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20 Jahre Ötzi Gene im Check

Die berühmteste Gletschermumie der Welt heißt richtig Ötzi! Vor 20 Jahren, am 19. September 1991, wurde Ötzi nahe der Similaunhütte am 3210 Meter hohen Tisenjoch vom Nürnberger Ehepaar Simon entdeckt.

Stand: 10.09.2011 | Archiv

Sonderausstellung "Ötzi20" | Bild: South Tyrol Museum of Archaeology

Es folgten unzählige Untersuchungen, Theorien und Streitereien, und es wurde sogar ein eigenes Museum um Ötzi herum gebaut: das Südtiroler Archäologie-Museum in Bozen. Hier liegt der Mann aus dem Eis nun in einer speziellen Kühlkammer, seine Artefakte vom Beil bis zum Birkenrindengefäß sind ebenfalls zu sehen. Bis zum 15. Januar 2012 gibt es hier auch die Sonderausstellung "Ötzi 20". Ein Highlight der Ausstellung ist die neu rekonstruierte Gestalt von Ötzi auf der Basis von medizinischen Fakten und der aktuellen Genforschung.

Ötzi auf dem Tisch.

Ötzi, das weiß man jetzt, war nicht blau-äugig, sondern hatte braune Augen. Professor Albert Zink vom Institut für Mumien an der Europäischen Akademie in Bozen leitet die aktuellen Forschungen am Erbgut von Ötzi. Das Institut wurde erst vor vier Jahren gegründet. Nachdem zuerst nur die mitochondriale DNA isoliert werden konnte, ist inzwischen durch eine Knochenbiopsie aus Ötzis Beckenknochen die Kern-DNA und somit das komplette Genom des Eismanns entschlüsselt.

Die Ausstellungsräume.

Die Auswertung der enormen Datenmenge wird noch eine Weile in Anspruch nehmen, sagt Professor Zink. Schon jetzt steht aber fest, dass Ötzi einen sehr feingliedrigen, aber sehnigen Körperbau mit kräftigen Muskelansätzen hatte, sehr athletisch und trainiert war, typisch für einen Menschen im alpinen Lebensraum und durchaus vergleichbar den heutigen Südtiroler Bergbauern. Die Vorstellung vom grobschlächtigen Steinzeitmenschen ist damit ein für alle mal ad absurdum geführt.

Der "echte" Ötzi.

Die Erkenntnisse aus der Genforschung sind auch in die neue Rekonstruktion der Gestalt von Ötzi eingeflossen, sagt der Kurator der Sonderausstellung, der Schweizer Beat Gugger. Gemacht wurde sie von den Brüdern Adrie und Alfons Kennis aus den Niederlanden, zwei Rekonstruktions-Experten. Sie haben Ötzi auch ein neues Gesicht gegeben, weg vom steinzeitlichen Affen-Look hin zum modernen Menschen. Lediglich die Hände sind in der Rekonstruktion etwas zu groß geraten. Ötzi hatte keine "Pranken", erklärt der Genforscher Albert Zink, sondern im Gegenteil eher feine Hände, die weder Schwielen noch eine starke Hornhautbildung und somit keine Spuren harter handwerklicher Arbeit aufweisen.

Rekonstruktion.

Von der umfassenden Analyse der Kern-DNA erwarten sich die Forscher auch Aufschlüsse über die familiäre und regionale Verwandtschaft von Ötzi, der, das kann man schon mit Sicherheit sagen, ein typischer Mitteleuropäer italienischer Abstammung war. Ob sich die genealogische Abfolge "Ötzi – Andreas Hofer – Reinhold Messner" nachweisen lässt, sei dahingestellt, schmunzelt Museumsführerin Michaela Oberhofer. Auch ist ungewiss, ob Ötzi tatsächlich wie in der Rekonstruktion einen Vollbart mit grauen Strähnen und dichte Brusthaare hatte. Genau bestimmen lassen sich dagegen seine Körper- und Schuhgröße - 1.60 Meter und 38 – und sein Alter, das so um die 45 Jahre herum gelegen sein muss. Für damalige Verhältnisse war Ötzi also ein neolithischer Methusalem.

Ötzi hinter Glas.

Bleibt noch die Frage nach Zivilisationskrankheiten. Auch aus radiologischen Untersuchungen ergeben sich Hinweise auf eine Arterienverkalkung, die möglicherweise durch die proteinreiche Ernährung mit viel Fleisch bedingt war. Eventuell lässt sich aber auch eine genetische Disposition finden. Im Darm von Ötzi wurden Reste von Getreide und Steinbockfleisch gefunden. Derzeit wird nun auch der Mageninhalt genau analysiert. Kurz vor seinem Tod hat Ötzi noch etwas gegessen, eventuell war es ein Milchprodukt. Das aber würde die interessante Frage aufwerfen, ob der Steinzeitmensch in Mitteleuropa damals schon Laktose vertrug. Ötzi hat noch nicht alle seine Geheimnisse verraten. Forschungsroutine gibt es daher auch nach 20 Jahren noch nicht. Nächsten Samstag (17.September) kommen in der Serie "Mit dem Bayern-1-Rucksackradio unterwegs auf Ötzis Spuren" die Zeitzeugen des Fundes vor 20 Jahren zu Wort.


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