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Die Schweizer Tour du Soleil Saisonausklang auf Tourenskiern in den Lepontinischen Alpen

Eine „richtige“ Ski-Haute-Route gibt es nicht nur zwischen Chamonix und Zermatt. Die „Tour du soleil“ in der Schweiz führt von Realp bei Andermatt hinüber ins Walliser Binntal und steht der klassischen Haute Route in nichts nach.

Von: Folkert Lenz

Stand: 08.05.2021

Saisonausklang auf Tourenskiern in den Lepontinischen Alpen | Bild: BR; Folkert Lenz

Über den „sonnigen Höhenweg“ geht es in vier bis sechs Tagen kantons- und länderübergreifend quer durch die Lepontinischen Alpen. Neben viel Sonne findet man gerade zum Saisonausklang auf der Mehr-Tages-Ski-Durchquerung vor allem auch Einsamkeit, denn die „Tour du soleil“ ist ein bisschen in Vergessenheit geraten. Einige Schweizer Bergführer bemühen sich, der Route wieder zum alten Glanz zu verhelfen.

Besser markiert geht´s kaum: der Aufstieg zur Rotondo-Hütte durchs Witenwasserental.

Das Kratzen der Harscheisen unter den Tourenskiern verrät es: Der Schnee ist noch pickelhart, denn wir sind früh unterwegs. Der Start an der Mittlenberghütte über dem Binntal erfolgt in eisiger Luft und mit einer ganz sonderbaren Stimmung: Der Vollmond steht hoch am Himmel und sorgt für ein nahezu magisches Licht. Auf der einen Seite steht also der Mond über dem Tal, auf der anderen Seite sieht man über dem Grat dann bald die Sonne aufgehen. Das allererste Tageslicht lässt die Gipfel und die Zacken wie so einen Scherenschnitt am Himmel erscheinen. Dabei ist die Tour du soleil absolut keine Vollmond-Tour, sondern eher das Gegenteil, denn sie soll – schon dem Namen nach – der Sonne folgen. Von Realp am Gotthard geht es in vier oder fünf Tagesetappen ins Binntal im Oberwallis – und das ist eine echte hochalpine Ski-Haute-Route, betont Bergführer Florian Tresch von der Mammut Alpine School. Man sollte schon vorab ein paar Skitouren gemacht haben und ein guter Skifahrer sein, schließlich ist die Tour du soleil keine Einsteigertour.

Ufo gelandet? Nein, die futuristisch gestaltete Capanna Corno Gries im Morgengrauen.

Mit einer Route von Hütet zu Hütte ist die Skitour ein echter Grenzgang, und man kann schon einmal etwas durcheinanderkommen, in welchem Land oder Kanton man gerade unterwegs ist. Man startet im Urner Land, ist vom Witenwasserenpass bis zum Rotondopass dann aber im Wallis unterwegs, danach im Tessin und später in Italien. Über den Mittlenbergpass geht es wieder zurück ins Wallis. Man wechselt insgesamt vier Mal den Kanton und einmal das Land. Die Etappen der Tour du soleil sind lang, weshalb der Spätwinter die bessere Zeit für die Unternehmung ist. Damit „normale“ Skitourengeher hinsichtlich der Distanzen nicht überfordert sind, sollten alle Hütten geöffnet sein. Dafür kann man bei der Gebietsdurchquerung jeden Tag Gipfel sammeln: Am Wegesrand liegen Pizzo Lucendro, Pizzo Rotondo, das Hohsand-, Blinnen- und das Ofenhorn - alles Gipfel der Lepontinischen Alpen zwischen dem Simplonpass im Westen, dem Gotthard im Osten und den oberitalienischen Seen im Süden.

Warten aufs Auffirnen: Am Gipfel der Holzerspitz.

Wer auf der Tour du soleil die Talfalten und Pässe bewältigt, sieht im Norden berühmte Gipfel des Alpen-Hauptkamms: die Berner Alpen mit Finsteraarhorn, Grünhorn und den Fiescherhörnern. Aber auch das ganze Monte-Rosa-Massiv, die Mischabel-Gruppe und das Weisshorn rücken in den Blick. Weil häufig kilometerlange Südhänge traversiert werden müssen, ist bei dieser Mehrtagestour frühes Aufstehen unerlässlich. Umso schöner ist es dann, wenn es auffirnt! Nicht ganz so schön wird es dagegen, wenn die Spätwintersonne den Schnee in durchweichten Sulz verwandelt. Dann sollte man keinesfalls mehr auf dem Weg, sondern schon in der nächsten Hütte sein und ein wohlverdientes Bier genießen. Wer den kühlen Nachtwind sowie das Zwielicht von Vollmond und Morgendämmerung nutzt, der wird die Tour du soleil genießen, zum Beispiel gleich zu Beginn die g’führige Abfahrt von der Holzerspitze hinab ins Binntal.


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