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Atmosphärenfernerkundung und Tsunami-Frühwarnsystem Umweltforschung im Schneefernerhaus

Im Januar 1931 wurde es als alpines Grand-Hotel in touristisch bevorzugter Südlage rund 300 Meter unterhalb des Zugspitzgipfels eröffnet: das Schneefernerhaus. Ein halbes Jahr zuvor, am 8. Juli 1930, war die Zugspitz-Zahnradbahn in Betrieb gegangen, die Gäste konnten also komfortabel anreisen, um Urlaub auf Deutschlands höchstem Berg zu machen. Als extravagantes Reiseziel für Gäste aus aller Welt wurde das Schneefernerhaus auch nach dem Zweiten Weltkrieg wiedereröffnet, 1952.

Von: Andrea Zinnecker

Stand: 11.07.2020

Das Schneefernerhaus | Bild: M. Neumann UFS GmbH

Doch im Zuge der modernen Tourismus-Industrie direkt auf dem Zugspitzgipfel geriet das Schneefernerhaus immer mehr ins Hintertreffen. 1990 wurde der Hotelbetrieb geschlossen, 1992 auch die Gastronomie. Dann griff der Freistaat Bayern zu und etablierte 1999 im Schneefernerhaus eine interdisziplinäre Umweltforschungsstation, die sich vor allem auch mit dem Klimawandel und seinen Folgen befasst.

12 verschiedene Forschungseinrichtungen und Behörden sind im Schneefernerhaus aktiv – vom Deutschen Wetterdienst über das Landesamt für Umwelt und die Universitäten München und Augsburg bis zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, um nur einige zu nennen. Von den gut 100 Beschäftigten sind aber nur die wenigsten permanent vor Ort, weil die meisten Messgeräte vom Tal aus ferngesteuert werden. In jedem Fall aber ist das Schneefernerhaus ein idealer Standort für die Forschung, sagt der wissenschaftliche Koordinator Professor Michael Bittner, denn zum einen hat man vom Zugspitzgipfel aus den unverbauten Blick hinaus ins Alpenvorland und nach Süden hin das Alpenpanorama vor Augen. Zudem durchschwebt man mit der Eibsee-Seilbahn alle Klimazonen und sieht dabei die Reaktionen der verschiedenen und muss nicht extra in die Polarregionen oder borealen Wälder reisen, um zu sehen, wie diese Bereiche auf den Kimawandel reagieren. Von unschätzbarem Wert ist aber auch der unverbaute Blick ohne Lichtverschmutzung nach oben in die Atmosphäre, weshalb mit speziellen optischen System der Zustand der Atmosphäre bis zum Weltraum gemessen werden kann.

Michael Bittner ist Professor für Atmosphärenfernerkundung an der Universität Augsburg. Klimawandel und Atmosphärenforschung hängen eng zusammen. So reagiert der Alpenraum überproportional sensibel auf den Klimawandel. Der Temperaturanstieg, der sich im Alpenraum an der Erdoberfläche messen lässt, ist doppelt so stark wie im globalen Mittel. In 100 Kilometer Höhe aber, an der Grenze zum Weltraum, ist der Temperauransteig sogar um eine Größenordnung stärker als auf der Erdoberfläche. Die Messung in hohen Atmosphärenschichten kann frühzeitig Veränderungen im Klimasystem der Erde nachweisen.

Die im Schneefernerhaus eingesetzte hochsensible Technologie führt zuweilen auch zu überraschenden und eigentlich unbeabsichtigten Nebenprodukten, ganz aktuell zum Beispiel zu einem Tsunami-Frühwarnsystem für Chile. Dort liegt die Verwerfungszone der Erdplatten nämlich nur 250 Kilometer vor der Küste und die erreicht ein Tsunami dann binnen 15 Minuten. Die seismischen Geräte lösen ab Erdbebenstärke 7 einen Tsunami-Alarm aus, der sich sehr oft als Fehlalarm herausstellt, weshalb die Bevölkerung den Alarm nicht mehr ernst nimmt. erzeugt ein Erdbeben tatsächlich einen Tsunami, dann heben sich die Wassermassen auf dem Ozean großflächig an oder sinken ab und pressen dabei die Luft auseinander oder zusammen. Diese Störung breitet sich in der Atmosphäre sehr schnell in Form einer Schallwelle aus, erklärt Professor Michael Bittner. Weil der Luftdruck in der Atmosphäre exponentiell mit der Höhe abnimmt, wird die Lautstärke dieser Schallwelle in zunehmender Höhe immer stärker. In 100 Kilometer Höhe ist diese Druckschwankung dann so stark, dass sie die Temperatur verändert – und diese Temperaturveränderung lässt sich mit den hochsensiblen Geräten, die auf der Zugspitze stehen, messen. So können die Geräte, die im Schneefernerhaus entwickelt wurden, um dem Klimawandel auf die Spur zu kommen, eingesetzt werden, um zu prüfen, ob ein Erdbeben einen Tsunami ausgelöst hat oder nicht. Oder anders gesagt: Dank der Zugspitze gibt es seit kurzem einen Technologie-Export aus Bayern nach Chile für ein Tsunami-Frühwarnsystem der nächsten Generation.

Ob aber die nächste Generation an Menschen noch den Schneeferner auf der Zugspitze sehen wird? Michael Bittner bezweifelt das. Plakaten aus den 1930er-Jahren zeigen, dass der Schneeferner bis zum Eingang ins Schneefernerhaus hinaufreicht. Heute muss man beim Verlassen der Umweltforschungsstation aufpassen, dass man nicht in ein 30 Meter tiefes „Loch“ fällt, denn wo eist der Gletscher war, ist nur noch eine Geröllfläche mit einer tiefen Kuhle. An einem einzigen trockenen Sommertag verliert der Schneeferner heute so viel Wasser wie die Stadt Augsburg an einem Tag verbraucht, resümiert Michael Bittner. Weil dieses verlorene Wasser nicht mehr in Form von Eis und Schnee nachkommt, rechnen die Forscher damit, dass der Schneeferner noch im Verlauf dieser Dekade vollständig verschwindet.

Warm- und Kaltzeiten hat es im Lauf der Erdgeschichte immer gegeben, insofern ist der Klimawandel etwas ganz Normales, aber, so Professor Bittner, es ist keine Phase in der Erdgeschichte bekannt, in der die Temperatur auf unserem Planeten in so kurzer Zeit so stark angestiegen ist. Das hat mit dem erhöhten CO2-Ausstoß zu tun, der wiederum die Temperatur in die Höhe treibt. Allerdings gibt es jetzt in der Corona-Pandemie auch eine andere spannende Beobachtung: Der Lockdown hat die Schadstoffe in der Atmosphäre über Bayern deutlich, das heißt messbar reduziert, und zwar um 40 Prozent. Dabei sind die Kraftwerke außen vor, denn die Stromversorgung ist während des Lockdown weitergelaufen.

Auf den Boden der Tatsachen bringt die Umweltforscher im Schneefernerhaus aber nicht nur das diffizile System der Messungen, sondern zuweilen auch der Massentourismus, schmunzelt Michael Bittner. Die hochpräzisen Messungen mit Massenspektrometern können zwar ein Teilchen in einer Million Teilchen nachweisen, doch zu sehen sind dann die Ausdünstungen von Currywurst, Pommes Frites und Zigarettenqualm. So freuen sich die Forscher über schlechtes Wetter, weil sich dann weniger Touristen auf der Zugspitze tummeln.

Mehr über die Umweltforschungsstation im Schneefernerhaus und über die offizielle Erstbesteigung der Zugspitze vor 200 Jahren hören Sie heute in der Sendereihe „Zeit für Bayern“ hier auf Bayern 2 um 12.05 und um 21.05 Uhr.


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