4

Die Via Mala am Hinterrhein Eine kleine alpine Kulturgeschichte der berühmten Schlucht

Der Rhein ist mit Abstand der längste aller Alpenflüsse – 1233 Kilometer bis zur Mündung in die Nordsee. Genau genommen liegen nur seine beiden Zuläufe – der Vorderrhein und der Hinterrhein - in den Alpen. Bei Reichenau vor Chur in der Surselva vereinigen sie sich zum Rhein.

Von: Andrea Zinnecker

Stand: 18.10.2019

Via Mala Hinterrhein: Tiefblick zur großen Gletschermühle | Bild: BR/Andrea Zinnecker

Während der Vorderrhein am Toma-See im Gotthardgebiet entspringt, sind die Quellen des Hinterrheins an den Hängen des Rheinwaldhorns zu finden. Zwischen Zillis und Thusis bildet der Hinterrhein dann ein geologisches Juwel: die berühmt-berüchtigte Via Mala, die eine ganz eigene alpine Kulturgeschichte hat.

349 Treppenstufen führen hinab in die Schlucht

349 Stufen führen in die dunkle Tiefe, seit 1903. Davor mussten sich die Reisenden und Säumer mit dem Blick von oben in die Schlucht begnügen, ab 1739 auch von der berühmten Wildener Brücke. Die Steinbogenbrücke war der kürzeste Weg über das Hindernis, sagt Daniela Gredig von Via-Mala-Tourismus, und die Zufahrtskurven zur Brücke sind so eng, dass den Kutschern einiges an Fahrkönnen abverlangt wurde. Zudem saßen die Reisenden in den Kutschen gut einen Meter über der nur einen Meter hohen Brückenbrüstung, so dass sie oft einen regelrechten Schock bekamen, weil es vom Kutschenfenster aus gesehen so unvermittelt tief hinabging, verrät Via-Mala-Guide Ruedi Küntzel.

Via Mala. Der schlechte Weg. Viele Jahrhunderte lang. Keiner, der nicht unbedingt musste, passierte die Via Mala, zumal die Schlucht laut der katholischen Kirche voller Teufel und Dämonen war. Später, zur Zeit der Aufklärung und Naturromantik, ergriff der unheimliche Schauder vor allem Schriftsteller, Maler und andere berühmte Persönlichkeiten, vom Sohn Mozarts über Friederike Bruns und Conrad Ferdinand Meyer bis zu Friedrich Nietzsche. Am ersten „Via-Mala-Overtourism“ war natürlich der Herr Geheimrat schuld. Goethe hatte in seiner Italienischen Reise das Naturspektakel der Via Mala beschrieben und die Schlucht auch gezeichnet – und jeder, der Goethe las, sah sich inspiriert, ebenfalls hierherzukommen. Goethe aber konnte damals noch nicht in die Via Mala hinabsteigen so wie es heute jedes Jahr an die 60.000 Besucher tun.

Die Via Mala-Experten Daniela Gredig und Ruedi Küntzel

Wie eine uralte schrumpelige Elefantenhaut wirkt das Gestein in der Via Mala. Nicht ohne Grund, denn der so genannte Bündner Schiefer wurde im Zuge der Alpenfaltung arg malträtiert und zerknittert. Weil aber im Kernbereich der Schlucht das Gestein viel Quarzsand enthält und entsprechend hart ist, entstand diese extrem enge Schlucht, die bis heute an der engsten Stelle nur an die 20 bis 30 Zentimeter breit und somit auch für Kajakfahrer unpassierbar ist. Faszinierend ist auch das Farbenspiel des Wassers: glasklar und blaugrün jetzt im Herbst, wenn es keine Gletscherschmelze gibt, fast farblos im Winter, milchig graugrün im Hochsommer und nach starken Gewittern kaffeebraun bis schwarz. „Die Via Mala ist eine Diva“, sagt Urs Attenhofer vom Besucherzentrum, „sie sieht jeden Tag anders aus und sie riecht auch immer anders.“ Im Herbst ist es der Duft von Wald, Moos und Moder, der durch die Schlucht zieht.

Die Via Mala mit allen Sinnen erleben – dafür hatten früher weder die Kelten noch die Römer und schon gar nicht die Säumer Zeit. Bis zum Bau der Wildener Brücke führte der Weg auf der orographisch linken Seite durch die Schlucht. Es war der alte Felsenweg der Römer, der hoch über dem Boden der Schlucht künstlich in die bis zu 300 Meter hohen Felswände geschlagen wurde und nur Platz für einen Säumer bzw. ein Saumtier bot. Gegenverkehr musste somit vermeiden werden, weshalb es bestimmte Hornsignale gab, die verkündeten, wer da mit wie vielen Saumtieren und Wagen unterwegs war. Für den Einbahnverkehr durch die Via Mala gab es strenge Regeln, so auch für die so genannten Stracksäumer, die per Gesetz Vorfahrt hatten – so wie heute noch der Schweizer Postbus! Von den privilegierten Stracksäumern kommt übrigens der Begriff „schnurstracks“, denn sie durften auf direktem und schnellsten Weg die Via Mala passieren, auch weil sie oft leicht verderbliche Waren transportierten wie zum Beispiel Weinbergschnecken.

Schwindelerregende Tiefe

1473 erhielten die einheimischen Bauern das Transportmonopol für die Via Mala und damit ein lebenswichtiges Zusatzeinkommen. Der Weg von Chur nach Chiavenna - durch die Via Mala und über den Splügenpass - war die kürzeste Nord-Süd-Alpentraverse. Selbst von den Niederlanden aus konnte man mehr oder weniger eben bis nach Thusis gelangen, auch auf dem schiffbaren Rhein, und hatte dann ein zwar steiles, aber kurzes Stück über die Berge zu bewältigen. Ab Chiavenna war die Handelsroute wieder schiffbar. In der Regel benötigten die Säumer für die Alpentraverse von Chur nach Chiavenna sechs Tage. Nur die Stracksäumer waren schneller und nur zwei Tage unterwegs. Bis heute verbindet die Via-Mala-Route den Bodenseeraum mit dem oberitalienischen Wirtschaftsraum. Aber mit der Eröffnung des Gotthard-Eisenbahntunnels verlor der Warentransport durch die Via Mala dann schnurstracks an Bedeutung.

Die Via-Mala-Schlucht ist noch bis zum 3. November geöffnet – danach müssen Sie sich mit dem Blick von oben in das berühmte Naturdenkmal begnügen oder auf die nächste Saison ab April warten. Genaue Informationen über Führungen und Veranstaltungen gibt es unter www.viamala.ch

Karte: Via Mala bei Chur

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Via Mala bei Chur


4