6

Klettern mit Schwierigkeitsskala T 4 Schreckhornhütte und Schreckhorn in den Berner Alpen

Sie liegt etwas versteckt und selbst eine Mobilfunk-Verbindung gibt es – ungewöhnlich für Schweizer Verhältnisse – nicht: die Schreckhornhütte bei Grindelwald im Berner Oberland. Die Hütte ist schon ihrer Lage wegen weniger bekannt als etwa die benachbarte Konkordiahütte am Aletsch-Gletscher. Immerhin zählt der Hüttenzustieg zu den schönsten in den Alpen. Anfangs, im 19. Jahrhundert, als vor allem die Engländer dort hinauf gewandert sind, ließ sich der Platz recht einfach über den Unteren Grindelwald-Gletscher erreichen.

Von: Andreas Burman

Stand: 21.08.2020

Der ist heute durch den Klimawandel stark zurückgegangen und den aktuellen Weg, am Berg entlang, hat der Schweizer Alpen Club SAC auf der sechsstelligen Schwierigkeitsskala mit „T 4“ eingestuft. Doch es lohnt, die Mühen des rund vierstündigen Aufstiegs über 1500 Höhenmeter bis zu der 2530 Meter hoch gelegenen Hütte am Fuß des Schreckhorns auf sich zu nehmen.

Eine Stelle, an der mal kurz ein wenig abgeklettert werden muss, ehe es wieder steil aufwärts geht

Morgens um halb zwei gibt es Frühstück für die Schreckhorn-Aspiranten. Wer auf das Strahlegghorn möchte, frühstückt um halb fünf und die Hüttenwanderer sind um sieben Uhr dran. Danach heißt es Saubermachen, Reparieren, Geräte warten, Kochen, Backen, Bestellungen für die wöchentliche Heli-Lieferung notieren – da kommen schon mal 17 Stunden zusammen. Zur Entspannung greift Ludivina gerne zu einem Buch oder hört Musik, ihr Bruder Richi gönnt sich am späten Vormittag mal kurz im Liegestuhl das herrliche Breitwand-Panorama mit Eiger, Fiescher-, Finsteraar-, Lauteraar- und Schreckhorn vor der Hütte.

Die Schreckhornhütte steht am Fuß des Bergs

Das 4078 Meter hohe Schreckhorn in den Berner Alpen bei Grindelwald ist der nördlichste Viertausender nicht nur der Alpen, sondern ganz Europas. Schon 1729 hat Albrecht von Haller in seinem berühmten Gedicht „Die Alpen“ von des „Schreckhorns kaltem Haupt“ geschrieben. Alpinisten fasziniert die Pyramide des Schreckhorns seit jeher, auch wenn der wohl schwierigste Viertausender der Berner Alpen immer ein wenig im Schatten der berühmten Eiger-Nordwand steht. Dabei ist das Schreckhorn Berg gar nicht so schrecklich Seinen Namen hat der Berg von den – wie der Schweizer sagt - steil empor schreckenden Flanken.

Kurz nach 1 Uhr 30 stehe ich vor der Schreckhornhütte und schaue gespannt in den Nachthimmel. Noch vor vier Stunden ist ein Gewitter niedergegangen. Auch Marco Bomio, mein Grindelwalder Bergführer, sieht prüfend hinaus, zögert und entscheidet dann zu gehen. Wir verlassen die Hütte nicht bergauf, sondern erstmal bergab und steigen im Licht der Stirnlampen die etwas rutschige Seitenmoräne zum Oberen Eismeer-Gletscher hinab. Etwa einhundert Meter tiefer und zwanzig Minuten später weisen zwei Schilder mit reflektierenden Pfeilen auf die Stelle, an der wir den Gletscher verlassen müssen - eine sinnvolle Orientierungshilfe von Schreckhorn-Hüttenwart Richi. Ein kleines Fixseil erleichtert den Aufstieg, es geht 700 Höhenmeter in schmalen Kehren und durch Geröll hinauf zum Rand des Schreckgletschers auf 3200 Meter Höhe. Jetzt heißt es Steigeisen anziehen, weil der Gletscher viele blanke Stellen hat.  

Ein steiles schmales Band zum Klettern und Gehen oberhalb der Schulter

Langsam graut der Morgen, westlich von uns bewegen sich am Eiger kleine Lichter den Mittellegigrat hinauf. Zu unserer Rechten ist oberhalb der Schrecksattel zu sehen. Über ihn gelang die Erstbesteigung des Schreckhorns Mitte August 1861 durch den Engländer Leslie Stephen und drei Schweizer Begleiter. Das insgesamt etwa einen Kilometer lange Halbrund mit seinen wie von einer Gabel längs gefurchten Felsrippen verbindet das Schreck- mit dem Lauteraarhorn. Gegen 6 Uhr erreichen wir unsere Einstiegsstelle ins Felsgelände und müssen den Bergschrund überwinden, der in den letzten Jahren und vor allem in der zweiten Saisonhälfte immer schwieriger geworden ist. Mit einem großen Schritt wechseln wir über den tiefen Schlund vom Eis auf eine schmale Leiste am plattigen Fels. Auf einem komfortablen Band gleich darüber lassen wir Steigeisen, Pickel und Stöcke zurück. Läge noch genug Schnee, könnten wir die nächsten etwa dreihundert Höhenmeter über die schräg ansteigende sogenannte Rampe machen. Jetzt ist sie jedoch trocken und steinschlag-gefährdet. Links von ihr, im steilen Fels aus sogenanntem Erstfelder Gneis, dauert der Aufstieg etwas länger, ist aber sicherer und hat Bohrhaken. Die letzten 300 Höhenmeter teilen sich in zwei Aufschwünge mit feiner Kletterei in bestem Fels.

Plötzlich lehnt sich die Aufstiegslinie zurück und Minuten später stehen Marco und ich auf dem Gipfel des Schreckhorns. Auf dem Gipfel scheint die Sonne, der Eindruck ist gewaltig. Neben dem zerklüfteten Verbindungsgrat zum Gipfel des knapp 40 Meter niedrigeren Lauteraarhorns ziehen vor allem die schnittigen Flanken von Finsteraarhorn, Fiescherhorn und Eiger den Blick auf sich. Nach einer Viertelstunde beginnen wir den Abstieg mit etlichen Abseilstellen. Als ich spät am Abend zurück in Grindelwald eintreffe, habe ich insgesamt 19 Stunden mit rund 2000 Aufstiegs- und 3300 Abstiegsmetern in den Beinen.

Mehr Informationen gibt es unter www.sac-basel.ch/schreckhornhuette

Karte: Die Schreckhornhütte

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Karte: Die Schreckhornhütte


6