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Alpine Romanik mit Schutzengeln, Säulenfressern und Sirenen Stiegen zum Himmel im Oberen Vinschgau

Kaum eine andere Region im Alpenraum hat eine so hohe Dichte an romanischen Kunst- und Kulturdenkmälern wie der Vinschgau. Unzählige schlichte Kirchen und Kapellen sind im Gebiet zwischen dem Reschenpass und Meran zu sehen und gerade auch jetzt im Advent einen Besuch wert.

Von: Andrea Zinnecker

Stand: 12.12.2019 | Archiv

Von Palabirnen und Klosterschätzen | Bild: BR; Andrea Zinnecker

Es sind Zeugnisse einer religiös geprägten alpinen Landschaft, die einst unwirtlich und gefährlich war, die von Pilgern und Kreuzrittern, von Kaisern, Königen und Wanderhändlern durchzogen wurde – und deren sakrale Stätten oft aus vorchristlichen Kultorten hervorgegangen sind. Besonders eindrücklich manifestiert sich die alpine Romanik im Oberen Vinschgau.

Schätze im Klostermuseum

Marienberg, Müstair und Mals – zwischen diesne orten liegt das „magische rätische Dreieck“, ein geo-spiritueller Nucleus voller Mystik, sagt Gabi Obwegeser vom Vinschger Museum in Schluderns und verweist auf die Sage von der versunkenen rätischen Stadt am Tartscher Bichl, der zeitgleich wie das Ganglegg, der Hauptort der Venosten, besiedelt war. Rätische Relikte, karolingische Fresken und frühromanische Architektur sind das kulturelle Kapital des Oberen Vinschgaus. Wäre die Region durch viele Jahrhunderte hindurch nicht so arm gewesen, dann wären wohl die meisten romanischen Bauwerke barockisiert worden. So aber sind sie oft original erhalten geblieben - als „Stiegen zum Himmel“.

Altarraum der Klosterkirche

Auf dem Tartscher Bichl, einer 1100 Meter hohen, kahlen Felskuppe aus Glimmerschiefer, steht – umfriedet von einer Mauer – die romanische Kirche St. Veit. Wenn die Landschaft im Licht der fahlen Wintersonne in verschiedenen Grautönen daliegt, entfaltet sich eine ganz besondere, fast archaische Stimmung. Von hier oben schweift der Blick nicht nur zum Ortler und zur Königsspitze, sondern auch hinein ins Val Müstair und zum Kloster Marienberg. Mit seinen schneeweißen Mauern schmiegt es sich an den steilen Berghang oberhalb von Burgeis - so schneeweiß wie die Gipfelnase des Ortlers und mit so vielen Fenstern wie das Jahr Tage hat. Der größte Schatz der Benediktiner-Abtei ist die romanische Krypta aus dem Jahr 1160, auch für Abt Markus Spanier ein christlich-spiritueller Kraftort mit leuchtenden Fresken in Originalfarbe und einer Fülle himmlischer Heerscharen. Warum hier so viele Engel dargestellt werden, erklärt sich aus dem Psalm 139 „Im Angesicht der Engel will ich dir das Lob Gottes singen“. In der Hierarchie der Engel gibt es auch die Schutzengel, dadurch kenntlich gemacht, dass sie auf kleinen Brettchen stehen als Zeichen der Verbindung zur Erde. Von den insgesamt fünf Zugängen zur romanischen Krypta von Kloster Marienberg, sind noch vier original erhalten und die romanische Holztür des Nordzugangs hat eine Besonderheit, schmunzelt Abt Markus – ein Katzentürchen. So hatte die Katze ungehindert Zugang zu den Mäusen in der Krypta - irdische Realität und himmlische Sphäre.

Das romanische Sirenen-Fresko in St. Nikolaus

Ein ganz spezieller Kosmos des Glaubens prägt den Oberen Vinschgau - ein Panoptikum mit Schutzengeln, Säulenfressern und Sirenen. Am Nordostrand von Burgeis steht die kleine romanische Kirche St. Nikolaus aus dem 12. Jahrhundert. Sie ist berühmt für ein äußerst seltenes Fresko, das eine Sirene zeigt. Sie wird auch als „nacktes Fischweib“ bezeichnet und symbolisiert das Böse. Auf diese Weise sollten die Menschen daran erinnert zu werden Gutes zu tun. Im benachbarten Engadin finden sich auch an vielen Hauswänden Sirenen-Darstellungen, hier mit dem Ziel böse und lasterhafte Schwiegertöchter fernzuhalten.

Romanisches Kleinod St. Johann in Taufers

Von Burgeis ist es nur ein Katzensprung hinüber in die Schweiz nach Graubünden zum Kloster St. Johann in Müstair. UNESCO-Weltkulturerbe seit 1983. Weil es seit dem Jahr 800 durchgehend bewohnt ist und den größten noch erhaltenen karolingischen Freskenzyklus in ganz Europa besitzt - ein Ort von unglaublicher spiritueller Schönheit. Die karolingischen und romanischen Fresken schmücken die Apsiden der Klosterkirche. Ein romanisches Fresko im linken Sockelbereich der Süd-Apsis zeigt keinen Schutzengel, keine Sirene, sondern einen „Säulenfresser“. Die Figur mit großer Nase, langen Zähnen und Schnauzbart vertilgt eine Säule und soll an die Vergänglichkeit erinnern. Romanisch wie der Säulenfresser ist auch die Schlagglocke aus dem 12. Jahrhundert, die im Klostermuseum aufbewahrt wird wie viele anderer Kostbarkeiten aus der Zeit der Romanik und aus der Zeit Karls des Großen. Der Legende nach soll der König der Franken und Langobarden das Kloster St. Johann in Müstair im Jahr 775 gegründet haben. Auf dem Rückweg von Pavia war er auf dem Umbrailpass in einen Schneesturm geraten und hatte daraufhin gelobt, eine Kirche zu gründen, wenn er das Toben der Elemente heil übersteht. Gesagt, getan - vermutlich auch, weil Karl der Große die strategisch wichtige Lage von Müstair erkannt hat mit der Nähe zum Umbrailpass, Ofenpass und Reschenpass.


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