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Dem Brot der Bergbauern auf der Spur bei Soglio Herbstwanderung durch Kastanienhaine im Bergell

Herbstzeit ist Kastanienzeit. Auch im Bergell in der Schweiz fällt in diesen Tagen nicht nur das Laub von den Bäumen, auch die Kastanien prasseln herab. Im Bergell, dem Tal, das vom Graubündner Malojapass ins italienische Chiavenna hinabführt, finden sich die größten Kastanienwälder der Schweiz. Entstanden ist hier eine sehr spezielle Mischung aus Berg-, Natur- und Kultur-Landschaft, die gerade jetzt im Herbst zu wunderbaren Wanderungen durch die Kastanienhaine einlädt.

Von: Folkert Lenz

Stand: 24.10.2020

Dem Brot der Bergbauern auf der Spur bei Soglio | Bild: BR; Folkert Lenz

Auch wenn schon das Mittagsgeläut herüberklingt, ist noch genügend Zeit, um sich von dem idyllischen Bergdorf Soglio, das hoch oben an der Talflanke des Val Bregaglia klebt, auf den Weg zu machen.

Soglio: Ganz droben an den Hängen im Val Bregaglia.

Hinunter nach Castasegna soll es gehen. Wer in den steilen, engen Pfad bei Sot Funtäna einbiegt, der landet in einer Art Park. Grüne, satte Wiesen werden hier von mächtigen Baumkronen beschattet. Es ist kein normaler Wald, in den man hier eintritt, erzählt der Bergeller Wanderführer Marcello Negrini, schließlich handelt es sich um so genannte Kastanien-Selven. Die Selven in Castasegna und Bondo sind die größten Kastanienselven in der Schweiz.  Von hoch droben grüßen die Granitspitzen der Kletterberge Sciora, Piz Cengalo und Badile herüber. Unten im Tal bietet sich ein fast lieblicher Kontrast zu der hochalpinen Welt. Wiesen und Weiden mit Büschen und Bäumen. An vielen Ästen hängen jetzt im Herbst die stacheligen Früchte, für die das Bergell bekannt ist. Die Römer sollen vor rund 2000 Jahren die Edelkastanie hierhergebracht haben. Im milden Klima des Bündner Südtals gedieh die Baumfrucht prächtig. Schnell wurde sie zum „Brot“ der Bergbauernfamilien.

Auch heute werden die alten Kastanienbäume gehegt und gepflegt, alte oder dürre Bäume ersetzt. Weil das so aufwändig ist, wollen die Bergbauern den Lohn ihrer Arbeit auch lieber selbst einstreichen. So mahnen Schilder die Wanderer, die Finger von den braun-glänzenden Maroni zu lassen, die schon zu Boden gefallen sind. Es kracht unter den Sohlen der Bergstiefel, wenn man auf die pieksigen Kastanienigel tritt.

Erfrischend für BR-Reporter Folkert Lenz: Der Carroggia-Wasserfall.

Ein Almsträßchen führt die Herbstwanderer in den Tobel von Stoll. Dort donnert das Wasser in einer großen Kaskade gut 50 Meter tief über eine hohe Felswand. Hier beginnt auch der Kastanienhain von Brentan. Das Vieh hält im Sommer das Gras unter den Maroni-Bäumen kurz. Weil die Bäume weit genug auseinanderstehen, können sie große Kronen bilden. Sie wirken wie riesige Pilze auf den Wiesen. Wenn nun der Herbstwind durch die orange-braunen Blätter pfeift, dann beginnt die Arbeit für die Bauern: die Ernte und Lese der Baumfrucht. Es gibt frühreifende und spätreifende Sorten. Somit werden nicht alle Kastanien auf einmal reif und lassen sich über einen längeren Zeitraum verkaufen.

Castasegna mit dem Glockenturm von Santa Trinitá.

Den ganzen Oktober und November wird in den Steinhütten gewerkelt, die am Wegesrand in den Bergeller Selven stehen. „Cascine“ heißen diese Räucherhäuser, in denen die Kastanien gedörrt werden. Im Winter werden sie dann weiterverarbeitet zu Mehl, Brot, Teigwaren und Torten, aber auch zu Eis, Bier, Schnaps und Likör. Dem Einfallsreichtum scheinen keine Grenzen gesetzt. All diese Köstlichkeiten lassen sich am Ende der Wanderung bei der Einkehr in Castasegna dann auch probieren.

Karte: Soglio

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Karte: Soglio


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