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Geschichte und Geschichten auf Wallfahrtswegen Kulturwandern im Lamer Winkel

Der Lamer Winkel ist ein landschaftlich reizvolles Stück Oberpfalz, das fast ein wenig versteckt auf der Rückseite des Großen Arbers liegt. Bekannte Bayerwald-Berge wie Hoher Bogen, Osser und Kaitersberg prägen eine der vielfältigsten und schönsten Regionen im gesamten Bayerischen Wald.

Von: Christoph Thoma

Stand: 12.07.2019

Geschichte und Geschichten auf Wallfahrtswegen  | Bild: BR; Christoph Thoma

Der Lamer Winkel ist zudem eine besonders in christlicher Tradition verwurzelte, ländliche Region. Der sonntägliche Kirchgang wird hier noch gepflegt, auch die vielen Feldkreuze sind Glaubenszeugnisse, ebenso die zahlreichen Wegkapellen und vor allem die Totenbretter. Das mag damit zusammenhängen, dass die Bauern hier „steinreich“ sind – will heißen, ihre Äcker sind steinig und karg und bringen wenig Ertrag.

Totenbretter erzählen Geschichten

Der Lamer Winkel lässt sich nicht nur mit dem Pkw erreichen, sondern auch ganz umweltfreundlich und modern mit der Oberpfalzbahn. Wanderer kommen vermehrt mit dem Zug, auch als Tagesgäste. Sie unternehmen gerne eine geführte Wanderung, die vorbei an Wegmarterln und regional-typischen Totenbrettern zur Wallfahrtskirche auf dem 750 Meter hoch gelegenen Kolmstein führt. Dabei erfahren sie Geschichten aus der Geschichte, die für Abwechslung sorgen und die Mühen des Aufstiegs vergessen machen.

Pfarrkirche St. Wolfgang von Haibühl

Treffpunkt ist die Pfarrkirche St. Wolfgang in Haibühl, einem Ortsteil von Arrach. Vor dem romanischen Turm hält der Bus, hier kann man parken, hier geht es los. Der Diözesanheilige soll bei einer Visitation hier vorbeigekommen sein, und so wandern wir auf dem Wolfgangs-Weg, der durch die Diözese Regensburg führt.

Regina Pfeffer kennt sich gut aus mit Geschichte und Geschichten und mit dem Brauchtum im Lamer Winkel.

Gespräche mit der Kultur-Wanderführerin Regina Pfeffer

Am Ortsausgang von Arrach, am Pilgerweg hinauf zum Kolmstein, stecken Totenbretter im Boden, auf denen der Verstorbene aufgebahrt und zum Friedhof getragen wurde. Dort hat man ihn dann über das schräge Brett in die Grube hineingleiten lassen. Daher kommt auch der Ausdruck „Brettlrutschen“. Sprichwörtlich heißt es: „Der alte Huber-Bauer ist aufs Brett gekommen“ oder „übers Brettl g’rutscht.“ Zusammen mit den Flurkreuzen und Wegkapellen zählen die Totenbretter zu den Kulturdenkmälern des Bayerischen Waldes. Es gibt sie nur hier. Typisch für die vom Schreiner noch mit Profilen verzierten Totenbretter sind die oft sehr kernigen, durchaus treffenden Sprüche, mit denen an die Verstorbenen erinnert wird. Da heißt es zum Beispiel: „Hier ruht Franz Josef Matt, der sich zu Tod gesoffen hat.“ Oder: „Der Herr geb‘ ihm die ewige Ruh‘ und ein Glaserl Schnaps dazu!“ Einer gewichtigen Bäuerin dichtete man auf den überaus voluminösen Leib: „Hier ruht Frau Barbara Gschwendtner, sie wog dreieinhalb Zentner. Der Herr geb‘ ihr in der Ewigkeit nach ihrem G’wicht die Seligkeit.“ Es ist ja nicht verkehrt, meint Regina Pfeffer, wenn man sich an die oder den Toten mit einem Schmunzeln erinnert.

Die Ortsverbindungsstraße windet sich in Serpentinen an Bauernhäusern und einem Pferdehof vorbei in den Wald. Es riecht nach Schwammerl, Hühner gackern, eine Katze streicht durchs hohe Gras. Nach einer guten halben Stunde zweigen wir nach links in einen steilen Schotterweg ab. Auf halbem Weg zum Kolmstein, der sich ja gut 300 Höhenmeter über Arrach erhebt, laden neben der Nickel-Kapelle Tisch und Bänke zur Rast ein. Die älteste Kapelle in der Gemeinde wurde schon im Urkataster 1839 erwähnt. Wir erreichen einen Forstweg und dann den ungewöhnlich steil angelegten Kreuzweg. Ganz oben grüßen drei riesige Kreuze, die an Golgotha erinnern, den Ort über Jerusalem, an dem Jesus Christus starb, inmitten zweier Schächer. 

Die Kreuzweg-Stationen am Steilaufstieg zum Kolmstein

Bevor es dann ins Wirtshaus geht, gehört sich der Besuch bei der Schmerzhaften Muttergottes vom Kolmstein. Das böhmische Gnadenbild, eine Pieta-Darstellung, wird hoch verehrt. Zahlreiche Votivgaben zeugen von tiefem Volksglauben. Die 1879 geborene Bäuerin Klara Wartner hat ihr ganzes Leben dem Heiligtum gewidmet und für das Gnadenbild eine richtige kleine Kirche gebaut. Ein paar Münzen klimpern im Opferstock. Auch wir zünden hier gerne eine Kerze an.

Draußen vor der Kirche, im gleißenden Sonnenschein, öffnet sich ein gewaltiges Panorama. Acht Tausender sind zu sehen, wie Regina Pfeffer lächelnd erklärt. Die Überschreitung könnte so aussehen: Anfahrt zum Eck (850 m) - auf E 6 (Fernwanderweg Ostsee-Wachau-Adria) über Mühlriegel (1080 m) - Ödriegel (1156 m) - Schwarzeck (1238 m) - Reischfleck (1140 m) - Heugstatt (1261 m) - Enzian (1285 m) und Kleiner Arber (1384 m) zum Großen Arber (1456 m). Das ist aber dann schon eine markige Sechs-Stunden-Tour.

Einkehr im „Kolmsteiner Hof“ – bei Wirtin Claudia Stumreiter

Beim Rückweg in Richtung Arrach haben wir die Acht-Tausender-Kette immer vor Augen. Und dabei ist es völlig egal, ob wir uns für die kürzeste Variante oder einen von mehreren attraktiven und gut beschilderten „Umwegen“ entscheiden. Vor der Entscheidung aber folgt erst einmal die Einkehrr im „Kolmsteiner Hof“. Wirtin Claudia Stumreiter hat gerade alle Hände voll zu tun - was Wunder an einem Sonntagmittag. Auf der Speisekarte stehen ein frischer Schweinsbraten aus der Reine, deftige Mehlspeisen und hausgemachte Kuchen. Das Wirtshaus neben der Kirche, meint die Chefin lächelnd, „das hat in Bayern Tradition!“

Die geführte Tour auf den Kolmstein über Arrach dauert gute vier Stunden. Die Wege im Lamer Winkel sind sehr gut beschildert, es gibt viele Varianten und „Umwege“. Karten, Zugfahrpläne und Tipps für diese und andere Kultur-bzw.Berg-Wanderungen finden sich unter: www.lamer-winkel.bayern oder www.ostbayern-tourismus.de

Karte: Kolmstein

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Kolmstein


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