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Auf dem Luchspfad im Bayerischen Wald Dem stillen Jäger mit den Pinselohren auf der Spur

1846 wurde bei Zwiesel der letzte Luchs im Bayerischen Wald erschossen. Der Mensch war stolz auf die Ausrottung des Luchses. In den 1970er-Jahren aber setzte sich der Bund Naturschutz erfolgreich für die Wiederansiedlung der größten europäischen Katze ein.

Von: Christoph Thoma

Stand: 21.02.2020

Luchs im Winter | Bild: Nationalpark Bayerischer Wald/Rainer Simonis

Damals war es ein großes Medien-Ereignis, als Hubert Weinzierl, der langjährige Vorsitzender des BN, bei Wiesenfelden das erste Tier auswilderte. Heute gibt es im Nationalpark Bayerischer Wald den „Luchspfad“, eine Art Lehrpfad.

Inzwischen behauptet der Luchs längst wieder seine neue alte Heimat im Nationalpark Bayerischer Wald und im angrenzenden Böhmerwald, auch wenn man das scheue stille Tier höchst selten zu Gesicht bekommt. Dennoch lohnt eine Winterwanderung auf dem Luchspfad rund um das Tierfreigelände neben dem „Haus zur Wildnis“ bei Ludwigsthal im Zwiesler Winkel.  

Wir starten im schneesicheren Skilanglaufzentrum Zwieslerwaldhaus. Eine schwarze Luchspfote weist uns den Weg. Nationalpark-Ranger Mario Schmid hat neben Notfallausrüstung und Handy auch einen Stoff-Luchs in seinem Rucksack dabei. Es hängt von der Schneelage ab und von den Temperaturen, ob man auf der vier Kilometer langen Runde mit oder ohne Schneeschuhe besser in Tritt kommt. Der Boden ist hart gefroren, wir entscheiden uns daher für die Bergschuh-Variante. 

Der Weg wird zum Pfad

Der Weg führt zunächst leicht abwärts, am verschneiten „Wildnis-Camp“ vorbei, wo im Sommer regelmäßig internationale Jugendgruppen kampieren - ein Austausch zwischen den Nationalpark-Ländern. Nach einer halben Stunde erreichen wir den tiefsten Punkt der Tour, die Schleicher-Schwell auf nur 630 Meter Höhe, die ihren Namen von der früheren Holzdrift hat. Leise rauscht der Bach. Ein Langläufer skatet über die frisch präparierte Loipe ohne uns zu sehen. So ähnlich mag vielleicht unweit von uns ein Luchs gut getarnt im Dickicht den Tag verschlafen, ohne dass wir eine Chance haben, ihn zu entdecken. Eine Fuchsspur kreuzt den Pfad, auch das typische Trittmuster eines hoppelnden Hasen ist zu sehen.

Wir tauchen in den Hochwald ein. Es ist ganz still, wenn - wir uns nicht bewegen, denn mit unserer raschelnden Wintersportkleidung und den klappernden Stöcken sind wir absolut unüberhörbar, vor allem für die extrem scheuen, dämmerungsaktiven Luchse. Einen Luchs sehen, den extrem scheuen Einzelgänger, werden wir wohl nicht. Männchen brauchen ein Revier von 400 Quadratkilometern, Weibchen etwa die Hälfte. Eine Begegnung wäre also wie ein Lotto-Sechser. Es ist überhaupt sehr einsam auf der Runde. Auf der ganzen Strecke begegnen uns nur zwei andere Wanderer. Sie genießen die Ruhe im Wald und ihren letzten Ferientag.

Zwei Luchse lassen sich tatsächlich blicken

Nach zwei Stunden endet unser Teilabschnitt des Luchspfads direkt am Zaun des Freigeheges hinter dem „Haus zur Wildnis“. Martin Gahbauer ist Luchsexperte und empfiehlt, ganz leise zu sein. Wir pirschen uns an die Aussichtskanzel heran. Das Luchsgehege ist 10.000 qm groß und dicht bewachsen - viel Deckung also. Doch wir haben das fast schon unverschämte Glück, gleich zwei der drei im Gehege befindlichen Luchse wirklich zu sehen. Unter einem abgestorbenen Baumstamm, der wie ein Scherenschnitt vor weißer Leinwand wirkt, entdecken wir zwei markante Köpfe. Die Pinselohren sind unübersehbar.

Luchs im Schnee

Aus einem Nachbargehege haben unbekannte Täter im Oktober 2017 sechs Wölfe „befreit“. Ob die Täter Nationalparkgegner waren, Scherzbolde oder Gegner der vermeintlichen Wiedereinbürgerung von Wölfen in Deutschland, weiß man bis heute nicht. Zwei der entkommenen Wölfe fehlen noch. Seit der Jahrtausendwende gibt es wieder Wölfe in Deutschland, die grauen Jäger gehören wieder zur Lebensgemeinschaft Wald. Am Ende des 20. Jahrhunderts waren sie in Deutschland und vielen Regionen Europas praktisch ausgestorben. Erst durch Regelungen zum Artenschutz bedrohter Tierarten, wie Berner Konvention und Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH), die sich die Länder Europas gaben, wurde die Grundlage geschaffen, dass Wölfe und Luchse wieder eine Chance bekamen, ihre alten Lebensräume zurückzuerobern.

Die Radio-Aufnahme mit Luchsexperten Martin Gahbauer

Martin Gahbauer warnt vor Hysterie, die in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Gefahr steht. Die Nationalparkverwaltung geht offensiv mit dem Thema um. So kann man eine Broschüre „Wolfs-Wissen kompakt“ gratis bestellen oder im Haus zur Natur am Infostand mitnehmen. Darin stehen Fakten, zum Beispiel, dass „die Besiedlung geeigneter Wolfs-Lebensräume in Deutschland passiert im Rahmen eines in ganz Europa zu beobachtenden, natürlichen Ausbreitungsprozesses. Dies wird auch durch die Ergebnisse der genetischen Untersuchungen des Senckenberg-Instituts für Wildtiergenetik Gelnhausen bestätigt.“ In Deutschland wurden also keine Wölfe ausgesetzt oder aktiv wiederangesiedelt. 

Dem Luchs hilft die Diskussion um den Wolf, weil er sich so geschützt im Windschatten der Aufmerksamkeit bewegt. Im gesamten Bayerwald gibt es zur Zeit drei Katzen und drei Kuder, wie die Männchen in der Fachsprache heißen. Ihre Beute sind Rehe. Wenn man sie derzeit in der Dämmerung heiser fauchen und schreien hört, hat das seinen Grund: Im Februar und März ist bei den Luchsen Paarungszeit!

Zum Abschluss unserer Wanderung auf dem Luchspfad gönnen wir uns im „Haus zur Wildnis“ in Ludwigsthal noch einen kräftigen „Kaffee de Luchs“. Auch Winterwanderer aus München, Regensburg oder Passau reisen am besten per Bahn in den Zwiesler Winkel, ab Plattling im Stundentakt. Besonders empfehlenswert ist das Gäste-Service-Umwelt-Ticket. So kommt man gratis, bequem und schnell mit dem Shuttle-Bus vom Bahnhof Zwiesel zum „Zwieslerwaldhaus“ und am Ende der Tour mit der Waldbahn zurück nach Zwiesel. Genaue Informationen gibt es unter www.arberland-bayerischer-wald.de und www.nationalpark-bayerischer-wald.de.

Karte: Bayerischer Wald

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