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Klettertour in den Lienzer Dolomiten Auf den Roten Turm über die Bügeleisenkante

Ein Kranz von Bergspitzen bildet die Lienzer Dolomiten über dem Drautal bei Lienz in Osttirol. Ein Blick genügt, um zu sehen, dass es hier feines Klettergelände gibt. Der Fels wird wie in den Nordalpen aus hellgrauem Hauptdolomit gebildet, um die Karlsbader Hütte herum finden sich Kletterrouten aller Schwierigkeitsgrade. Ein einfacher Klassiker ist die Bügeleisenkante hinauf auf den Roten Turm, einen der Hauptgipfel der Lienzer Dolomiten.

Von: Angela Braun

Stand: 17.06.2021

Lienzer Dolomiten: Innehalten auf dem Roten Turm | Bild: BR/Georg Bayerle

Schon der Zustieg zur Klettertour ist ein alpines Erlebnis, denn die Bügeleisenkante startet direkt am Rudi-Eller-Weg, der das „Vogelnest“ der auf einen Felsabbruch gebauten Dolomitenhütte mit der Karlsbader Hütte verbindet. Ganz unverstellt liegen das Drau- und Isel-Tal unter uns, dahinter ragen die Gletscherberge vom Großvenediger bis zum Hochschober auf. Ein lebhafter Wind bläst, aber es ist glücklicherweise kein eisiger Gletscher-Nordwind.

Alter Theniushaken neben moderner Sicherung

Zunächst geht es über ein paar glatte Platte, dann folgt gleich die Schlüsselseillänge: eine Querung über ein paar kurze Aufschwünge, an denen eigenartig ineinander gebogene Eisenhaken montiert sind. Bergführer Felix Tschurtschentaler nutzt diese „Theniushaken“, um das Kletterseil zu verankern.

Alfred Thenius war Ingenieur und als solcher ein technischer Wegbereiter in den Bergen: Er hat den Rudi-Eller-Weg ebenso mitgebaut wie die Felbertauernstraße und plante die großangelegten Flussregulierungen von Isel und Drau. Diese Pionierleistungen werden heute allerdings nicht mehr in allen Aspekten so einhellig positiv beurteilt wie noch in den 1950er- bis -70er-Jahren. Hier im Fels der Kleinen Laserzwand ist jede schwierigere Kletterstelle mit so einem Hakenungetüm garniert. Somit besitzt die Kletterei alpinhistorischem Charakter.

Aufstieg zum Roten Turm

Nach den ersten zupackenden 50 Metern ist die eigentliche Bügeleisenkante erreicht: Sie lehnt sich angenehm in der stellenweise überhängenden Laserzwand zurück. Die Kulisse ist atemberaubend, denn direkt nebenan steilt sich ein 200 Meter hoher wulstiger Wandvorbau auf - eine legendäre Herausforderung für die besten Kletterer der Gegend wie damals Toni Egger. Es war die Zeit der extremen technischen Routen. Toni Egger, der 1957 am Cerro Torre ums Leben kam, hat bleibende Marken gesetzt, auch für Vertreter der heutigen jungen Klettergeneration, die gerne frei klettern.

Es ist spannend zu sehen, wie sich die Grenzen des Klettermöglichen in den vergangenen 50 Jahren verschoben haben, während wir hier genüsslich und nach oben hin immer leichter die Bügeleisenkante hinaufturnen. Oben mündet sie auf ein schrofiges Plateau mit einem kleinen Gipfelnock, dahinter aber steht der noch einmal rund 100 Meter höher aufragende Rote Turm - ein trutziges Felsgebilde, wo heute noch schwierigste Routen neu erschlossen werden.

Blick ins Drautal

Für Normalkletterer schwindeln sich auch leichte Kletteranstiege durch die zerklüfteten und gegliederten Wandfluchten. Auf dem 2700 Meter hohen Roten Turm stehen wir dann 2000 Meter über dem Drautal. Der Blick in die bizarre Szenerie des Felsenkessels direkt vor uns und auf die weitgezogene Kette des Alpenhauptkamms ist der buchstäbliche Höhepunkt dieses Kletterwegs durch die Felswände der Lienzer Dolomiten.

Karte: Lienzer Dolomiten

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Karte: Lienzer Dolomiten


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