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Über zugefrorene Seen zu alten Holzkirchen Langlaufen in Karelien

Wer den klirrend-kalten Winter sucht, der findet ihn garantiert in Russisch-Karelien. Denn rund um die karelische Hauptstadt Petrosawodsk – sie ist überhaupt die einzige Stadt dort oben – liegt an bis zu 200 Tagen pro Jahr Schnee. Wegen der extrem frostigen Winter leben nicht viele Menschen in dieser Region. Eine Langlauftour auf dem Onega-See wird daher schnell zu einem Trip in die absolute Einsamkeit der eisigen russischen Wildnis.

Von: Folkert Lenz

Stand: 27.01.2018

Über zugefrorene Seen zu alten Holzkirchen | Bild: BR; Folkert Lenz

Pjotr ist im Blindflug-Modus. Nasser Schnee klatscht waagrecht gegen die Frontscheiben, während sich sein merkwürdiges Gefährt mit Getöse durch den Nebel, über kleine Wasserläufe und durch Schneewehen schiebt.

Mit dem Luftkissenboot durch Nebel und Schneetreiben

Pjotrs Luftkissenboot fungiert im Winter als Omnibus auf dem Onega-See, und zwar für Menschen, die weg wollen aus der winterliche Einöde der karelischen Inselwelt. Eineinhalb Stunden dauert die 60 Kilometer lange Reise nach Sennaja Guba. Wenn überhaupt etwas durch die beschlagenen Scheiben der Passagierkabine zu sehen ist, dann nicht mehr als eine große weiße Ebene. Die Einheimischen sagen, dass man ab 18 Zentimeter Eisdicke gut mit dem Auto darauf fahren kann. Bei den derzeitigen Temperaturen bis zu minus 20 Grad nachts, ist das Eis an die 50 Zentimeter dick, also bestens befahrbar und begehbar.

Der karelische Winter hat es in sich.

Mit Reiseleiter Pedro Oehme, dem Mann aus dem Erzgebirge, geht es nun auf das Eis des zweitgrößten europäischen Sees - ein tolles Terrain für ausgedehnte Skiwanderungen. Doch erst einmal heißt es „Einchecken“ bei Mischa. Michail Lupin wartet schon am Ufer, als das Propellerboot in die Bucht fährt. Der 53-Jährige lebt gegen den Trend, denn die umliegenden Dörfer sind längst verlassen. Mischa und seine Frau Olga haben sich aber ganz bewusst für diese Einsamkeit entschieden und vier Blockhäuser zwischen Birken und Kiefern gestellt. Die Häuschen sind gelbe und blaue Farbtupfer am Wasser und eine Unterkunft für Touristen, sofern mal welche kommen. Im Sommer Myriaden von Mücken, im Winter Eiseskälte – das muss man wirklich ertragen können.

Auf Ski kommt kaum jemand zum Weltkulturerbe auf Kischi

Mischas Hütten liegen ideal für Ausflüge auf Langlaufskiern. In jede Himmelsrichtung kann man seine Spuren ziehen, auch wenn man hier allerdings keine Loipe erwarten darf, auch nicht auf dem Winterweg zur einzigen offiziellen Sehenswürdigkeit weit und breit: den legendären Holzkirchen von Kischi. Die Route dorthin führt an schwarz-weißen Bojen entlang, die scheinbar verloren auf dem Eis liegen und das Fahrwasser der Schiffe im Sommer markieren. Plötzlich tauchen dann die schindelgedeckten, jahrhundertealten Zwiebeltürme des Kirchspiels von Kischi auf. Nur knapp 5000 Besucher finden während des langen Winters den Weg zur Weltkulturerbe-Stätte Kischi, die meisten kommen mit Schneemobilen.

Das Dach der Kirche von Longasi ist schon vor langer Zeit eingestürzt

Dass weite Landstriche Kareliens mittlerweile menschenleer sind, bestätigt auch Artjom, der Touristenführer. Viele Bauern migrieren, so erzählt er, nach Sankt Petersburg und in andere Städte. Viele alte Dörfer sind verlassen und verkommen, intakte Häuser werden nur noch im Sommer bewohnt. Auch bei der nächsten Langlauftour ins nahe Longasi zeigt sich, dass es die Menschen in die Städte zieht. Hin und wieder sind noch karelische Bauernhäuser mit prächtigen Holzverzierungen bestaunen. Die meisten Hütten aber sind baufällig, das Dach der Kirche ist schon vor Jahren eingestürzt - eine Geisterstadt in der endlosen russisch-karelischen Weite.

Jetzt fahren wir übern See. Im Sommer tun das hier die Schiffe.

Für Wildnis-Fans ist der zugefrorene Onega-See ein Paradies. Auch im zehn Kilometer entfernten Lelikowo, einem ehemaligen Fischerdorf, wohnt im Winter fast niemand mehr. Pedro Oehme hat den Schlüssel für die alte Kirche in seiner Tasche, und so kann man auf den Turm bis in den Glockenstuhl klettern. Der Rundum-Blick von der Plattform neben der Kirchenglocke schweift in pure Einsamkeit.

Der Onega-See


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