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In den Abruzzen Wildschwein, Wolf und Bär

Die Abruzzen. Das klingt noch immer geheimnisvoll. Bis heute ist das knapp 3000 Meter hohe Gebirge im Zentral-Apennin ein Geheimtipp für Wanderer und Bergsteiger auch wenn einst der Herr Geheimrat Goethe auf seiner Italienischen Reise die Abruzzen gemieden hat.

Stand: 25.10.2019

Wildschwein, Wolf und Bär  | Bild: wikimedia

Weil es dort seiner Meinung nach nur – Zitat – „unfreundliche Menschen, Bären, Wölfe, Berge und Banditen“ gibt. Das mit den Banditen und unfreundlichen Menschen stimmt keinesfalls, aber Berge, Bären und Wölfe sind bis heute eine Attraktion, vor allem im 56.000 Hektar großen “Parco Nazionale degli Abruzzi, Lazio e Molise“.

Der 1923 gegründete Nationalpark ist einer der insgesamt drei Nationalparks in der Region Abruzzen und zugleich der älteste Nationalpark in Italien.

Eingang zum Parco Nazionale degli Abruzzi

Idealer Ausgangspunkt für eine „tierisch“ schöne Herbstwanderung ist das Bergdorf Pescassèroli. Direkt vom Ortsrand aus geht es hinein in das „Vallone di Pesco di Lordo“, im Volksmund auch „La Macchia della Rocca“ genannt“. Struppige Macchia gibt es hier zwar keine, dafür aber uralte lichte Buchenwälder, in denen zuhauf Wildschweinrotten umherstreifen. Die massigen Schwarzkittel sind äußerst fruchtbar, werfen zweimal im Jahr 10 bis 12 Frischlinge und im Gegensatz zu den Bären richten sie ziemliche Schäden an. Zwar sind die Wildschweine in der Regel nicht angriffslustig, aber es empfiehlt sich doch ein wenig auf Distanz zu bleiben, sagt Paola Grassi.

Wolfsfamilie

Die Nationalpark-Rangerin und Wanderführerin hat jedenfalls mehr Respekt vor einem Wildschwein-Angriff als vor einer Bären-Attacke. Denn der heimische Braunbär, der „Orso bruno marsicano“, ist ein ziemlich friedfertiger Zeitgenosse, weshalb man beim Wandern auch keinen Lärm machen muss, um ihn zu vertreiben. Der Bär ist wirklich friedlich und wenn er den Menschen über die Nase wahrnimmt, läuft er weg. Bisher ist es noch nie zu einer gefährlichen Situation gekommen. Im Abruzzen-Nationalpark leben zwischen 40 und 60 Exemplare. Den Namen „marsicano“ hat dieser Braunbär von prä-romanischen Volk der Marser, das hier ansässig war. Auf einer hochgelegenen Almwiese lässt sich in der Morgen- oder Abenddämmerung gut Ausschau halten nach dem „Orso bruno marsicano“.

Bärennachwuchs 2018

Doch auch wenn kein Bär auftaucht, lohnt allein schon die unberührte Landschaft die Wanderung: uralter Buchenwald, Almweiden mit Blaudisteln und Weißdorn und darüber kahle karstige Grate und Gipfel, über 2000 Meter hoch. Weiter unten auf rund 1800 Meter Höhe sind jetzt die Früchte der „Ramno alpina“ reif. Für die Bären ist diese Schlehenart ein Leckerbissen und damit sie vor dem Winterschlaf in Ruhe „schlemmen“ können, werden die Wanderwege in diesem Bereich gesperrt und nur geführte Touren angeboten.

Bären und Wölfe als Skulptur

Fressen und gefressen werden – letzteres trifft auch für Schafe und Gämsen zu. Leichte Beute für die rund 50 Wölfe im Abruzzen-Nationalpark. Von hier aus hat der Wolf den gesamten Apennin erobert, er ist aber auch in die Alpen und nach Frankreich gewandert. Der Apenninen-Wolf hat es vor allem auf die Abruzzen-Gams abgesehen. In den 1970er-Jahren war die Population fast vom Aussterben bedroht, zählt nun aber wieder 700 Tiere. Die Abruzzen-Gams ist nicht nur das Wahrzeichen des Nationalparks, sondern auch eine ganz spezielle Art. Sie wird als schönste Gämse der Welt bezeichnet, denn im dunklen Winterfell zeichnet sich um den Hals ein weißer Ring ab – also eine ganz andere Gämsenart als in den Alpen. Der Wolf reißt die schwachen oder kranken Tiere und hält so die Population gesund.

„Appetitzügler“ für den Wolf ist der „Pastore abruzzese“, der kalbgroße und schneeweiße Hirtenhund der Region. Während er die Schafherde gegenüber den Wölfen verteidigt, schützt ihn selbst der sogenannte „Antilupo“, ein ganz spezielles Halsband, das mittlerweile aber kaum noch angelegt wird. Es ist aus Eisen geschmiedet und hat außen lange spitze Nägel, da der Wolf gerne am Hals zupackt, somit aber abgehalten wird.


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