischer-wald.de erhältlich. Sehr gut funktioniert die Anreise nach Viechtach mit dem ÖPNV. Den Wanderparkplatz Großer Pfahl an der B 85 erreicht man bequem mit Waldbahn und Stadtbus. Wer mehr über den Pfahl wissen möchte, der sollte am Stadtplatz in Viechtach im Alten Rathaus die Pfahl-Infostelle aufsuchen (www.naturpark-bayer-wald.de/pfahl-infostelle ).

Viechtach – der Pfahl ist das Wahrzeichen

Am 1. Oktober, also nächsten Dienstag, gibt es übrigens eine Führung durch das Naturschutzgebiet Großer Pfahl, und zwar im Rahmen der Viechtacher Herbstwanderwoche, die heute beginnt. Am 2. Oktober kann man im Naturschutzgebiet Großer Pfahl dann „Waldbaden“ oder auf dem Baierweg von St. Englmar nach Steinburg entlang des romantischen Perlbachs wandern. Am 3. Oktober steht eine Tour auf die hochgelegenen Schachten im Nationalpark Bayerischer Wald auf dem Programm, und zum Abschluss am 5. Oktober findet eine Grenzlandwanderung zwischen Bayern und Böhmen von den Helmhöfen zum knapp 1300 Meter hohen Osser statt. Mehr Informationen zur Herbstwanderwoche im Viechtacher Land – auch „Indian Summer in Bayerisch-Kanada“ genannt – gibt es unter www.viechtacher-land.de

Karte: Prackenbach

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Karte: Prackenbach


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