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Fernweh - Mitten in den Bergen Die Alpenstadt Brixen in Südtirol

Brixen ist die Alpenstadt des Jahres 2018. Damit wird das besondere Engagement der Südtiroler Stadt für die Umsetzung der Alpenkonvention gewürdigt.

Von: Ernst Vogt und Andrea Zinnecker

Stand: 31.10.2018

Mitten in den Bergen | Bild: BR; Georg Bayerle

Mediterranes Lebensgefühl und alpines Flair

Palme auf dem Brixener Domplatz

Die Alpenkonvention gilt als das wichtigste Schutz- und Förderprogramm für den Alpenraum. Es zielt auf nachhaltige Regionalentwicklung, sanften Tourismus und den Schutz der Berge ab. Die Bergsteigerredaktion hat Eindrücke und Erlebnisse aus der Alpenstadt Brixen und den umliegenden Bergen zu Radio-Impressionen verarbeitet. Es geht um den Elefant Soliman, der 1552 auf dem Weg nach Wien 14 Tage in Brixen ausruhen durfte, und um Könige, Kaufleute und Künstler, die im Laufe der Jahrhunderte durch Brixen zogen. Mediterranes Lebensgefühl einerseits und alpines Flair andererseits machen Brixen aus.

Auf dem Eisacktaler Keschtnweg

Überall am Weg - Keschtnigel und Keschtn

Der Keschtnweg ist 63 Kilometer lang und führt in 4 Tages-Etappen von Kloster Neustift bei Brixen an den Hängen des Eisacktals entlang und über das Rittner Hochplateau bis nach Bozen. Auch im Spätherbst lässt es sich auf den Spuren der „Keschtn“, der Esskastanie fein wandern – durch lauschige Kastanienhaine, farbenprächtige Mischwälder und kleine Tobel, über freie Wiesen und Felder. Einkehrmöglichkeiten gibt es viele unterwegs und bei weitem nicht nur gebratene Kastanien zur Stärkung. Das kulinarische Keschtn-Spektrum reicht von der Kastaniencremesuppe und Kastanienkrapfen bis zum Kastanienbier.

Furchetta und Sass Rigais im Blick

Die romanische Kirche St. Cyrill

Von Kloster Neustift geht es durch das so genannte Kreuz- oder Sonnentor aus der Alpenstadt hinaus und auf dem Cyrillusweg auf den gleichnamigen Hügel mit der kleinen romanischen Kirche St. Cyrill - knapp 500 Höhenmeter, die mit einem grandiosen Blick hinab ins Eisacktal und auf Brixen belohnt werden. Über Pinzagen und Tötschling führt der Keschtnweg weiter nach Feldthurns, und schon bald rücken sie nun erstmals in den Blick: die berühmten Geislerspitzen mit Furchetta, Sass Rigais und Fermèda.

Kloster Säben – die „Südtiroler Akropolis“

Keschtnweg wie aus dem Bilderbuch

Etappe Nummer zwei beginnt am Naturdenkmal mit den zwei großen alten Kastanien am südlichen Ortsrand von Feldthurns. Ab hier ist der Keschtnweg identisch mit dem alten Wallfahrtsweg nach Kloster Säben. Vorbei an bunten Bauerngärten mit Kohlköpfen und Kürbissen, Sonnenblumen und knorrigen Apfelbäumen führt er hoch zum Radoarhof der Familie Blasbichler. Norbert Blasbichler ist der Schöpfer des Keschtnwegs. Die Idee dazu kam ihm vor über 20 Jahren als er seine alten Kastanienhaine zu sanieren begann. Vorbei am Moarhof, am Maier zu Viersch und am Huberbauern in Pardell führt der Keschtnweg dann weiter nach Kloster Säben, der „Südtiroler Akropolis“, und durch das Thinnebachtal auf dem steilen und staubigen Eselssteig hinab nach Klausen, dem alten romantischen Künstlerstädtchen am Eisack. Wohl keiner, der jetzt nicht einen g’scheiten Durscht hat! Ideal zum Löschen - das Keschtnbier im Gasslbräu.

BERGGEMÜSE AUS BARBIAN

Harald Gasser vom Aspinger-Hof in Barbian

Herbstzeit ist in Südtirol Törggelezeit, und zur Verkostung des „Nuien“, des neuen Weins, gehören nicht nur Speck und Schüttelbrot, sondern auch die Keschtn, die Esskastanien. Bei Gourmets ist die geschmacksintensive „gelbe Barbianer Kastanie“ besonders gefragt. Doch Barbian hat noch mehr zu bieten – über 600 alte Gemüsesorten zum Beispiel. Das „Berggemüse“ wird von Harald Gasser auf dem Aspingerhof in Barbian angebaut und nur an Spitzenköche geliefert. Zu den ältesten Stammkunden der „Aspinger-Raritäten“ gehört auch der Finsterwirt in Brixen.

Mischkulturen ohne Chemie

Pink leuchtet der Amaranth

Erster Blickfang auf dem Aspingerhof ist die Trostburg des Minnesängers Oswald von Wolkenstein genau gegenüber auf der anderen Seite des Eisacktals. Der zweite Blick fällt auf das große Gemüsefeld mit schwarzen Tomaten und dem satten Pink des Amaranth auf rund 700 Meter Meereshöhe. 2005 hat Harald Gasser, von Beruf eigentlich Sozialbetreuer, den Hof seiner Eltern übernommen und von Milchviehhaltung auf Kräuter- und Gemüseanbau umgestellt. Statt auf Monokulturen setzt er auf Mischkulturen ohne Chemie, auf Pflanzgemeinschaften, die sich gegenseitig stabilisieren - mit Erfolg, auch wenn ihn anfangs viele für einen „dunkelgrünen Spinner“ gehalten haben. Inzwischen aber gedeihen bei ihm auf einem Quadratmeter drei Mal so viele Pflanzen wie im konventionellen Anbau.

Von Senfblumen bis zu Erdmandeln

Inka-Gurken

Zum Bio-Gemüse vom Berg für die Spitzengastronomie gehören nicht nur weiße Beete, orange Ochsenherzen und violette Karotten, sondern echte Raritäten wie zum Beispiel die Senfblume, Speisechrysantheme, die Schinkenwurz oder die Zuckerwurzel, ebenso Erdkastanien und Erdmandeln, Erdbeer- und Baumspinat – letzterer ist die ideale Fülle für das Südtiroler Traditionsgericht Schlutzkrapfen -, Inkagurken, Powerfood wie Mizuma und Moringa, Knollenziest und das Braunschweiger Blut, eine alte dunkelrote Zwiebelsorte, oder die Schinkenwurz.

Ausgangspunkt für Almwanderungen

All das kann im Stiftskeller verkostet werden

Die Weine von Kloster Neustift, dem nördlichsten Weinbaugebiet Italiens, werden nicht nur von Kennern geschätzt. Dabei ist Kloster Neustift am nördlichen Stadtrand von Brixen ein Kosmos für sich. Es wurde 1142 gegründet, als erstes Augustiner-Chorherrenstift in Tirol. Die trutzige Klosteranlage gilt als die größte in Nord- und Südtirol und spiegelt verschiedene Epochen der Kunstgeschichte wider. Reinhold Messner hält die Lage von Brixen für ideal im Hinblick auf den Wandertourismus. Seiner Meinung nach schätzen die Gäste das kulturelle Angebot der Stadt und wandern dann an der Nahtstelle zwischen Kultur- und Naturlandschaft, also im Bereich der letzten Bergbauernhöfe bzw. Almen. Von dieser mittleren Etage aus hat man – so Messner – den schönsten Blick auf die hohen Berge wie Sella, Langkofel und Geislerspitzen.


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