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Unterwegs in Bayerns kleinstem Naturpark Die Steinwald-Radrunde in der Oberpfalz

Der Name ist Programm: Stein und Wald, Felsburgen und Kletterfelsen in großer Dichte rund um die Große Platte, der mit 946 Metern höchsten Erhebung im Steinwald. Er ist klein, aber fein - Bayerns allerkleinster, nur 246 Quadratkilometer großer Naturpark am Südrand des Fichtelgebirges, aber noch komplett im Landkreis Tirschenreuth in der Oberpfalz gelegen.

Von: Christoph Thoma

Stand: 12.05.2018

Unterwegs in Bayerns kleinstem Naturpark | Bild: BR; Christoph Thoma

Der Steinwald ist ein Dorado für Wanderer, Kletterer, Feinschmecker und Radfahrer gleichermaßen. Die Gourmets kommen wegen der Karpfen ins „Land der 1000 Teiche“, die Kletterer freuen sich über gut zwanzig Kletterrouten an Räuber-, Vogel- und Ratfelsen mit Schwierigkeitsgraden von 1 bis 8+, und die Biker nehmen zum Beispiel lustvoll die 63 Kilometer lange „Steinwald-Radrunde“ unter die Stollenreifen, noch immer eine Art Geheimtipp für Tourenrad- und Mountainbiker.

Mit Stefanie Wenisch in den Mauern der Burgruine Waldeck

Im Mittelalter wachten 625 kleine und große Burgen über die Oberpfalz. Das Burgenland liegt - eigentlich - in Bayern. Überblick verschafft die 900 Jahre alte Burgruine Waldeck, die Stefanie Wenisch allen Radfahrern zum Aufwärmen empfiehlt. Der Blick geht Richtung Ochsenkopf und Schneeberg. Friedenfels heißt nicht nur so, die Ortschaft am Steinwald-Radweg besticht durch ihre friedliche Ruhe. Schloss und Schlosskirche, Brauerei und Schlosswirtschaft prägen das Bild des staatlich anerkannten Erholungsortes.

Die Leih-Fahrräder werden direkt zur Pension in Friedenfels gebracht

Es ist früh am Morgen. Leihräder werden uns vom Tourismuszentrum des Landkreises direkt zur Pension gebracht, wo die leidenschaftliche Wirtin Sabine Friebus die Frühstückseier mit Smileys bemalt. Bike-Führer ist Rudi Ehstand, der die Radwege im Steinwald wie seine Hosentasche kennt. Kreuz und quer durch den Steinwald führen die gut markierten Pfade, auch ambitionierte Mountainbiker kommen auf ihre Kosten. Der Steinwald-Radweg bzw. die Steinwald-Radrunde bietet ideales Gelände für stromlose Puristen und zunehmend auch E-Bike-Nutzer. Vor allem in gemischten Gruppen ist es oft eine Erleichterung für die Schwächeren im Team, wenn sie bei den Anstiegen ein bisserl „geschoben“ werden und so gut mithalten können.

Kurze Pause an der Haferdeck-Mühle und dem Haferdeck-Weiher

Der Weg ist teils geschottert, teils befestigt. Raps duftet, Flieder blüht, frischer Wind streicht über taufeuchten Wiesen, und immer wieder Tümpel und Teiche. In Muckenthal gibt es deutlich mehr kleine und große Fischteiche als Bauernhöfe, erzählt lächelnd Fabian Polster, Projektmanager des EU-Fischwirtschaftsgebietes Tirschenreuth: „Es gibt hier zwei sogenannte Teichpfannen mit insgesamt mehr als 4500 Teichen.“ Die Große Teichpfanne liegt wie ein Suppenteller zwischen Tirschenreuth, Wiesau, Mitterteich und Falkenberg, die Kleine Teichpfanne umkränzt die Stadt Kemnath. Im Frühjahr werden die Fische eingesetzt und im Oktober und November dann die berühmten Oberpfälzer Speisekarpfen herausgeholt.

Die doppeltürmige Wallfahrtskirche Fuchsmühl ist weithin sichtbar

Wir machen uns auf den ersten längeren Anstieg. Er führt nach Fuchsmühl, wo auf dem Höhenzug die doppeltürmige Wallfahrtskirche Maria Hilf thront. Das barocke Gotteshaus mit Marienaltar wurde 1712 bis 1725 an der Stelle einer 1688 von dem Lehensgutsbesitzer von Fuchsmühl, Freiherr von Froschheim, gestifteten Kapelle errichtet. Die beiden Türme waren früher höher, sie wurden aber mehrmals durch Stürme abgedeckt und im 19. Jahrhundert zum Teil abgetragen. Die Pilger kommen seit 1642 bis aus Prag, Nürnberg oder Regensburg zur Muttergottes von Fuchsmühl. Im Dorfladen verköstigen sie sich mit typischen Brotzeiten. Am Sonntag, 15. Juli, wird schon zum sechsten Mal die Fuchsmühler Radlwallfahrt organisiert. Nach dem Festgottesdienst um 10.15 Uhr werden die Räder gesegnet.

Die Panorama-Darstellung im Infozentrum Fuchsmühl hilft bei der Orientierung

Bürgermeister Wolfgang Braun, der auch Mitglied der Bergwacht ist, freut sich über die zunehmende Zahl an Bikern auf dem Steinwald-Rundweg, aber auch darüber, dass die Wanderwege und die beachtlichen Kletterfelsen zwischen Roßkopf und Platte immer mehr Beachtung finden, sind sie doch das Herz des Steinwalds. Der „Gipfel“ unserer Runde ist mit 733 Metern zwischen Fuchsmühl und Waldershof erreicht. Nicht nur, weil es ab da bergab geht, laufen die Räder schneller. Es ist wohl auch der Stallgeruch, denn in Waldsassen ist „Ghost“ daheim, und in Waldershof „Cube“, zwei renommierte Bike-Hersteller. Beim kurzen Werksbesuch von „Cube“ in Waldershof erzählt Marketingleiter Marko Haas: „Wir sind tatsächlich direkt am Steinwald-Radweg, feiern dieses Jahr unser 25-jähriges Jubiläum, haben 450 Beschäftigte und sind mittlerweile mit über 550.000 gebauten Fahrrädern pro Jahr der größte deutsche Radhersteller.“

Auf die Beschilderung ist immer Verlass

Zwölf Kilometer hinter Waldershof steuert Rudi Ehstand eine Lichtung an: ein Wasserrad, zwei kleine Häuser. In der 300 Jahre alten Glasschleif von Pullenreuth macht Norbert Reger dann aber doch ziemlich Lärm. Mit großem Aufwand hat der „Verein Steinwaldia“ die historische Produktionsstätte saniert. Vorsitzender Norbert Reger ist stolz darauf, dass hier anschaulich am Leben erhalten wurde, was 1786 begann: „Das Rohglas kam aus Böhmen, weil in Ostbayern das Holz ausging. So kam es zu einer Art frühen Arbeitsteilung mit Glaserzeugung in Böhmen, Schleifen und Polieren in der Nördlichen Oberpfalz und Verspiegelung in Fürth.“

Hinter jeder Kurve ein neuer Blick: entlang der Mäander der Waldnaab

Der schönste Teil der Steinwald-Runde führt auf kurvigen, schmalen Wegen durch das Tal der Fichtelnaab, begleitet von leisem Plätschern. Ein Falke rüttelt über Löwenzahnwiesen, der Kuckuck ruft und hinter jeder Krümmung des Weges warten neue Landschaften. Die Fichtelnaab ist der 42 Kilometer lange, westliche Quellfluss der Waldnaab. Sie entspringt am Südosthang des Ochsenkopfes. Beliebt ist das Flüsschen auch bei Kajak-Fahrern. In der Oberpfalz fließt die Fichtelnaab, die einst auch Krumme Naab hieß, durch Trevesen am Fuße des Armesberges. Drahthammer, Thumsenreuth, Unterneumühle – die Namen erzählen Geschichten. Im „Gasthaus Reiserbesen“ kurz vor Erbendorf, mit Biergarten am Flussufer, gönnen wir uns noch ein typisches Oberpfälzer Zoiglbier. Das „Zoigl“ ist auch so ein Naturerlebnis für Genießer, denn das untergärige Bier wird in einem Gemeinschaftsbrauhaus für alle Brauberechtigten eines Ortes produziert. Der sechszackige Zoiglstern, an einer Stange vor dem Haus angebracht, zeigt an, dass man hier gerade „Zoigl“ ausschenkt und dazu schmackhafte Brotzeiten anbietet.

Immer wieder sind Schlösser und Burgen wunderbare Fotomotive…

Die Schlussetappe führt uns von Erbendorf wieder leicht ansteigend auf schattigen Waldwegen zurück zum Ausgangort. Hinter der Unterneumühle sieht man schon die Silhouette des Schlosses Friedenfels. Mit vielen lohnenden Stopps haben wir für die „Steinwald-Radrunde“ gut sechs Stunden gebraucht. Kultur und Kulinarik bestimmten den Rhythmus.

Biker nutzen gern die Bahnverbindung Regensburg-Hof und beginnen die „Steinwald-Radrunde“ unmittelbar am Bahnhof Wiesau. Es kann aber auch in Fuchsmühl, Waldershof, Pullenreuth oder Friedenfels losgehen. Umfangreiche Informationen und Kartenmaterial bekommt man gratis unter www.oberpfaelzer-wald.de und www.naturpark-steinwald.de

Friedenfels


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