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Weißer Sonntag im Defereggental Alpines Brauchtum am Klein-Ostertag

Barfuß auf die Berge und mit Hausschuhen aus Kleiderresten. Ein abgelegenes und schwer erreichbares Tal wie das Defereggental war früher ganz auf sich selbst gestellt und Dinge wie Rohstoffe hatten einen besonderen Wert. Dieses Bewusstsein ist in dem Tal heute noch vorhanden und es ist nicht einfach nur Erinnerung, sondern bleibt spürbar.

Von: Georg Bayerle

Stand: 27.04.2019

Alpines Brauchtum am Klein-Ostertag | Bild: BR; Georg Bayerle

Es ist ein Bild wie aus fernen Zeiten, wie die bald 80-jährige Maria Schneider an einem kleinen Tisch in der Stube sitzt und behende auf einem abgegriffenen Holzleisten Hausschuhe herstellt, die Deferegger Batschn oder Fotschn, für die sie Reste von abgetragener Kleidung nimmt, von Lodenhosen oder Mänteln. Die Fotschn stammen aus einer Zeit, als die Menschen im Tal praktisch vollkommen auf sich gestellt waren und alles selber machen mussten.

Maria Schneider an ihrem kleinen Werktisch

Viel Lebensruhe spricht aus der alten Bäuerin. In den Handgriffen und der Art und Weise des Hausschuhmachens steckt ein ganzes Lebensmodell, sagt ihr Sohn, Richard Schneider, eine Denkweise, dass aus allem und jedem noch etwas gemacht werden kann. Selbst der Klebstoff, den Maria Schneider verwendet, ist noch hausgemacht, aus Roggenmehl und heißem Wasser und ja, er klebt die Stoffstücke perfekt zusammen, die dann mit dickem Zwirn vernäht werden.

Richard Schneider und seine Zirbenschüsseln

Die Lebensphilosophie der Alten führt Richard Schneider fort: Er hat die „Machlkammer“ im Tal mitbegründet, wo alte Handwerksprodukte verkauft werden und drechselt dafür zum Beispiel Schüsseln aus Zirbenholz. Heute sind die schöne Maserung und das Zirbenaroma des Holzes schon fast eher Schmuckstück in der Küche und passen ins modern naturnahe Denken der Gegenwart. So bekommen vergessene Gegenstände der Welt von gestern einen neuen Chic und erzählen doch etwas von der Zeit, als es noch keinen Überfluss gab.

Bergbauernlandschaft

So war der Sonntag nach Ostern, also der Weiße Sonntag, immer der Tag, an dem die Kinder die Schuhe ausgezogen haben. Sie liefen dann das ganze weitere Jahr über barfuß bis Allerheiligen. Grund war nicht eine besondere Achtsamkeit in der Erfahrung des Barfußlaufens, so wie das heute ja touristisch vermarktet wird; es war die pure Armut und ein Lebensmodell, wo ein Paar Schuhe kostbar war und möglichst lange halten musste.

Jetzt also hätte sie wieder begonnen, die Zeit des Barfußgehens. Und rund übers Jahr gab es die speziellen Feiertage, wie den Lahnfeiertag, also den Lawinenfeiertag oder den Stoanfeiertag, verheißene Feiertage, an denen für den Schutz vor Naturkatastrophen und Unglücken gebetet wurde. Durch die unmittelbare Erfahrung der Naturgewalten liegt der Glaube an Orten wie dem Defereggental näher. Und so entsteht auch heute noch ein Bild davon, wie das Leben in diesen Tälern angepasst war ans Naturgefüge und die Menschen sich nach dem gerichtet haben, was ihnen die Berge vorgaben.

Karte: Das Defereggental

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Karte: Das Defereggental


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