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Bouldern gegen Depression Eine hippe Sportart wird zur innovativen Therapie

Schlaflos, antriebslos, lustlos - das sind häufig Symptome einer Depression. Die wenigsten reden darüber, dabei trifft sie sehr viele: Laut Weltgesundheitsorganisation WHO leiden weltweit mehr als 264 Millionen Menschen unter einer Depression. Ein neuer Ansatz verbindet jetzt Psychotherapie mit Bergsport.

Von: Sebastian Nachbar

Stand: 13.02.2020

Bouldern | Bild: picture-alliance/dpa

Das Kletterzentrum Weyarn südlich von München: beschichtete Holzplatten an den Wänden, bunte Klettergriffe, weiche Matten am Boden. Die Leute betreiben ihren Feierabendsport. Sie klettern ohne Seil auf geringer Höhe. Mittendrin: Die Gruppe um Therapeutin Sabrina Stadler. Sie hat Patienten dabei, die unter einer Depression leiden. Bouldern bietet sie als Alternative zur Sitzung beim Psychologen an. „Die klassische Gesprächstherapie hält zwar für den Moment an. Aber danach sind die Patienten wieder alleine und kommen zum Teil nicht weiter. Irgendwann landen sie dann bei uns und haben innerhalb kürzester Zeit sehr positive Effekte mitgenommen.“

Der Kurs startet mit Einstiegsübungen und einer kurzen gemeinsamen Runde, dann geht es an die Boulderwand. Die Patienten ziehen sich an den Griffen empor und feuern sich gegenseitig an. Gruppenleiterin Sabrina Stadler schaltet sich immer wieder ein und sensibilisiert die Kletterer für ihre aktuelle Gefühlslage. Die wissenschaftliche Grundlange für das Therapiekonzept stammt von der Uniklinik Erlangen, wo auch Sabrina Stadler studiert hat. Dort hat man die Wirkung des Boulderns auf Patienten mit Depression in einer Studie überprüft und signifikante Verbesserungen festgestellt.

Mit dabei ist auch Florian. Er war leitender Bankkaufmann und hat einen beruflichen Abstieg hinter sich. Der Kurs gibt ihm neue Kraft. „Ich bin hier, weil ich unter Depressionen leide“, sagt er. „Der Kurs hilft mir dabei, wieder Selbstvertrauen zu finden. Ich habe viel durchgemacht. Hier kriegt man das Gefühl: Was bin wirklich ich? Was kann ich mir zutrauen? Das hilft mir, auch im Alltag wieder rauszukommen aus dem Tief.“

Heute geht es im Kurs um Angst. Angst an sich ist völlig normal. Wir brauchen sie zu unserem Schutz. Das Problem: Menschen mit Depression gehen anders damit um, sagt Sabrina Stadler. Sie igeln sich ein und stoßen an eine Grenze, die für sie nicht zu überwinden ist. Beim Bouldern sollen diese negativen Gedankenmuster aufgebrochen werden. Die Sportart gibt den Patienten das Gefühl, normal zu sein. Sie kommen in den Kurs und merken, da sind noch andere Menschen mit ähnlichen Problemen. Und: Wer an der Wand klettert, konzentriert sich ganz automatisch auf das Hier und Jetzt. Negative Gedanken, etwa der böse Chef oder die verkorkste Familie, verschwinden für den Moment. Das Thema Achtsamkeit ist ganz präsent, ohne dass sich die Patienten dafür anstrengen müssen.

Erster Ansprechpartner für Menschen mit psychischen Problemen ist der Hausarzt. Er verweist bei Bedarf dann weiter an entsprechende Fachkräfte. Daneben gibt es die Deutsche Depressionshilfe, zu finden unter www.deutsche-depressionshilfe.de. Dort gibt es auch ein Info-Telefon. In Notfällen, zum Beispiel bei drängenden oder konkreten Suizidgedanken, am besten den Notruf 112 wählen.


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