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Klettern mit Schwierigkeitsskala T 4 Schreckhornhütte und Schreckhorn in den Berner Alpen

Sie liegt etwas versteckt und selbst eine Mobilfunk-Verbindung gibt es – ungewöhnlich für Schweizer Verhältnisse – nicht: die Schreckhornhütte bei Grindelwald im Berner Oberland. Die Hütte ist schon ihrer Lage wegen weniger bekannt als etwa die benachbarte Konkordiahütte am Aletsch-Gletscher. Immerhin zählt der Hüttenzustieg zu den schönsten in den Alpen. Anfangs, im 19. Jahrhundert, als vor allem die Engländer dort hinauf gewandert sind, ließ sich der Platz recht einfach über den Unteren Grindelwald-Gletscher erreichen.

Von: Andreas Burman

Stand: 03.08.2019

Der ist heute durch den Klimawandel stark zurückgegangen und den aktuellen Weg, am Berg entlang, hat der Schweizer Alpen Club SAC auf der sechsstelligen Schwierigkeitsskala mit „T 4“ eingestuft. Doch es lohnt, die Mühen des rund vierstündigen Aufstiegs über 1500 Höhenmeter bis zu der 2530 Meter hoch gelegenen Hütte am Fuß des Schreckhorns auf sich zu nehmen.

Gerne verwöhnt Ludivina ihre Gäste mit griechischer Küche, was Richi auch mal mit einer Runde Ouzo abrundet

Mit seinem weißen, aber jugendlich-wuscheligen Haar kommt mir Richard „Richi“ Riedi entgegen und begrüßt mich mit gutgelauntem breiten Lächeln und einem herzlichen Händedruck. Seit der Saison 2017 ist er Hüttenwart in der Schreckhornhütte. Die Hütte wirkt vom Aussehen her noch richtig ursprünglich und hatte zwei Vorgänger. 1877 eröffnete in ganz in der Nähe die Schwarzegghütte. Sie wurde aus Instandhaltungs-Gründen 1949 aufgegeben und durch die etwas höher gelegene Strahlegghütte ersetzt. Als eine Lawine Ende der 1970er Jahre diese schwer beschädigte, wurde 1981 die Schreckhornhütte gebaut. Doch inzwischen nagt auch hier der Zahn der Zeit. Die Fächer im recht engen Vorraum bieten zu wenig Platz für Rucksäcke und Schuhe, der schlichte Waschraum ist zweifellos zu klein, wenn alle 65 Lager im ersten Stock belegt sind, Dusche – Fehlanzeige. Es ist höchste Zeit fürs Renovieren, sagt Richi, auch wenn viele Leute das altmodische Ambiente viel mehr schätzen als diese hochmodernen neuen Hütten, die auch hier in der Schweiz entstanden sind. Immerhin sind die zwei Diesel- und Benzingeneratoren zur Stromerzeugung inzwischen durch eine Solaranlage ergänzt worden. Auch der Internetanschluss ist neu. Weitere Investitionen für 70.000 Franken sind versprochen.

Richi und Ludivina in ihrer guten Stube

Richis Schwester Ludivina hilft auf der Hütte mit. Die Mitsechzigerin sorgt morgens ab sieben für das leibliche Wohl der Gäste. Gerne kocht Ludivina schmackhaft griechisch, denn außerhalb der Hüttensaison wohnt sie in Griechenland, und wenn sie dann in der Hütte ein griechisches Büffet serviert, spendiert ihr Bruder auch mal einen Ouzo. Die Gäste kommen aus aller Herren Länder von New York bis Tel Aviv, weil der Hüttenzustieg als einer der schönsten Wege in der Schweiz gilt. Die meisten der rund 1000 Gäste in der Saison von Juli bis September sind aber Bergsteiger mit dem Schreckhorn als Ziel. das, so der Hüttenwart, viel anspruchsvoller ist als zum Beispiel das Matterhorn oder Weißhorn. Richi war selbst auch Bergführer. Wenn einem auf dem Hüttenzustieg in einem der überquerten Bachläufe Wasser in die Bergschuhe geflossen ist, so wie mir, dann trocknet Richi die Schuhe schon mal schnell im Backofen, was seine Schwester aber nicht wissen darf ...

Eine Stelle, an der mal kurz ein wenig abgeklettert werden muss, ehe es wieder steil aufwärts geht

Morgens um halb zwei gibt es Frühstück für die Schreckhorn-Aspiranten. Wer auf das Strahlegghorn möchte, frühstückt um halb fünf und die Hüttenwanderer sind um sieben Uhr dran. Danach heißt es Saubermachen, Reparieren, Geräte warten, Kochen, Backen, Bestellungen für die wöchentliche Heli-Lieferung notieren – da kommen schon mal 17 Stunden zusammen. Zur Entspannung greift Ludivina gerne zu einem Buch oder hört Musik, ihr Bruder Richi gönnt sich am späten Vormittag mal kurz im Liegestuhl das herrliche Breitwand-Panorama mit Eiger, Fiescher-, Finsteraar-, Lauteraar- und Schreckhorn vor der Hütte.

Die Schreckhornhütte steht am Fuß des Bergs

Das 4078 Meter hohe Schreckhorn in den Berner Alpen bei Grindelwald ist der nördlichste Viertausender nicht nur der Alpen, sondern ganz Europas. Schon 1729 hat Albrecht von Haller in seinem berühmten Gedicht „Die Alpen“ von des „Schreckhorns kaltem Haupt“ geschrieben. Alpinisten fasziniert die Pyramide des Schreckhorns seit jeher, auch wenn der wohl schwierigste Viertausender der Berner Alpen immer ein wenig im Schatten der berühmten Eiger-Nordwand steht. Dabei ist das Schreckhorn Berg gar nicht so schrecklich Seinen Namen hat der Berg von den – wie der Schweizer sagt - steil empor schreckenden Flanken.

Kurz nach 1 Uhr 30 stehe ich vor der Schreckhornhütte und schaue gespannt in den Nachthimmel. Noch vor vier Stunden ist ein Gewitter niedergegangen. Auch Marco Bomio, mein Grindelwalder Bergführer, sieht prüfend hinaus, zögert und entscheidet dann zu gehen. Wir verlassen die Hütte nicht bergauf, sondern erstmal bergab und steigen im Licht der Stirnlampen die etwas rutschige Seitenmoräne zum Oberen Eismeer-Gletscher hinab. Etwa einhundert Meter tiefer und zwanzig Minuten später weisen zwei Schilder mit reflektierenden Pfeilen auf die Stelle, an der wir den Gletscher verlassen müssen - eine sinnvolle Orientierungshilfe von Schreckhorn-Hüttenwart Richi. Ein kleines Fixseil erleichtert den Aufstieg, es geht 700 Höhenmeter in schmalen Kehren und durch Geröll hinauf zum Rand des Schreckgletschers auf 3200 Meter Höhe. Jetzt heißt es Steigeisen anziehen, weil der Gletscher viele blanke Stellen hat.  

Ein steiles schmales Band zum Klettern und Gehen oberhalb der Schulter

Langsam graut der Morgen, westlich von uns bewegen sich am Eiger kleine Lichter den Mittellegigrat hinauf. Zu unserer Rechten ist oberhalb der Schrecksattel zu sehen. Über ihn gelang die Erstbesteigung des Schreckhorns Mitte August 1861 durch den Engländer Leslie Stephen und drei Schweizer Begleiter. Das insgesamt etwa einen Kilometer lange Halbrund mit seinen wie von einer Gabel längs gefurchten Felsrippen verbindet das Schreck- mit dem Lauteraarhorn. Gegen 6 Uhr erreichen wir unsere Einstiegsstelle ins Felsgelände und müssen den Bergschrund überwinden, der in den letzten Jahren und vor allem in der zweiten Saisonhälfte immer schwieriger geworden ist. Mit einem großen Schritt wechseln wir über den tiefen Schlund vom Eis auf eine schmale Leiste am plattigen Fels. Auf einem komfortablen Band gleich darüber lassen wir Steigeisen, Pickel und Stöcke zurück. Läge noch genug Schnee, könnten wir die nächsten etwa dreihundert Höhenmeter über die schräg ansteigende sogenannte Rampe machen. Jetzt ist sie jedoch trocken und steinschlag-gefährdet. Links von ihr, im steilen Fels aus sogenanntem Erstfelder Gneis, dauert der Aufstieg etwas länger, ist aber sicherer und hat Bohrhaken. Die letzten 300 Höhenmeter teilen sich in zwei Aufschwünge mit feiner Kletterei in bestem Fels.

Plötzlich lehnt sich die Aufstiegslinie zurück und Minuten später stehen Marco und ich auf dem Gipfel des Schreckhorns. Auf dem Gipfel scheint die Sonne, der Eindruck ist gewaltig. Neben dem zerklüfteten Verbindungsgrat zum Gipfel des knapp 40 Meter niedrigeren Lauteraarhorns ziehen vor allem die schnittigen Flanken von Finsteraarhorn, Fiescherhorn und Eiger den Blick auf sich. Nach einer Viertelstunde beginnen wir den Abstieg mit etlichen Abseilstellen. Als ich spät am Abend zurück in Grindelwald eintreffe, habe ich insgesamt 19 Stunden mit rund 2000 Aufstiegs- und 3300 Abstiegsmetern in den Beinen.

Mehr Informationen gibt es unter www.sac-basel.ch/schreckhornhuette

Karte: Die Schreckhornhütte

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Karte: Die Schreckhornhütte


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