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Traumabewältigung in der Traumlandschaft der Berchtesgadener Alpen Skitour auf den Hohen Göll

Jetzt, wo der Winter in den Bergen nochmal in die Verlängerung gegangen ist, werden insbesondere die höheren Skitourenziele in den Bayerischen Alpen interessant. Es sind Ziele wie zum Beispiel der Hohe Göll. Der 2522 Meter hohe Grenzberg ragt im Osten der Berchtesgadener Alpen auf. Mit von der Partie waren Bergsteiger, für die der Aufstieg ein Stück Traumabewältigung ist, denn vor rund drei Jahren haben sie ein schweres Unglück in der Göll-Ostwand überlebt.

Von: Kilian Neuwert

Stand: 17.04.2021

Traumabewältigung in der Traumlandschaft der Berchtesgadener Alpen | Bild: BR; Kilian Neuwert

Durch das Alpeltal auf den Hohen Göll – das ist eine wunderschöne Route und ein echter Klassiker in den Berchtesgadener Alpen.

Tragepassagen gilt es im Aufstieg zu bewältigen

1400 Höhenmeter Aufstieg liegen vor Franz Althuber als er am Morgen am Parkplatz steht. Franz prüft die Lawinenpiepser seiner Freunde Bianca und Christoph. Die Tour führt zunächst durch dichten Wald bis unter eine Felswand. Hier heißt es nun Abschnallen. Über ein Felsband mit Seilversicherung geht es zu Fuß weiter, die Skier müssen die Freunde tragen und folgen dabei einigen Stapfspuren, die zeigen, dass hier schon ein paar Leute vor uns unterwegs waren. Wer noch nicht so viel alpine Erfahrung hat, dem sind Steig- oder Harscheisen angeraten, zumal man sich hier im Absturzgelände befindet und Ausrutschen fatal wäre. Danach aber beginnt der richtig schöne Teil der Skitour.

Wer die ersten Steilstufen gemeistert hat, kann schönes Skigelände genießen

Als Grenzberg steht der Hohe Göll im Osten der Berchtesgadener Alpen. Die Skitour von deutscher Seite ist anspruchsvoll, aber nicht extrem – vor allem aber wunderschön. Für Franz ist „der Göll“ ein besonderer Berg: Im Winter 2018 hat er gemeinsam mit einem Bergkameraden einen Absturz in der Göll-Ostwand überlebt. Die Ostwand zieht von der Österreichischen Seite zum Gipfelgrat hinauf, ist bis zu 50 Grad steil und gilt unter Skibergsteigern als legendäre Firnwand. Auch für seine Begleiter und Freunde Christoph und Bianca ist die Tour – Jahre nach dem Unglück – etwas Besonderes – und alle hoffen, dass sie heute mit einem guten Gefühl herunterfahren werden und einfach einen guten Tag zusammen haben.

Gipfelgruß am Kuchler Kreuz. Nur wenige Meter entfernt liegt der Ausstieg aus der Ostwand

Tatsächlich war es knapp im Winter 2018: Bei zunächst guten Verhältnissen steigen Franz und sein Bergkamerad Tom, der wegen einer Verletzung nicht auf der heutigen Tour dabei sein kann, in die Ostwand ein und kommen recht gut voran. Dann aber zieht es relativ schnell zu und beginnt zu schneien. Auf den letzten 300 Höhenmetern nach oben stecken beide dann schon im Nebel. Die Schlechtwetterfront, die den Göll in diesem Moment erreicht, war angekündigt, sollte jedoch erst Stunden später eintreffen. Die beiden erfahrenen Skibergsteiger hatten sich ganz auf den Wetterbericht verlassen und mussten plötzlich ungeplant abwägen: zurück oder weiter? Sie wählten den Weiterweg, weil die Sicht schlechter wird in der steilen, felsdurchsetzten Rinne, zumal sie die Abfahrt auf der anderen, der deutschen Seite des Gölls, gut kennen. Als sie den direkten Ausstieg aus der Rinne erreichen, kommen schon Spindrifts. Franz tritt in dem bis zu 50 Grad steilen Gelände eine Spur in den Schnee. Als er fast am Gipfelgrat steht, bricht neben ihm eine Schneewechte ab. Meterbreit hat sie die Ostwand – einem Damoklesschwert gleich – überragt. Es folgt ein elendig langer Sturz. Schläge prasseln auf Franz und Tom ein, sie sind sich sicher, dass sie das nicht überleben werden. Beide stürzen rund vierhundert Meter ab. Das Gelände ist so steil und felsdurchsetzt, dass ein Überleben extrem unwahrscheinlich ist. Dennoch geschieht das Unerwartete: Sie bleiben schwerverletzt mitten in der Wand liegen und können noch aus eigener Kraft die Bergwacht alarmieren. Die Rettung per Helikopter gelingt gerade noch, bevor sich die Wolken weiter absenken und das Fliegen unmöglich machen.

Das Göllmassiv von Österreich aus gesehen

Der Tatsache, dass ihnen quasi ein neues Leben geschenkt wurde, fühlen sie sich verpflichtet. So ist Tom heute etwa bei der Bergrettungsmannschaft aktiv, die den beiden damals geholfen hat. Ins Gebirge gehen er und Franz nach wie vor, obwohl sie kurz nach ihrem eigenen Unfall drei Freunde in den Bergen verloren haben. Verändert hat sich aber ihr Zugang zum Bergsteigen. Bei beiden ist Demut zu spüren und die Erkenntnis, dass auch ein normaler Skitourentag – wie etwa auf der üblichen Route hinauf zum Hohen Göll – erfüllend sein kann. Hauptsache ein schönes Erlebnis und ein schöner Tag!

Karte: Der Hohe Göll

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Der Hohe Göll


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