5

Auf der Suche nach Edelweiß und Enzian rund um München Alpine Pflanzen in der Großstadt

Enzian und Edelweiß sind die Symbolpflanzen der alpinen Flora schlechthin. Es gab und gibt sie auch im Flachland: Rund um München blüht jetzt zum Beispiel der stengellose Enzian. Mit dem Edelweiß ist es etwas schwieriger, aber auch das ist zu finden, wenn auch an unerwarteter Stelle.

Von: Georg Bayerle

Stand: 13.05.2021

Auf der Suche nach Edelweiß und Enzian rund um München | Bild: BR; Georg Bayerle

Noch wirkt der Wald aus Wacholder und Krüppelkiefern grau und braun, in dem die Münchner Botanikerin Sabine Rösler unterwegs ist. Sie ist Vorsitzende des Vereins zum Schutz der Bergwelt, einer der ältesten Naturschutzorganisationen überhaupt, gegründet vor 120 Jahren. Ziel ist, die Alpenpflanzen schützen, auch hier südlich von München in der Pupplinger Au.

Stengelloser Enzian an der Isar

Die rundlichen Blätter des stengellosen Enzians reihen sich wie eine Rosette am Boden, der kobaltblaue Blütenkelch leuchtet in den ersten morgendlichen Sonnenstrahlen. Kalkglockenenzian heißt er wegen dieser schönen Blüte auch. Er ist Beispiel eines kleinen Naturwunders aus den Alpen, das sich mit und an der Isar verbreitet hat, als nach der Eiszeit ein ganzes Netz an Gebirgsbächen durch die Schotterlandschaft geströmt ist.

Silberwurz

Wir gehen weiter durch den ebenfalls alpinen Schneeheide-Kiefernwald. Mit ihrem geübten Blick findet Sabine Rösler schnell den nächsten Alpenboten: die Silberwurz, eine ganz besondere Pflanze und ein Rosengewächs, zudem eine echte Eiszeit-Überlebende. Diese arktisch-alpine Art blüht weiß und hat Samen mit haarigen Anhängen, die sowohl vom Wind verbreitet werden, aber auch vom Wasser fortgespült werden können. Schneeheide, Alpenzwergbuchs und Gipskraut sind weitere Alpenschwemmlinge, die wir finden. Später im Jahr könnte man hier auch auf ein Edelweiß stoßen.

Blütenpirsch in der Garchinger Heide

Sabine Rösler führt ins Archiv der Botanischen Staatssammlung am Botanischen Garten in München. Schnell hat die Expertin ein DinA3-Blatt mit drei aufgeklebten, getrockneten Enzianen gefunden. Das Blatt stammt von Königin Marie. Den stengellosen Enzian hat sie bei Thalkirchen am 26.April 1864 selbst gepflückt. Die aus Preußen stammende Prinzessin galt als Alpen- und Pflanzenliebhaberin und hat diesen Fundort im Süden von München zur Sammlung der bayerischen Flora beigesteuert. Heute gibt es hier leider keine Enziane mehr, ebenso wenig wie.in Allach, Aubing oder Dachau – allesamt Fundorte, die von früher her belegt sind.

Von der Königin Marie persönlich gepflückt

Der absolute Knüller in der Sammlung aber ist das Edelweiß, einst gefunden in „Monachium inglariosa Isarae insula prope Hesselohe“. Das getrocknete Edelweiß wurde 1820 auf einer Kiesinsel der Isar bei Hesselohe im Münchner Süden entdeckt und war vermutlich als Samen angeschwemmt worden - in einer Zeit, als die Isar noch durch nichts unterbrochen direkt aus dem Karwendel nach München geflossen ist. Jetzt halten der Sylvensteinspeicher und andere Stauwehre viel zurück.

Das Flusstaxi nimmt alles mit

Der Nachschub an Alpenpflanzen hält sich nur an wenigen geeigneten Flecken wie zum Beispiel der 27 Hektar großen Schotterheide bei Garching. Auch hier blüht jetzt der Enzian. Es ist das Logo der Bayerischen Botanischen Gesellschaft, die das 1914 erworbene Areal nun als botanische Arche Noah hütet wie einen Schatz. Die unscheinbare Garchinger Heide ist eine letzte Insel der alpinen Flora, umgeben von Autobahn, Ortschaften, Äckern und dem Flughafen. Auch entlang der Isar haben es die Alpenpflanzen immer schwerer, weil der Fluss durch Staudämme und Kraftwerke seine natürliche Dynamik verloren hat. Kiesinseln wachsen zu, Flussfluren verschwinden. Es wird also kein Edelweiß mehr in München angeschwemmt werden. Umso herausragender sind diese letzten Reservate der Alpenpflanzen rund um München. „Überlebenskünstler“ nennt sie der Vegetationskundler Thomas Schauer in seinem neuen Buch, in dem er genau beschreibt, mit welchen ausgeklügelten Strategien die ebenso prächtigen wie zähen Alpenpflanzen ihr oft karges Leben fristen – als wahre botanische Juwelen der Landeshauptstadt.

Das Buch „Überlebenskünstler. 50 außergewöhnliche Alpenpflanzen“ von Thomas Schauer und Stefan Caspari ist 2019 zum Preis von 34 Euro im Haupt-Verlag in Bern erschienen (ISBN 978-3-258-08079-6).

Der Streifzug zu den Alpenpflanzen ist morgen Abend auch im BR-Fernsehen um 17.45 Uhr in der Sendung „Schwaben & Altbayern“ und dann auch in der BR-Mediathek zu sehen.


5