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Monolith aus Rätkalk im Lechquellengebirge Klettertour auf die Roggalspitze

Es gibt Berge, die einfach durch ihre besondere Gestalt beeindrucken und bei denen man sofort sieht, dass es nicht so einfach ist, hinaufzukommen. So ein Berg ist auch die 2673 Meter hohe Roggalspitze im Lechquellengebirge oberhalb von Lech am Arlberg. Der Normalaufstieg an diesem Monolith aus Rätkalk ist eine ziemlich wüste Krabblerei durch brüchige Rinnen. Die meisten aber kommen wegen der legendären Nordkante zur Roggalspitze - einer der Kletterklassiker in den Nördlichen Kalkalpen.

Von: Georg Bayerle

Stand: 11.07.2020

Monolith aus Rätkalk im Lechquellengebirge | Bild: BR; Georg Bayerle

Morgens am Einstieg - es ist schattig und kalt, der graue Kalk steilt wuchtig gerade empor.

Geräumiger Gipfel

Emma, am Seil mit ihrem Vater Bernd turnt ganz souverän die luftige Kante hinauf. Aber Eindruck macht die Nordkante trotzdem. „Ein Riesenkristall, glattwandig und scharfkantig, ein gigantischer Obelisk aus Riffkalk. Ein gotischer Felsendom, dessen Pfeiler hellschimmernd zum Himmel streben – als zwingender Aufruf für jeden Gipfelstürmer“ – für diese heute vergessene Alpinpoetik kann der alte Rother-Alpenvereinsführer und sein Autor Walther Flaig gar nicht genug bewundert werden! Für Vanessa und ihre Kleterfreunde ist das nichts. Sie sind eine Etage tiefer unterwegs und haben es sich gerade auf grünen Matten zum Frühstück gemütlich gemacht. Biberacher und Freiburger Hütte haben sie bereits hinter sich und sind heute Früh wie auch die Kletterer von der Ravensburger Hütte aufgebrochen.

Standplatz in der Mitte der Plattenzone

Bäche, welligen Wiesenflächen und wildwüste Kalkgipfel prägen das Lechquellengebirge. Mit David und Katharina will auch eine Klettergruppe der DAV-Sektion Oberer Neckar auf die Roggalspitze. „Trad-Klettern“ nennen die sportklettertechnisch austrainierten Jungen so eine Tour: 9 Seillängen, im Wesentlichen immer an der Kante einer durch die geologischen Kräfte der Alpenfaltung senkrecht aufgestellten Kalkbank eines ehemaligen Meeresriffs hinauf; ungefähr 300 Höhenmeter. Gleich am Anfang geht es mit eisig klammen Fingern durch einen unangenehm geschichteten, kalten Riss. Ich bin froh, dass ich Peter dabeihabe, mit 24 ist er in Topform und hat keine Probleme, wenn er einige leicht überhängende Aufschwünge voraussteigt.

Tiefblick auf die Ravensburger Hütte

Nichts für schwache Nerven sind die Tiefblicke hinunter ins schattig-graue Felsenloch zur Linken, über dem wir da hinaufturnen. Klettertechnisch zwar nicht schwieriger als IV+ - das ist für die heutige gut trainierte Klettergeneration kein Problem, aber eben doch in wilder, alpiner Umgebung. Rund vier Stunden sind wir unterwegs, dann sitzen alle lässig und zufrieden auf dem erstaunlich großzügigen Gipfelplateau mit 360-Grad Blick über die Lechtaler Alpen, das Bodenseegebiet, Rätikon, Silvretta und weit darüber hinaus. Lohn aller Mühen - oder wie Walther Flaig dichtete: „Eine begeisternde, ausgesetzte Kantenkletterei; nur ein Banause kann sich der Tatsache verschließen, dass hier das geologische Gerüst selbstherrlich jeden Schritt, Tritt und Griff des Bergsteigers bestimmt“. Das ist natürlich Retro-Wording für eine auch im 21.Jahrhundert einfach nur faszinierende Trad-Kletterei, bei der ich diesmal öfters tief durchgeatmet habe!

Der wüste Abstieg mit großer Steinschlaggefahr führt durch eine mürbe Schuttrinne tief in die geologische Vorzeit hinein. Die Hände gleiten über versteinerte Korallenbänke und haufenweise Muscheln. Das führt noch einmal deutlich vor Augen, dass dieser Klasse-Kletterfels aus Rätkalk einst aus einem tropischen Meer aufgestiegen ist; umspült von den sanft gewellten Wiesen, wo neben dem Weidevieh die Murmeltiere leben.

Karte: Die Roggalspitze

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Karte: Die Roggalspitze


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