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Rätoromanische Kultur und Natur mit Ortlerblick Der Höhenrundweg „360° Obervinschgau“

Der Obere Vinschgau mit seiner nacheiszeitlich geprägten Landschaft, der imposanten Ortlergruppe und der rätoromanisch beeinflussten Kultur ist eine ganz besondere Wanderregion. „360 Grad Obervinschgau“ heißt ein Rundweg, der in neun Etappen durch die Sonnenhänge führt – immer auf halber Höhe und daher ideal für den Herbst, wenn es nicht mehr ganz so heiß ist.

Von: Andrea Zinnecker

Stand: 27.09.2019

Rätoromanische Kultur und Natur mit Ortlerblick | Bild: BR; Andrea Zinnecker

Prämajur, Plawenn, Planeil, Matsch, Schluderns, Prad, Glurns und St. Johann in Taufers liegen am Weg. Man kann überall einsteigen und nach Belieben die ein oder andere Etappe wandern. Zwei sehr schöne Routen sind die Etappen von St. Valentin auf der Haide über Plawenn nach Planeil und von dort weiter bis ins Bergsteigerdorf Matsch. Eine sehr gut gestaltete Karte zum Höhenrundweg „360 Grad Obervinschgau“ gibt es kostenlos in allen Tourismusämtern der Region. Die Etappen vom Reschenpass bis Schluderns sind übrigens großteils identisch mit dem Vinschger Höhenweg.

Kaum zu sehen - der Kirchturm von Planeil

Vom Vorbeifahren auf der Reschenstraße kennt fast jeder den Haider See, St. Valentin und die Malser Haide. Sie ist der grösste alpine Schuttkegel der Nacheiszeit, sagt Obervinschgau-Kenner Karl Perfler, und wurde nach der letzten Eiszeit durch massive Rutschungen aufgeschüttet. So entstand ein „weites neues Land“, durch das nun die Etappe von St. Valentin auf der Haide nach Planeil führt. Bis Plawenn geht es durch Bergwiesen und lichten Lärchenwald, begleitet vom Zirpen unzähliger Grashüpfer.

Der Weiler Plawenn ist rätoromanischen Ursprungs, die Silbe „Pla“ weist auf eine kleine Ebene hin. Ein Gasthaus gibt es hier nicht mehr, aber eine Kirche und einen großen Ansitz mit rosa Fassade. Es ist der höchstgelegene Adelssitz Europas, liegt auf 1716 Metern und gehört den Grafen Salvini, die heute mit „Herr und Frau Plawenn“ angesprochen werden, schmunzelt Katharina Stocker. Sie ist Bergbäuerin und freut sich über den Besuch ihrer Enkelinnen Silvia und Judith am Wochenende. Sechs Kinder, wie sie, hat heute hier kaum noch eine Familie. Mit der Abwanderung der Bergbauern und jungen Generation kämpft auch der nächste rätoromanische Ort: Planeil. Ziegenwirt Harald Punter aber hält die Stellung und bietet auf seinem Hof mitten in Planeil Würste, Salami und Kaminwurzn von der Ziege an sowie Ziegenkäse.

Typischer Wiesenpfad auf halber Höhe

Von Planeil führt die nächste Etappe des 360-Grad-Obervinschgau-Wegs ins Matscher Tal und zunächst auf Malettes, die Hochweide von Mals hinauf, ebenfalls ein rätoromanischer Name. Auf Malettes steht die kleine Martinskapelle, die von den Jägern errichtet wurde. Der Blick reicht hinüber zum Watles und in die Sesvennagruppe und bis zum Piz Lat am Reschen. Von Malettes führt ein gut markierter Steig auf die 2324 Meter hohe Spitzige Lun, den Parade-Aussichtsberg des Obervinschgaus und eine gute Alternative für den Weiterweg nach Matsch. Die gut 700 Höhenmeter ab Malettes lohnen sich. Vom Gipfelkreuz, das Steinmännchen und Gebetsfahnen flankieren, bietet sich ein 360°-Panorama: Tschenglser Hochwand, Hoher Angelus und Vertainspitze, Cevedale, Königsspitze, Ortler, Trafoier Eiswände – alles was Rang und Namen hat, ist von der Spitzigen Lun aus zu sehen, ebenso das Gipfelmeer der Ötztaler Alpen und natürlich tief unten der Haider See und Reschensee.

Rückblick zum Reschen

Über baumlose, schrofige Hochflächen, Almen und durch Bergwald führt der Weg dann in zwei Stunden nach Matsch hinab. Wem die Variante über die Spitzige Lun zu anstrengend ist, der wandert gemütlich auf dem 360°-Obervinschgau-Weg auf halber Höhe von Malettes nach Matsch und kommt dabei in Muntschinig am Reinalterhof vorbei. Den Erbhof aus dem 14. Jahrhundert mit Hofschank, den Sieglinde Frank führt. Jausen mit Speck und Käse aus eigener Produktion gibt es immer, warme Speisen wie Gulasch mit Knödel, Braten und Kaiserschmarrn nur auf Vorbestellung. Zum Wandern auf dem neuen Höhenrundweg ist jetzt die beste Zeit, sagt Sieglinde, denn jetzt ist hier auf der Sonnenseite nicht mehr so heiß wie im Juli du August, sondern angenehm warm, und wenn auf den Höhen schon etwas Schnee gefallen ist, dann leuchten die Herbstfarben umso mehr. Besonders schön ist von hier nicht nur der Blick hinab nach Mals und Glurns und hinein in die Schweiz bis nach Taufers und St. Johann in Müstair, sondern auch auf die Benediktinerabtei Marienberg, die sich schneeweiß an die Abhänge des Watles über Burgeis schmiegt und so viele Fenster hat wie das Jahr Tage.

Der Ortsname Muntschinig stammt auch übrigens aus dem Rätoromanischen und bedeutet so viel wie „Berg, auf den die Sonne scheint“. Von Muntschinig führt ein alter, aber wasserloser Waalweg dann knapp 200 Höhenmeter hinauf ins Matscher Tal und nach Matsch, das Bergsteigerdorf Südtirols.

Karte: Plawenn

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Plawenn


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