3

Neobiota-Ausstellung in Ruhpolding Gebietsfremde Müll-Vielfalt in den Bergen

Wer sich in Wald und Gebirge aufhält, als Wanderer, Mountainbiker oder Bergsteiger, freut sich über saubere, unverfälschte und vor allem müllfreie Natur. Freizeit draußen, das bedeutet aber auch Müsli-Riegel-Papier, Plastiktüten oder Zigarettenstummel – am Gipfel lässig in die Felsen geschnippt.

Von: Christoph Thoma

Stand: 16.08.2019

Neobiota/besonders langlebige Art | Bild: BR/Christoph Thoma

„Neobiota“ nennen Wissenschaftler neue, gebietsfremde Arten. Im Holzknecht-Museum Ruhpolding in der Laubau ist bis Ende Oktober eine liebenswerte, mit Augenzwinkern konzipierte Ausstellung des Südtiroler Alpenvereins zu sehen, die sich mit Müll in den Bergen beschäftigt oder – wie es im Begleittext heißt – mit Arten, die einen bestimmten geographischen Raum besiedeln, den sie ohne Hilfe des Menschen gar nicht erreicht hätten.

Im Holzknecht-Museum gibt's eine Ausstellung rund um den Müll

Da gibt es ein altes Volkslied aus den Bergen, wo sich einer eine Hütte gebaut hat, um dort ganz im Einklang mit der Natur zu leben. Die Tiroler Klangkünstlerin Lissie Rettenwander, die auch das weltweit erste „Stimmgabel-Ensemble“ gegründet hat,  konzertiert gerne (immer wieder mal) im Holzknecht-Museum Ruhpolding. Da gibt es eine Sitzweil. Karierte Tischdecken. Alplerische Gemütlichkeit. Im Herd knacken die Holzscheite, wenn auch im Hochsommer die Abende schon mal etwas kühler sind.

Idylle pur. Das viele Grün draußen, die Schattenrisse der Chiemgauer Berge. Und in der frechen Ausstellung „Neobiota. Artenvielfalt aus Menschenhand“ wachsen bunte Bonbonpapierblumen aus dem Moos oder ein Edelweiß aus Zigarettenstummeln animiert zum Jodeln. Kein Widerspruch, meint Museumsleiterin Ingeborg Schmid: „Wir wollen in unserem Museum die Wirklichkeit darstellen, mit ihren schönen und schwierigen Seiten!“

Mit spitzen Fingern – als Müllsammler unterwegs

Museumsleiterin Ingeborg Schmid

Müll, der nicht im Papierkorb landet, sondern einfach am Straßenrand, das ist ein gesellschaftspolitisches Problem. Auch in der Stadt, auch dort wo es flach ist. Das Thema greift natürlich auch in Strandnähe. Aber in den Bergen ist weggeworfener Müll ein besonders störender Fremdkörper. Der Unrat am Berg ist aus ästhetischen und ökologischen Gründen unerwünscht. Und da kommt auch keine Stadtreinigung. Mit spitzen Fingern hat die Arbeitsgruppe „Müll.Berge“ des Referats „Umwelt und Natur“ des Südtiroler Alpenvereins genauer hingeschaut.

Wie die meisten wissenschaftlichen Bezeichnungen kommt das Wort „Neobiota“ aus dem Griechischen; es setzt sich aus „neos“ (neu) und „bios“ (Leben) zusammen. Als Neobiota bezeichnet man neue, gebietsfremde Arten, welche einen bestimmten geographischen Raum besiedeln, den sie ohne die „Hilfe“ des Menschen nicht hätten erreichen können. So wie man es von seltenen Blumen, Pilzen oder Schmetterlingen gewöhnt ist, so beschreiben die engagierten Müllforscher gebietsfremde Abfallarten wissenschaftlich. "Lagona plasticae“ heißt z. B. die verbogene Plastikflasche im Unterholz, „Cortex lagonae“ der Kronkorken. 

"Kippenglück" statt Gipfelglück

Spielanleitung: Man nehme ein beliebiges Stück Bergwald oder den Rastplatz an einem Bach und mache sich auf die Suche: Es ist schockierend, was Sammler in wenigen Minuten mit wachem Blick einsammeln. Das wirkt bei den Gästen nach, die sich gerne auf die Reise zu Berggipfeln, an ursprüngliche Bachläufe oder stille Bergseen mitnehmen lassen, um dann mit Erstaunen zu lernen, dass zerstörerische Fremdkörper im Natur-Kreislauf länger leben als Menschen.

Augenzwinkern – aber kein erhobener Zeigefinger!

Gerade dort, wo es keine Müllabfuhr gibt, sollte man besonders sensibel mit Müll umgehen: Achtlos weggeworfene Gegenstände verrotten draußen nur sehr langsam. „Selbst organisches Material wie eine Bananenschale ist erst nach zwei bis fünf Jahren vollständig abgebaut. Und eine Aluminiumdose liegt da oben bis zu 500 Jahre“, so Dr. Tobias Hipp vom Ressort Naturschutz und Kartographie des DAV.

Interaktive Stationen machen spielerisch auf das Problem Müll aufmerksam

Was wie exotische Tiere im Naturraum in den Bergen anmutet, ist in Wahrheit: Müll. Ein Kronkorken, achtlos weggeworfen beim Bieröffnen, ein Trinkpäckchen aus Plastik, das die Sportlerin beim Rennen als Ballast loswird und noch häufiger zu finden ein Zigarettenstummel, der abgebrannte Rest der Belohnungskippe hoch oben auf dem Gipfel.

So gesehen, ist es sinnvoll, Müll gar nicht erst mit in die Berge oder an den Badesee zu nehmen. Müll, den man von Haus aus nicht dabei hat, kann man unterwegs nicht aus Versehen „verlieren“… Eine Glasflasche im Wald bleibt mehrere tausend Jahre ganz. Und ein einziger Zigarettenstummel hat das Potential, 50 Liter Grundwasser zu verseuchen.

Kurzfilme aus dem Müll-Labor zeigen die Südtiroler Müllforscher bei der Arbeit; wer mehr Fakten sucht, findet den aktuellen Stand zur Verbreitung. Das Müll-Memory oder die „Neobiota“-Tastbox sprechen vor allem Kinder an.

Was der Ausstellung völlig fehlt, ist der erhobene Zeigefinger. Das Augenzwinkern, der an allen Spiel-Stationen erkennbare Humor, das macht es einfach, sich einem Thema zuzuwenden, das jeden angeht, der im Gebirge unterwegs ist.

Und genau das ist vermutlich der Grund dafür, dass gerade diese Sonderausstellung im Holzknecht-Museum Ruhpolding in der Laubau über die Maßen gut ankommt. Bei Einheimischen und Feriengästen, die zurzeit in großer Zahl die Ausstellungen und das Freigelände bevölkern.

Informationen:

Die Sonderausstellung „Neobiota“ im Holzknecht-Museum Ruhpolding. Wer sich für den Wald und Gebirgslandschaften interessiert, sollte einen Besuch einplanen. Vielleicht noch in den Ferien. Die Ausstellung „Neobiota“ ist bis zum 31. Oktober zu sehen. www.holzknechtmuseum.com 

Karte: Ruhpolding

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Ruhpolding


3