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Erster grenzenloser Lawinenwarndienst Lawinenkunde für Skitourengeher

Jetzt ist die beste Zeit für Lawinenkunde. Das hat sich auch die Alpenvereinssektion Peißenberg gedacht und am vergangenen Samstag die Experten Rudi Mair und Patrick Nairz vom Lawinenwarndienst Tirol eingeladen. Die Tiefstollenhalle im oberbayerischen Peißenberg war gerade groß genug für den Andrang. Über 350 Tourengeher, Freerider und andere Wintersportler wollten sich die „Lawinen-Gurus“ aus Österreich nicht entgehen lassen.

Von: Angela Braun

Stand: 01.12.2018

Lawinenkunde und der erste grenzenlose Lawinenwarndienst | Bild: BR; Angela Braun

„Interessanter als immer nur den Lawinenlagebricht zu lesen, ist es mal in die Tiefe zu gehen“ – so die Meinung vieler Besucher. Und genau da setzen die beiden Tiroler Lawinenexperten Rudi Mair und Patrick Nairz an. Sie erklären die fünf Lawinen-Warnstufen, zeigen eindrucksvolle Bilder von Abgängen und kommen dann zu den von ihnen definierten zehn Gefahrenmustern. Sie sind aufgeteilt in bodennahe Schwachschicht, Gleitschnee, Regen, Kälte auf Wärme, Wärme auf Kälte, Lockerschnee und Wind - um nur einige zu nennen.

Rudi Mair und Patrick Nairz (von links) vom Lawinenwarndienst Tirol mit den Veranstaltern der DAV Sektion Peißenberg

Rudi Mair will vor allem klarmachen, dass es Lawinensituationen gibt, die sich ständig wiederholen. Wenn man das weiß und die Gefahrenmuster erkennt, hat man eine größere Chance, nicht in die Lawine zu geraten. Mair und Nairz kombinieren anspruchsvolle Inhalte mit unterhaltsamen Passagen. Die meisten Lawinenabgänge mit Toten passieren, wenn Altschnee mit im Spiel ist, denn die Altschnee-Problematik ist von außen unsichtbar und liegt innerhalb der Schneedecke. Da hilft nur reingraben und nachschauen, sagt Rudi Mair. Damit ist der normale Skitourengeher allerdings oft überfordert. Er muss sich daher auf den Bericht des Lawinenwarndienstes verlassen können.

Über 350 Interessierte lauschten den „Lawinen-Gurus“ in der Tiefstollenhalle in Peißenberg

In der Pause wird heftig diskutiert. Viele erstaunt die Tatsache, dass eine Lawine ohne äußere Einwirkung abgehen kann, und dass man Lawinengefahr nicht immer klassisch vorhersagen kann – das verunsichert zwar, sollte am Ende aber zu mehr Respekt führen. Dabei ist es gar nicht so schwer, sagen Rudi Mair und Patrick Nairz, sich die einfachsten Regeln gut zu merken. Je nach Gefahrenstufe auf der fünfteiligen Lawinenskala wählt man die Steilheit der Tour aus: Je gefährlicher die Lage ist, desto flacher sollte man unterwegs sein, das heißt zum Beispiel bei Gefahrenstufe 2 nicht über 40 Prozent hinausgehen, bei Stufe 3 nicht über 35 Grad und bei Stufe 4 nicht über 30 Grad. Dann wären 90 Prozent der Lawinenunfälle vermeidbar. Ein gutes Werkzeug, ergänzt Rudi Mair, sind die Hangneigungskarten, die sich jeder im Internet anschauen kann. Die Farben helfen bei der Einschätzung, wie steil das Gelände ist.

Bespiel eines schweren Lawinenunfalls am Geier oberhalb der Lizumer Hütte in den Tuxer Alpen

Die komplette Ausrüstung mit LVS-Gerät, Lawinen-Sonde und Schaufel sollte für alle in der Gruppe gelten. Und man sollte unbedingt aufmerksam sein, wenn einer in der Gruppe ein schlechtes Gefühl hat. Die Kommunikation untereinander ist also enorm wichtig. Und noch eine Devise von Rudi Mair ist der beste Schutz vor Lawinen, sagt Rudi Mair: „Sei schlau und geh mit einer Frau!“ Über 80 Prozent der Verunfallten sind Männer, die Unfallquote bei den Frauen ist deutlich geringer, obwohl inzwischen sehr viele Frauen auf Skitouren unterwegs sind. Doch die Risikobereitschaft der Männer ist ungleich größer.

Vor kurzem ist übrigens das Standardwerk von Rudi Mair und Patrick Nairz mit dem Titel „lawine“ in einer neu überarbeiteten Auflage im Tyrolia Verlag erschienen. Es kostet knapp 30 Euro.

Abgang einer Altschnee-Lawine

Weil Lawinen keine Grenzen kennen, geht in diesem Winter der weltweit erste grenzüberschreitende Lawinenwarndienst an den Start. Unter dem Titel „Lawinenreport“ wird es künftig eine gemeinsame Plattform für Tirol, Südtirol und das Trentino geben.

Am 19. November wurde dieser neue Lawinenreport in Bozen offiziell beschlossen. Der aktuelle Bericht kommt in drei Sprachen heraus und ist unter www.lawinenreport.com abrufbar.

Patrick Nairz und Rudi Mair, Leiter des Tiroler Lawinenwarndienstes im Interview mit BR Reporterin Angela Braun

Rudi Mair, der Leiter des Tiroler Lawinenwarndienstes in Innsbruck, hat diese Plattform angestoßen und ist stolz, dass sie jetzt startet. So lassen sich kleinere Regionen wie zum Beispiel die Stubaier Alpen über Staatsgrenzen hinweg zusammenfassen. Der Schulterschluss der Warndienste von Tirol, Südtirol und Trentino wird aus dem Interregio Fördertopf mit rund 670.000 Euro unterstützt. Eine wichtige Neuerung in diesem Winter ist auch der Zeitpunkt, denn der Bericht erscheint auf Wunsch vieler Bergführer und Hüttenwirte bereits nachmittags um 17 Uhr. Das erleichtert die Tourenplanung für den nächsten Tag. Auch der Bericht der Bayerischen Lawinenwarnzentrale wird ab diesem Winter nachmittags um 17.30 Uhr herausgegeben. Die Website ist „responsiv“, das heißt, sie passt sich dem Bildschirm, Tablett oder Handyformat automatisch an.


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