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Natur-Tourismus und Zukunfts-Nischen im Valle Maira im Piemont Okzitanische Höhenwege, Transhumanz und ein Albergo diffuso

Das Valle Maira wurde bei uns in Deutschland auch als eines der ganz besonderen Ziele auf der Grande Traversata delle Alpi, der GTA, bekannt. Als Übernachtungsplätze im einem Netz von sehr speziellen Wander- und Radwegen sind Etappenstützpunkte wie die Locanda Ceaglio in Marmora entstanden.

Von: Georg Bayerle

Stand: 30.08.2018

Altopiano della Gardetta | Bild: BR/Peter Vogt

Der Erlanger Geograph und Alpenspezialist Werner Bätzing hat sich intensiv mit den piemontesischen Bergen beschäftigt und mehrere ausgezeichnete Führer dazu geschrieben. Als Übernachtungsplätze im einem Netz von sehr speziellen Wander- und Radwegen sind die „Posto Tappa“ genannten Etappenstützpunkte entstanden wie zum Beispiel die Locanda Ceaglio in Marmora, einem südlichen Seitental des Valle Maira.

Dronero mit Teufelsbrücke

Wer oberhalb der Locanda Ceaglio den Blick über das weitverzweigte Tal schweifen lässt, der ist beeindruckt, denn überall auf den Bergrücken und auf natürlichen Absätzen befinden sich kleine Weiler und Kirchen, die aus den Materialien der Natur erbaut sind und mit der Landschaft verschmelzen. Einst war das hier auf einer Höhe von 1000 bis 1700 Metern eine lebhafte Bergbauernlandschaft, sagt Peter Vogt, der Schweizer Dauersiedler im Valle Maira. Heute leben hier noch 25 Einwohner ein bisschen von der Landwirtschaft und vor allem vom Tourismus, der jetzt die einstigen Wirtschaftswege zwischen den ehemaligen Dörfern als Wanderwege nutzt. „Percorsi Occitani“, okzitanische Höhenwege heißen die vernetzten Weitwanderwege. Namensgeber ist die von der mittelalterlichen Sprache der Troubadours geprägte okzitanische Kultur des Tals. Von einem Posto Tappa zum anderen geben die Percorsi Occitani einen bleibenden Eindruck von der gestrigen Welt in den Südalpen - so, als wäre hier auf einen Schlag die Uhr angehalten worden.

Mairaweg Percorso Occitano zwischen Caudano und S. Peyre

Die Verbindung der rauen und wilden Naturlandschaft, in der es auch Wölfe gibt, die man allerdings nicht zu Gesicht bekommt, mit den allgegenwärtigen Spuren der einstigen Zivilisation, erzeugt einen besonderen, einzigartigen Eindruck. Ganz unwillkürlich fängt man an nachzudenken über das Leben in und mit den bis zu 3000 Meter hohen Bergen im Südwesten des Alpenbogens – ein großer Gegensatz zur gewohnten Konsumwelt der Gegenwart.

Fulvia mit einem ihrer Söhne

Ein Bauer ist bei uns im Dorf noch übrig, berichtet Fulvia, die die Locanda Ceaglio betreibt. Die traditionelle Bewirtschaftung war früher die Transhumanz, bei der die Familien mit dem Vieh im Winter ins Flachland gezogen sind, denn der Winter war mit sechs bis acht Monaten zu lang, um Futter herzuschaffen. Nur in Verbindung mit dem Naturtourismus hält sich heute Leben in den Dörfern. Es gibt keine Lifte, keine Verbauungen stören den Anblick, man hört nichts, nur Naturlaute.

Einige besonders attraktive Plätze wie die Gardetta-Hochebene sind im Sommer allerdings mit dem Auto erreichbar, da neben den Wirtschaftswegen auch Militärstraßen durch die Landschaft führen. Sie stammen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, als die Gegend zwischen Savoyen und Italien hart umkämpft war. Heute sind diese steinigen Straßen mit der Landschaft verwachsen und ein historisches Erbe für den neuen Mountainbike-Boom.

Gardetta Hochebene, Rocca la Meja

Vor allem Schweizer, Deutsche und Franzosen haben das Tal als einen alpinen Erlebnisraum entdeckt, der so ganz anders ist als die erschlossenen und vielfach überlaufenen Hausberge in anderen Alpengegenden - und für die Täler bietet der Tourismus eine Lebensperspektive. Die Abwanderung ist auf niedrigem Niveau gestoppt, gerade rechtzeitig für die Bergtouristen, die seit gut zwanzig Jahren die Wiederentdeckung der piemontesischen Täler eingeleitet haben. Bei Wanderern und Mountainbikern ist das Valle Maira mit seiner wilden urwüchsigen Landschaft und den kleinen Dörfern und Steinbauten ein Begriff. Für die Bewohner allerdings war das Leben im Val Maira weniger attraktiv. Die meisten haben das langgestreckte Tal mit den vielen Seitentälern verlassen, ganze Dörfer sind verfallen. Manchmal aber ist daraus etwas Neues entstanden, so zum Beispiel das „Albergo Difuso“ der Locando Ceaglio in Marmora.

Ehemals verlassene Häuser sind jetzt ein Hotel

Das Hotel ist ein ganzes kleines Dorf mit acht Häusern, eben ein „Albergo diffuso“, ein verstreutes Hotel. In den mehrstöckigen, aus rohen Steinen erbauten, uralten Gebäuden dienen ganze Baumstämme als Dachbalken. Über Treppen und kleine Gassen sind die Häuser miteinander verbunden. An den Wänden und auf Tischen liegen und stehen alte Geräte, Werkzeuge und Hirten-Utensilien – eine Art Freiluftmuseum, das die Besucher an die alten Zeiten erinnert. Drei bis vier Zimmer hat die Familie Ceaglio in jedem Haus in moderner Einfachheit hergerichtet. Fulvia wurde in einem dieser Häuser geboren. 1933 haben Oma und Opa dann mit einer Gastwirtschaft angefangen. Als nach und nach die Bewohner der Nachbarhäuser das Tal verlassen haben oder gestorben sind, haben die Ceaglios die leerstehenden Gebäude übernommen. Die 2010 eingerichtete Gaststube war früher ein Kuhstall.

Am Nachmittag herrscht eine ausgelassene Stimmung in der Locanda Ceaglio. Aus den verschiedensten Richtungen sind die Gäste von ihren Touren zurückgekehrt. Viele waren schon oft da, wie der Schweizer Bergführer Willi Egger mit seiner Gruppe und Peter Vogt, der Schweizer Dauergast aus Olten in der Nähe von Zürich: Begeistert von seinen Touren hat er die Beschreibungen ins Internet gestellt und sofort weitere Gäste angezogen. Billig ist der Aufenthalt in der Locanda Ceaglio nicht, denn die Instandsetzung der alten Steinhäuser ist aufwändig.

Die feine Küche von Ehemann Alberto mit den hervorragenden Naturprodukten des Piemont gehört zum Aufenthalt dazu, genauso wie das Gefühl, von der Familie aufgenommen und auf einer Zeitreise zu sein. Ursprünglich gab es in den kleinen Bauerndörfern nur kleine Gastwirtschaften, in denen man ein Glas Wein, Oliven und Salami bekommen konnte und wo die Händler entlang der Salzstraße übernachten konnten. Ohne die Initiative dieser und anderer Familien im Valle Maira und ohne den Tourismus würden die Dörfer verfallen. So aber sieht die junge Generation wieder eine Zukunftsperspektive in diesem nachhaltigen Nischen-Tourismus.

Weitere Informationen

Mehr Informationen gibt es unter www.ceaglio-vallemaira.it und www.infovallemaira.eu sowie unter www.wandern-piemonte.it und www.mtb-piemonte.it.

Die Führer von Werner Bätzing zur GTA und zum Valle Maira sind im Schweizer Rotpunktverlag erschienen:

Grande Traversata delle Alpi Norden
Teil 1: Der Norden: Vom Wallis ins Susa-Tal
Autor: Werner Bätzing
Rotpunkt-Verlag, Zürich
ISBN: 978-3-85869-811-7
Preis: 24,00 €

Grande Traversata delle Alpi Süden
Teil 2: Der Süden: Vom Susa-Tal ans Mittelmeer
Autor: Werner Bätzing
Rotpunkt-Verlag, Zürich
ISBN: 978-3-85869-812-4
Preis: 26,00 €

Giorgio Alifredi, Jörg Waste
Ich bleibe im Valle Maira
Lebensperspektiven in einem rauen Land

Zweisprachige Ausgabe dt./it.
Rotpunkt-Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85869-647-2
Preis: 29,90€

Valle Maira


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