3

Unterwegs in der Wüstenregion der Weißen Berge Skitouren in den Lefka Ori auf Kreta

Kreta, die Insel der Hesperiden, ist die fünftgrößte Insel im Mittelmeer und liegt auf der Agäischen Platte unweit der tiefsten Stelle des Mittelmeeres. Gourmets schätzen das kretische Olivenöl, Badegäste den berühmten Dattelpalmenstrand im Osten der Insel, Wanderer die legendäre Samaria-Schlucht und Bergsteiger den Psiloritis, den höchsten Gipfel der Insel. Und Skitourengeher – beim Zeus! - die kommen in den Lefka Ori, den Weißen Bergen, auf ihre Kosten.

Von: Henrike Busch

Stand: 09.03.2019

Unterwegs in der Wüstenregion der Weißen Berge | Bild: BR; Henrike Busch

Das Gebirge mit dem 2454 Meter hohen Pachnes, dem höchsten Gipfel der Lefka Ori, zählt zu den wenigen europäischen Wüstengebieten und ist bis ins Frühjahr hinein oft noch eine Schneewüste.

Wochenlang haben wir täglich das Wetter auf Kreta gecheckt und mit unserem griechischen Bergführer Christos Paterakis telefoniert. Es sah nicht gut aus, es war einfach zu warm. Doch dann begann es Ende Februar zu regnen und auf den Bergen zu schneien. Wir sind zu fünft und alle leidenschaftliche Skitourengeher in den Alpen. Jetzt sind die Lefka Ori unser Ziel und Christos erklärt ihre Besonderheiten. Die Weißen Berge gelten als hochalpines und schwieriges Gelände, in dem ein Kompass unerlässlich ist. Von den vielen Zweitausendern der Hochebene kann man bei ausreichend Schnee fast bis zum Meer abfahren.

Ankunft in Chania

Ausgangspunkt ist das kleine Bergdorf Anopolisim Süden der Lefka Ori. Die Bewohner leben hier von ihren Olivenbäumen und Ziegen. Jeden Abend trifft man sich in der Taverne, es wird ausgiebig gegessen und Raki getrunken. Erst gegen 10 Uhr morgens laden wir die Skier in den Transporter von Christos. Aus den Lautsprechern kommt Psarandonis, er ist einer der berühmtesten Lyra-Spieler und Sänger Kretas. Auf einem felsigen Weg mit vielen Schlaglöchern und immer nah am Abgrund geht es so weit wie möglich ins Gebirge hinauf. Immer wieder muss Christos Ziegen ausweichen. Bei circa 1600 Metern Höhe ist Schluss. Wir parken das Auto vor dem ersten Schneefeld mitten auf dem Weg und fellen auf. Der späte Start zur Skitour macht Sinn, denn der Schnee auf Kreta ist hart. Die Meeresluft trägt so viel Feuchtigkeit ins Gebirge, dass der Schnee in der Nacht gefriert und vormittags erst wieder von der Sonne aufgetaut werden muss. Ein Vorteil: Die Lawinengefahr ist somit relativ gering, weil sich die Schneeschichten sehr kompakt miteinander verbinden.

Der erste Schnee – ab hier geht die Tour los

Irgendwie erinnert alles an eine Wüstenlandschaft. Die sanften Hänge und nahezu gleich hohen Gipfel in monotonem Weiß. Plötzlich taucht jemand auf in der Einöde. Es ist eine freudige, aber wohl wirklich seltene Begegnung, denn der Alpine Club Kreta hat zwar stolze 600 Mitglieder, aber die wenigsten von ihnen sind im Winter unterwegs. Skitourengeher, sagt Christos, gibt es auf der ganzen Insel vielleicht 50. Plötzlich wird der Nebel immer dichter. Die vielen weißen Hänge um uns herum verschwinden im White Out. Zur Orientierung bleibt nur die Spur des Vordermanns. Als auch die Hänge steiler werden, holen wir die Harscheisen raus. Wir merken, dass wir – trotz aller Erfahrung – die Situation von Deutschland aus unterschätzt hatten. Wir befinden uns in einem durchaus hochalpinen Gelände mit vielen Steinen. Abrutschen könnte gefährlich enden. Deshalb traversieren wir die Hänge anstatt sie auf dem eisigen Untergrund abzufahren. Dass jeder noch so kleine Sturz sofort Schrammen hinterlässt, erfahren wir alle am eigenen Leib.  Das Traversieren ist anstrengend und verlangt höchste Konzentration.

Der Nebel macht schnell die Orientierung schwierig

Fünf Stunden sind wir bereits unterwegs und durchqueren die Schneewüste der Lefka Ori. Am Ende wird uns dann doch noch eine Abfahrt gegönnt. Der Schnee gleicht dem auf einer präparierten Piste, nur die Neuschneefelder bremsen. Irgendwo neben uns muss sich der höchste Berg der Lefka Ori, der Pachnes befinden. Doch der Nebel lässt nicht zu, dass wir ihn zu Gesicht bekommen. Hungrig und erschöpft erreichen wir das Katsiveli-Plateau und eine kleine steinerne Hütte mit einem Schlaflager für rund 30 Personen. Einen Ofen gibt es nicht, aber einen Gasherd und einen Heizstrahler. Während Christos Spagetti kocht, heizt sich die Hütte auf immerhin 11 Grad auf. Eine Wohltat ist auch der heiße Tee, den er aus einheimischen Bergkräutern zubereitet. Der Malotira-Tee, überwiegend aus Eisenkraut gebrüht, ist eine kretische Spezialität.

Nach der Skitour – wunderschöne Wanderung zum Strand. Was für ein Kontrast!

Die Kälte und Dunkelheit lassen uns früh ins Bett gehen. Als wir anderntags aufwachen, haben wir fast 12 Stunden geschlafen. Zu unserer Überraschung hat sich der Nebel verzogen, der Blick schweift frei auf atemberaubend schöne und wilde Schneehänge. Allerdings sind unsere Skier vor der Hütte zerstreut wie ein Mikadohaufen - ein Werk des heftigen Windes in der Nacht. Wolken am Himmel zeigen, dass kein stabiles Wetter herrscht und es besser ist zügig aufzubrechen. Einen kurzen Hang fahren wir ab, dann wird auch schon wieder aufgefellt und es dauert nicht lange, bis wir auch die Harscheisen auspacken. Wieder stehen wir schlagartig im White Out und sehen gerade noch unseren Vordermann. Der Wind wird so stark, dass wir uns dagegenstemmen müssen, um nicht umgeweht zu werden. 80 Stundenkilometer sagt später der Wetterbericht. Das Traversieren kostet immer mehr Kraft. Doch wie am Meer üblich, wechselt das Wetter schnell und so stehen wir nach zwei Stunden im strahlenden Sonnenschein. Am nächsten Tag - etwa 10 Kilometer Luftlinie entfernt – wandern wir dann im T-Shirt zum Strand und tauchen zumindest mit den Füßen ein ins türkisblaue Meer. Über uns kreisen ein paar Gänsegeier.

Karte: Anopolisim und Lefka Ori

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Anopolisim und Lefka Ori


3