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Wandern im Oman Strand statt Berg und Sand statt Fels

„Wie kommt Ihr auf die Idee, im Februar in den Oman zu fliegen?“ – Diese Frage haben meine Freundin Gundi und ich nicht nur einmal gestellt bekommen. Dabei ist es ganz einfach: Weil wir ein Reiseziel mit herrlichen Stränden wollten, in dem es auch um diese Jahreszeit schön warm ist und wir auch am Abend im T-Shirt draußen sitzen können. Unsere Wahl fiel auf den Süden des Oman. Bei 28 Grad lässt es sich in einem Hotel gut 20 Kilometer östlich der Stadt Salalah gut aushalten.

Von: Manfred Wöll

Stand: 28.03.2019

Oman: Auch am Strand von Salalah zieht es sich noch bis zu unserem Ziel | Bild: BR/Manfred Wöll

Aber zugegeben, nach ein paar Tagen Erholung im Liegestuhl braucht der Bergsteiger mal wieder Bewegung. Wir mieten uns ein Auto und fahren ins Wadi Darbat. Das Besondere daran: Wasser, grüne Bäume, jede Menge Vögel. Der Oman ist ein Wüstenstaat im Osten der Arabischen Halbinsel: viele Steine, viel Geröll, viel Sand. Doch ein Gebiet ganz im Süden sticht heraus. Von Juni bis September bestimmt zwischen der Küste und den Erhebungen des Qaragebirges ein Monsunregen das Klima – der sogenannte Khareef. Der Großraum der Stadt Salalah ist dann geprägt von blühenden Pflanzen, Bächen, Wasserfällen und vielen Tierarten. Während Europäer dort gern im Winter sind, kommen im Sommer die Gäste aus arabischen Nachbarländern. Sie genießen dann den Regen und das feuchte Klima bei „nur“ 25 Grad.

Im Wadi Darbat hält sich das ganze Jahr Wasser

Im Wadi Darbat bekommen wir im Februar nur einen Bruchteil der Wassermengen zu sehen, die es während der Monsunzeit gibt. Wir finden dort in einer Halbhöhle einige Felsmalereien und treffen mehrmals auf Kamele.

Aber es ist heiß, deshalb verzichten wir auf eine längere Wanderung. Unsere nächste Station ist das Wadi Dawkah. Unter dem Namen „Land of Frankincense” - Land des Weihrauchs - ist diese Region UNESCO-Weltkulturerbe. Sie liegt etwa 40 Kilometer nördlich von Salalah und ist Heimat der wertvollsten Weihrauchbäume.

Weihrauchbaum

Diese dürren Gewächse kommen zwar rein optisch äußerst schmucklos daher, aber dafür tragen sie das beste Duftharz der Welt in sich. Mehrere tausend Weihrauchbäume wachsen dort. Nirgendwo sonst in der Welt finden diese nur drei bis fünf Meter hohen Bäume so optimale Bedingungen wie hier. Ein Mitarbeiter im blauen Kittel erklärt uns, mit wieviel Mühe die Ernte verbunden ist. Über mehrere Wochen hinweg wird der Stamm immer wieder mit einem Messer angeritzt, ehe das erste Mal geerntet werden kann.

Bei Sonnenaufgang ging die Wanderung los

Unsere Ausflüge sind schön und gut, aber uns fehlt eine richtig schöne Wanderung. Die Wüstenlandschaft wirkt dazu nicht besonders einladend, also fassen wir den Entschluss, von unserem Hotel aus am Strand Richtung Westen zu gehen. Dadurch müsste man ja automatisch irgendwann einmal in Salalah ankommen. Ein Blick in die Landkarte bestätigt uns. Noch interessanter erscheint unsere Idee, als uns sowohl das Hotelpersonal als auch ein Reiseführer abraten: „It’s too far“, zu weit, hören wir immer wieder, und dass wir Bus oder Taxi nehmen sollten. Es seien rund 25 Kilometer bis nach Salalah. Der Weg über den Strand müsste deutlich kürzer sein. Auf eine Länge von 18 bis 20 Kilometern schätzen wir die Strecke. Wir starten am 21. Februar mit dem Sonnenaufgang. Orientierungsprobleme, so viel ist sicher, wird es keine geben: Das Meer ist links von uns, rechts der breite, schier endlose Strand, im Hinterland Sand und Geröll mit dürren Sträuchern. Unsere größte Befürchtung ist es, dass wir mehrere Stunden lang wandern und dann aber plötzlich nicht mehr weiterkommen, weil uns ein Fluss den Weg versperrt oder irgendein anderes Hindernis uns Probleme bereitet. In der Mittagshitze alles wieder zurückgehen, das wäre grenzwertig.

Flamingos

Vor allem am Anfang ist der Sand in Wassernähe recht hart und somit gut zu gehen. Wir schätzen, dass wir knapp vier Kilometer pro Stunde schaffen. Ein komisches Gefühl, in eine Richtung zu marschieren, an deren Horizont nichts zu erkennen ist. Wir gehen praktisch ins „Nichts“. Es ist kein kurviger Küstenverlauf, es gibt keine Buchten, auch keine Vegetation, keine Palme, keinen Schatten. Es gibt nur diesen kerzengeraden Strandverlauf. Die einzige Abwechslung bieten umherfliegende Möwen und kleine Krebse, die sich im Sand einbuddeln, sobald sie uns bemerken. Kilometer für Kilometer spulen wir ab, ständig das Rauschen der Wellen und das Pfeifen des Windes im Ohr. Das Frühstück, Brotscheiben mit Schokolade und ein großes Stück Käse, nehmen wir im Gehen ein. Es wird langsam heiß, mein T-Shirt habe ich schon seit einiger Zeit ausgezogen. Es „schmückt“ jetzt meinen Kopf als Sonnenschutz. Von Weitem erkennen wir etwas am Ufer, das anders aussieht als das, was wir bisher gesehen haben – irgendwie größer. Wir kommen näher und erkennen fünf Flamingos. Aber recht nah lassen sie uns nicht an sich ran. Sie fliegen davon, da waren wir bestimmt noch 100 Meter von ihnen entfernt.

„Wie läuft’s?“, frag‘ ich Gundi. – „Geht gut, bin im Rhythmus“, so ihre Antwort. Es ist eine spannende Strandwanderung. Es passiert zwar nichts, aber es ist sehr ungewohnt, und was ungewohnt ist, ist spannend. Ich erinnere mich, als ich Mitte der 90er-Jahre einmal nur 14 Kilometer an einem Strand entlanggehen wollte und dann überfallen wurde. Das war auf der zu Kenia gehörenden Insel Lamu. Bis auf die Unterhose hatten mich mit Macheten bewaffnete somalische Rebellen ausgezogen und mir den Rucksack mit Wertsachen entrissen. Aber hier und heute ist das eine ganz andere Geschichte, hier dürfen wir uns sicher fühlen. Das Sultanat Oman gehört – was Kriminalität angeht – zu den sichersten Ländern der Welt!

Hinter uns nichts außer Strand, vor uns nichts außer Strand.

Wir kommen an ein paar vom Sand schon fast zugewehten, halb eingefallenen Mauern vorbei, greifen immer öfter zu unseren Wasserflaschen und stellen zufrieden fest, dass wir beim Blick zurück unsere Hotelanlage nicht mehr sehen können. Sie ist längst ein „Opfer der Erdkrümmung“ geworden. Aufregend: Hinter uns nichts außer Strand, vor uns nichts außer Strand. Stundenlang. Dann meinen wir im Dunst eine Silhouette erkennen zu können. Ist das Salalah? Wir gehen und gehen, haben aber nicht das Gefühl, dass wir dieser Silhouette näher kommen. Wird doch keine Fata Morgana sein? Nein, aus der kleinen Andeutung einer Erhebung werden irgendwann konkrete Umrisse. Häuser! Das ist der Ostrand von Salalah! Zugegeben, es hat sich dann noch unglaublich gezogen. Aber nach 4 Stunden und 45 Minuten Gehzeit erreichen wir den Strand von Salalah.

In einer luxuriösen Hotelanlage mit Infinity-Pool freuen wir uns über diesen Coup. Diesmal klatschen wir uns nicht vor einem Gipfelkreuz ab, sondern an einer Hotelbar am Strand.  Die Preise waren uns jetzt mal so richtig egal - und ich hatte das Gefühl, das erste Bier schmeckte wie selten ein anderes zuvor. Das zweite übrigens auch …

Karte: Oman

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Karte: Oman


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