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In den Fels statt ins Klassenzimmer Projekt Alpenüberquerung an Rosenheimer Gymnasium

„Das war ziemlich krass. Wir haben den Fels ganz oben gesehen und gedacht, dass wir nicht so weit hoch müssen. Und am Ende mussten wir dann noch viel weiter drüber. Es war echt ‚ne einzige Tortur.“ Blickt man in die Augen von Marinus, dann meint man, bei ihm die Schmerzen dieser Tour immer noch zu sehen. Dabei war es nur die zweite Etappe von zehn.

Von: Manfred Wöll

Stand: 13.10.2018

In den Fels statt ins Klassenzimmer an Rosenheimer Gymnasium | Bild: Sebastian-Finsterwalder-Gymnasium, Rosenheim

Von Mezzocorona bis nach Lazise an den Gardasee

Die Gruppe des „Projektseminars Alpenüberquerung“ an ihrem ersten Wandertag kurz vor Andalo

Marinus hat zusammen mit 13 Mitschülern und drei Lehrern einen Teil der Alpen durchquert – und zwar im Rahmen des Projektseminars „Alpenüberquerung“ des Sebastian-Finsterwalder-Gymnasiums in Rosenheim. Alle zwei Jahre absolvierten Schüler kurz vor ihrem letzten Schuljahr eine rund einwöchige Alpenetappe. Stets ging der nachfolgende Jahrgang dort weiter, wo der Jahrgang vorher aufgehört hatte. Im September 2018 haben Schüler das vierteilige Projekt beendet – mit der letzten Etappe zehn Tage lang von  Mezzocorona im Trentino bis nach Lazise an den Gardasse. Hintergedanke des ganzen Projekts war, Rosenheim über eine selbst ausgetüftelte Route mit seiner Partnerstadt Lazise zu verbinden.

Tour oder Tortur?

Sonne, Wolken, Hitze, Kälte – es war wettertechnisch alles dabei auf der Tour von Mezzocorona nach Lazise

Der Start dieser zehntägigen Tour war am 4. September in Mezzocorona. In die Gemeinde im Trentino war die Gruppe am Vortag mit dem Zug gefahren. Dann wurde es ernst: Tag eins ging hauptsächlich durch Wälder nach Andalo. Tag zwei hatte es in sich: Die Brenta wartete oder wie es der betreuende Lehrer André Hamann formulierte: „Jetzt geht’s rein in den Fels.“ 1500 Höhenmeter und mehr als 20 Kilometer mit teils schweren Rucksäcken – das war die Etappe, die Marinus als Tortur bezeichnet hatte. Neblig war’s und der Weg zog und zog sich bis endlich das Tagesziel erreicht war – das Rifugio Tosa Pedrotti auf knapp 2500 Metern Höhe.

Der Teamgeist stimmte

Die 14 Schüler und ihre Lehrer unterwegs in der südlichen Brenta

Nach der Stärkung im Gastraum war die Stimmung wieder bestens. Am nächsten Tag wurden die Schüler gleich noch mal ordentlich gefordert. Der Abstieg über einen Seil versicherten Steig war rutschig und etwas ausgesetzt. Da war höchste Konzentration gefragt! „Aber bei uns stimmten Leistungsfähigkeit und Teamgeist“, urteilte Hamann stolz über seine „Truppe“.

Ans Aufgeben denkt niemand

Über Dorsino und Fiavè ging’s dann an den Tennosee. Danach eine Tagesetappe durch liebliches Wandergebiet zum Ledrosee – eine Ecke, in der auch viele Mountainbiker unterwegs sind. Die Gruppe hält sich wacker. Der eine hat Blasen an den Händen von den Stöcken, die andere klagt über eine Fußverletzung, der dritte ist eifrig dabei, täglich sein schmerzendes Knie zu tapen. Ans Aufgeben denkt aber niemand. Vor allem nicht jetzt, wo doch der Gardasee nur noch „einen Katzensprung“ entfernt ist - naja, ein größerer Katzensprung.

Planung wird großgeschrieben

Malcesine am Ostufer des Gardasees

Mira, eine von vier Mädchen, blickt voraus: „Jetzt gehen wir hier am Ledrosee entlang, dann 500 Höhenmeter rauf und schließlich auf der anderen Seite runter bis nach Limone.“ Dort hat Mira Schiffe zu drei verschiedenen Zeiten vorgebucht. Eine Stunde bevor sie in Limone ankommen, gibt Mira dann telefonisch Bescheid, welches Boot sie tatsächlich nehmen. Alles top-organisiert bei den Rosenheimern! Aber das ist auch die Idee eines solchen P-Seminars „Alpenüberquerung“: Die Schüler übernehmen die komplette Planung inklusive Buchungen von Übernachtungen etc. Wer welche Aufgaben übernimmt, das haben die Schüler bei den Vorbesprechungen entschieden.  

„Kulturschock“ an der Seilbahnstation

In der Seilbahn schwebt die Gruppe auf den Monte Baldo

Von Limone aus genießen alle die Schifffahrt hinüber ans Ostufer des Gardasees, nach Malcesine. Am achten Tag schweben die 14 Schüler mit der Seilbahn hinauf zum Monte Baldo. Nur mit der Aufstiegshilfe war diese lange Tagesetappe bis zum Bergdorf Prada zu schaffen. Über das Wetter können sich die 17- bis 19-Jährigen nicht beschweren. Teils sonnig, teils wolkig und mild – perfekte Bedingungen. Nur den vielen Menschen an der Seilbahnstation und oben auf dem Monte Baldo können die Bergsteiger nichts abgewinnen. „Ein kleiner Kulturschock“ sei das nach Tagen der relativen Einsamkeit, so Martin Franke, Lehrer für Englisch und Geschichte. Das Tagesprogramm beschreibt er so: „Buckel rauf, Buckel runter, Buckel rauf, Buckel runter…“ Es klang wohl schon mal eine Spur begeisterter.

Die prägendsten Erinnerungen der ganzen Schulzeit

Aber die 14 Schüler und ihre Lehrer, sie schaffen es. Über Garda erreichen sie Rosenheims Partnerstadt Lazise am Südostufer des Gardasees. Dort steigt dann eine kleine Ankunftsfeier mit Eltern sowie kommunalen Vertretern aus Rosenheim und Lazise, mit Weißwürst und Brezen. So muss eine Ankunft aussehen nach 10 Tagen und rund 160 Kilometern.  Lucy bringt’s auf den Punkt: „Dieses Gefühl, wenn man im Ziel ist, ist schon einmalig – und man kann sagen, ich hab’s gemacht und geschafft.“ Alle waren sie sich einig, dass diese zehn Tage zu den prägendsten und schönsten Erinnerungen der gesamten Schulzeit gehören.

Gedruckte Erinnerungen

Für die Schüler des Sebastian-Finsterwalder-Gymnasiums in Rosenheim gibt es einen warmherzigen Empfang in der Partnerstadt Lazise

Und weil’s so schön war, geben die Schüler abschließend auch noch einen Führer in Buchform über die Fernwanderroute Rosenheim-Lazise heraus. Darin enthalten sind dann also auch die Streckenabschnitte, die die Schüler der vorangegangenen Jahre gewandert sind. Die vier Abschnitte sind: Rosenheim – Maurach, Maurach – Hintertux, Brixen – Mezzocorona und schließlich Mezzocorona – Lazise.

Das Sebastian-Finsterwalder-Gymnasium in Rosenheim kann stolz sein auf seine sportlichen, willensstarken und ausdauernden Schüler. Auf dieser Schule war übrigens schon Karl Maria Herrligkoffer, der in den 50er bis 70er Jahren viele Expeditionen zu Achttausendern im Himalaya organisiert hat. Herrligkoffer machte 1936 auf dem Sebastian-Finsterwalder-Gymnasium sein Abitur.

Mezzocorona


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Robert Rinser, Montag, 15.Oktober, 18:56 Uhr

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Tolle Aktion, Respekt vor den Mädels und den Jungs. Ebenso für das ausserordentliche Engagement der Lehrkräfte.