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Massive Eingriffe im Längental zum Stausee-Bau Fragwürdige Erschließung in den Stubaier Alpen

Die Berge als Wasserspeicher und Energielieferant – im Nachbarland Tirol führt dieses Thema immer wieder zu aufsehenerregenden Konflikten. So hatte im Juni der Verwaltungsgerichtshof Wien endgültig gegen die Einwände der Alpenvereine entschieden, die den Bau eines dritten Stausees am Pumpspeicherkraftwerk Kühtai verhindern wollten. Insgesamt 10 Jahre hat das Verfahren zur Umweltprüfung einschließlich der gerichtlichen Auseinandersetzung gedauert. 2021, so hat es die TIWAG, die Tiroler Wasserkraft AG angekündigt, soll nun gebaut werden.

Von: Georg Bayerle

Stand: 01.08.2020

Massive Eingriffe im Längental zum Stausee-Bau | Bild: BR; Georg Bayerle

In diesem Jahr sind nur „bauvorbereitende Maßnahmen“ geplant, aber die haben es in sich.

Die Arbeiten sind in vollem Gang

So also sieht es aus, wenn ein Tal untergeht: Bagger, ein gutes Dutzend, wühlen sich durch das Gelände. Gut 100 bis 200 Meter über dem hinteren Talboden arbeiten sich Baugeräte in die steilen Felsflanken und bringen Steinschlagsicherungen an. Hier auf 2000 Metern Höhe befindet man sich in ein paar Jahren 100 Meter tief im Stausee. Jetzt am Sonntag stehen die Maschinen still und ein paar Einheimische, die sich selbst ein Bild machen wollen, wandern hinauf ins Längental. Es ist eines dieser faszinierenden Urgesteinstäler, wo kantige Felsabstürze mit lieblichen Blumenwiesen eine kontrastreiche, aber harmonische Einheit ergeben.

Die Gewässerkundlerin Anna Schöpfer

Anna Schöpfer ist Gewässerkundlerin und Naturschutzreferentin beim Österreichischen Alpenverein. Sie hat ein Auge für die ständig wechselnde Dynamik des Bergbachs. Mal schießt er in Kaskaden über Felsklippen, dann verzweigt er sich in ein Dutzend Einzeläste, dann wieder verschwindet er fast in dicken Moospolstern und bildet einen See. An kaum einem anderen Ort wie in diesen Urgesteinstälern wird es so anschaulich, wie der Bergbach mit seiner wechselnden Dynamik vielfältige kleine Lebensräume erschafft.

Bergsee, der verschwinden wird

Inzwischen aber haben die Bauarbeiter eine betonharte Trasse bis in den Talschluss planiert. Streckenweise verläuft noch seitlich davon der Wanderweg. Eine Kolonie putziger Babymurmeltiere tummelt sich in den Gesteinsbrocken. Am Ausgang des großen Talbodens mit seinen Mäandern verschwindet der Wildbach in einer betonierten Fassung, weiter unten ist das ganze Tal bereits umgegraben. An verschiedenen Stellen wird die 20 Zentimeter dicke Humusschicht abgenommen und woanders wieder ausgebracht. Auf diese Weise soll etwas von dem gerettet werden, was in einem Jahr nicht mehr da sein wird, aber an die 10.000 Jahre gebraucht hat, um zu entstehen: Es ist der Geburtsort des Fluss-Systems von Inn und Donau. Doch es sollen sechs weitere große Bergbäche aus dem Gebiet zwischen Stubaital und Ötztal über einen 25 Kilometer langen Stollen in den dann dritten Stausee des Pumpspeicherkraftwerks bei Kühtai abgeleitet werden.

Sie wissen nicht was geschieht

Eine Debatte über diese Eingriffe aber wurde und wird nicht geführt – nicht in Tirol und nicht in Deutschland, das mit seinen Stromnetzen natürlich auch an den alpinen Pumpspeichern hängt. Im Gegenteil, richtige Informationen habe es in der Öffentlichkeit nie gegeben, sagen einige einheimische Wanderer. Auch ein Umdenken im Tourismus, wie es die Tirol-Werbung auf dem Höhepunkt der Corona-Krise angekündigt hatte, findet offenbar nicht statt. Liliana Dagostin, die für Raumplanung zuständige Expertin im Österreichischen Alpenverein, hat dagegen schon die nächsten Großprojekte am Stubaier Gletscher auf dem Tisch: Es geht also gerade so weiter mit dem Energie- und Landschaftsverbrauch. Im Längental, wo in diesen Wochen ein weiteres Stück Urlandschaft verschwindet, wird sichtbar, was das wirklich kostet.


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