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Die Tücken des letzten Schnees im Mittagstal Skitour in der Geislergruppe in Südtirol

Während auf der Alpennordseite noch jede Menge Schnee für Skitouren liegt, schaut's auf der Alpensüdseite schon ziemlich mager aus. Im Südtiroler Villnösstal apern die Wege auch im Schatten schon aus. Wer dort noch Schnee sucht, muss die Ski lange tragen oder das Radl mitnehmen. Groß war da die Freude bei den Tourengehern, als in der Karwoche doch nochmal eine Ladung Neuschnee die Dolomiten weiß eingehüllt hat. Sebastian Nachbar ist Richtung Geislerspitzen gestartet - bis seine Tour plötzlich ein jähe Ende fand.

Von: Sebastian Nachbar

Stand: 27.04.2019

Die Tücken des letzten Schnees im Mittagstal | Bild: BR; Sebastian Nachbar

Ein riesiges Kar unter senkrechten Felswänden. Alles ist weiß, einzelne Felsblöcke spitzen hervor. Direkt darüber schießen die Geislerspitzen in die Höhe. Der Fels ist frisch verschneit, angezuckert wie ein Guglhupf. In der Mitte öffnet sich ein enges Couluir, das bis nach oben führt. Die Mittagsscharte.

Frühling im Südtiroler Villnösstal. An den Südhängen blühen die Krokusse, die Wiesen wechseln langsam vom Braun ins saftige Grün. Die Natur stellt um auf Frühjahr. Ganz hinten im Talschluss, bei der Kapelle St. Johann in Ranui, geht’s los. Auf schneefreier Forststraße durch den Wald, am Bach entlang, immer dem Sommerweg folgend Richtung Mittagsscharte. Bald sieht man sie schon: eine tiefe Kerbe in dem gezackten Felskamm der Geislerspitzen. In Spitzkehren geht es das große Kar hinauf. Zuerst flach, dann immer steiler. Laut Karte hat die enge Rinne unterhalb der Mittagsscharte deutlich über 40 Grad Hangneigung. Da braucht es sichere Lawinenverhältnisse. Vor zwei Tagen hat es geschneit. Der Lawinenlagebericht für meinen Tourentag und diese Region meldet Stufe zwei: mäßige Lawinengefahr. Es gibt eine Spur, aber die ist vom Vortag. Heute ist niemand unterwegs. Allein in einem fremden Gebiet. Und auf einmal ziehen Wolken auf.

Fünf Minuten später hat sich der Wolkenfetzen verzogen. Die Sicht ist wieder da. Es geht weiter das steile Kar hinauf Richtung Mittagsscharte. Neu einspuren. Immer drängender bohrt die Frage in meinem Kopf: Ob der Hang wohl hält?

Der örtliche Lawinenwarndienst weist für diesen Tag ein Altschneeproblem aus: „Im oberen Teil der Schneedecke sind störanfällige Schwachschichten vorhanden, v.a. an West-, Nord- und Nordosthängen oberhalb von rund 2400 m.“ Um so eine Schwachschicht zu finden, muss man in die Schneedecke schauen: Schneeprofil und Blocktest sind angesagt.

Beim Blocktest gräbt man eine Schneesäule aus und klopft oben oder seitlich dagegen. Je leichter eine Schneeschicht abrutscht, desto größer ist, vereinfacht gesagt, die Lawinengefahr. Besonders schnell passiert das, wenn Schwachschichten in der Schneedecke verborgen sind. So wie heute: Aus dem Schneeprofil rieseln, knapp 30 Zentimeter unter der Oberfläche versteckt, lockere Kristalle wie Styroporkugeln heraus: Graupel. Er wirkt wie ein Kugellager: Alles gleitet darauf ab. Das zeigt auch der Rutschblock.

Nach 25 Zentimetern löst sich die oberste Neuschneeschicht. Was im mäßig steilen Gelände noch nicht so tragisch ist, wird bei 40 Grad Hangneigung schnell lebensgefährlich. Je steiler der Hang, desto leichter löst sich ein Schneebrett. Der Aufstieg ist hier zu Ende. Aus dem schönen Ziel der Mittagsscharte wird heute nichts. Es ist zu gefährlich.

Was bleibt, ist eine schöne Abfahrt: Oben Pulverschnee, unten tragender Harschdeckel, dazu eine eindrucksvolle Kulisse. Trotz der Umkehr ein gelungener Ausflug hier im Villnösstal, unterhalb der Geislerspitzen. Irgendwann bestimmt nochmal, der Berg steht ja noch länger.

Karte: Die Geislerspitzen

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Die Geislerspitzen


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