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Alpenflüsse im Bayern-2-Rucksackradio Hintergründe zu einem sensiblen Ökosystem

Alpenflüsse und die Landschaften am wilden Wasser stehen oft im Spannungsfeld zwischen Naturnutz und Naturschutz. Gerade hier brechen oft jahrzehntelange Konflikte auf. Gregory Egger, Wissenschaftler am Aueninstitut in Karlsruhe, stellt den Alpenflüssen grundsätzlich kein gutes Zeugnis aus:

Von: Georg Bayerle

Stand: 29.06.2019

Hintergründe zu einem sensiblen Ökosystem | Bild: BR; Georg Bayerle

Der Zustand größerer Flüsse sei durchwegs schlecht. Schlecht bedeutet vielerorts den Verlust der Flusshabitate und der Auen. Erst seit einem guten Jahrzehnt gibt es einen stärkeren gesellschaftlichen und politischen Willen, Alpenflüsse abschnittsweise zu renaturieren und den oft ins Betonkorsett gezwungenen wilden Wassern wieder mehr Freiraum zu gewähren. An der Isar aber kapern jetzt Freizeitkapitäne in ihren Schlauchbooten die Kiesinseln, auf denen eigentlich Flussregenpfeifer und Tamarisken leben sollten. Binnen weniger Jahre ist, wie Anwohner beobachten, die Freizeitnutzung derart eskaliert, dass nun das Landratsamt Bad Tölz mit einer ersten Bootsverordnung reagiert hat. Für langjährige Isarfahrer führt das zu schmerzhaften Einschränkungen. Viele haben aber auch Verständnis für die Maßnahmen.

Ankunft am Einstieg

Gerade auch in Social Media wird die Freizeitnutzung der Isar massiv gepostet, Hinweise zum richtigen Verhalten fehlen aber fast völlig, im Gegenteil: Webseiten empfehlen den Schlauchbootfahrern noch einmal eine wilde Kiesbank zum Grillen anzulaufen, bevor die Isar ab Baierbrunn bevölkerter und damit langweiliger wird – beides, das Anlanden an wilden Kiesbänken wie das Grillen ist im Naturschutzgebiet übrigens verboten! Das Desinteresse vieler Naturnutzer ist erschreckend. Auf der anderen Seite kann der Wert für Naturgenuss und Tourismus aber auch zum Schutzargument für die „Wilden Wasser“ werden. So ist im Stubaital ist ein Wanderweg zur Attraktion geworden, den Luis Töchterle vom Österreichischen Alpenverein zusammen mit dem Tourismusverband initiiert hat: Der Wilde-Wasser-Weg setzt in professioneller Form die touristische gegen die energetische Nutzung. Jahrzehntelang wurde gegen Staudammpläne der Bundesbahnen gekämpft. Doch trotz des touristischen Erfolgsprojekts liegt derzeit ein neues Projekt der Tiroler Wasserkraft TIWAG vor dem Bundesgericht. Es würde den mächtigen Bergbächen im hinteren Stubaital den Großteil ihres Wassers abzapfen und damit die touristische Attraktion austrocknen.

Naturerlebnis Isar

Kaum irgendwo werden die Kosten für den Energiehunger der Gesellschaft so sichtbar, wie am Verlust von Natur und Landschaft durch Kraftwerksbauten. In Bayern hat Luitpold Rueß, der damalige Geschäftsführer des Bund Naturschutz schon 1958 ein leidenschaftliches Plädoyer gegen Kraftwerkspläne an Tiroler Ache, Saalach und Wertach gehalten. Einige „Oasen der Stille“ sind seither in Stauseen untergegangen. Die Wasserrahmen-Richtlinie der EU schreibt nicht nur ein Verschlechterungsverbot vor, sondern fordert auch, dass sich der ökologische Zustand der Flüsse verbessern soll. Nur noch 14% der Alpenflüsse sind in einem guten ökologischen Zustand. Die Zahl zeigt eindringlich, um welchen besonderen Naturschatz es hier geht und wie wichtig es ist, dass sich Gesellschaft und Politik in den Alpenländern über diesen besonderen Wert klarwerden.


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